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Mainzer Staatstheater: Der Graf stolpert in der "Hochzeit des Figaro" über die „Me-Too“-Debatte

Mozarts Bühnenwerk fängt in der Neuinszenierung ganz brav an, löst aber dann unwillkürlich eine Revolution gegen den brutalen Adel aus.
Zur Sache, Schätzchen: Gräfin Almaviva (Nadja Stefanoff) erliegt Cherubino (Solenn Lavant-Linke), mit dem Adel geht’s bergab. Zur Sache, Schätzchen: Gräfin Almaviva (Nadja Stefanoff) erliegt Cherubino (Solenn Lavant-Linke), mit dem Adel geht’s bergab.

Am Ende von Mozarts „Hochzeit des Figaro“ gewährt die Gräfin ihrem chronisch ungetreuen Grafen Vergebung. Musikalisch ist die Stelle eine jener Offenbarungen, die eine Illusion von Transzendenz schafft. Gewöhnlich geht hier, nach einem langen, turbulenten Bühnengeschehen, ein Schauer der Rührung durch den Zuschauer unter der Wirkung der läuternden Musik und der geradezu heiligen Güte der Gräfin. In der Neuinszenierung am Mainzer Staatstheater von Elisabeth Stöppler werden die Eindrücke jener musikalischen Erhabenheit letztlich negiert und unterdrückt durch die Empfindung von Ekel und Grobheit.

Dabei fing alles so artig an. Wäh-rend der Ouvertüre zeigten sich die Rollenträger des Stücks gekleidet und maskiert wie die Schauspieler der Commedia dell’arte. Doch nach und nach werden Masken abgelegt, aus dem Spiel der lustig-groben, archetypischen Figuren wird bitterer Ernst. Ebenfalls von der Comedia dell’arte abgeleitet ist Annika Hallers spartanisches, aber eindrucksvolles Bühnenbild aus nackten Bretterwänden, das später in Bewegung kommen, sich verwerfen und „fallen“ wird.

Monster im Mieder

Durch Kaiser Joseph II. protegiert, kam die Oper unbeschadet durch die Zensur und wurde an Hoftheatern aufgeführt. Ihr revolutionärer und aufklärerischer Geist ist unbestritten. Ganz wie am Ende der Mainzer Inszenierung wird es nicht mehr lange auf sich warten lassen, bis brutale Unsympathen die Köpfe von anderen brutalen Unsympathen rollen lassen werden. Und damit das Stück mit größerer Wirkung als Revolutionsoper funktioniert, wird der Herr Graf als noch größeres Monster dargestellt. In Strapsen und Ledermieder (offenbar ein verirrtes Zitat aus der „Rocky Horror Show“) will er nicht nur den Zofen an die Wäsche gehen. Die Gräfin sitzt derweil auf gepackten Koffern und unterhält eine Beziehung zu Cherubino, der in Mainz kein androgyner und verträumter Knabe ist, sondern ein ganz dreistes Früchtchen.

Viele Ideen der Regie sind durchaus spannend, passend, intelligent und wirkungsvoll. So ist beispielsweise die in einem Schockeffekt gipfelnde Aufwertung der blassen Rolle des Höflings Basilio geradezu genial. Eher genital ist ansonsten der deflorationsblutrote Faden der Inszenierung. Gesellschaftliche Strukturen, die den Menschen ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung nehmen, bekommen es mit Revolution zu tun. Dieses Thema wird von der Regie virtuos herausgestellt, sie erzeugt dabei aber auch schmerzliche Widersprüche und Kollateralschäden.

Mehr noch als die Demaskierung liebgewonnener Opernfiguren schmerzt bisweilen ein leises me-tallisches Pfeifen und Klirren im Saal, vermutlich eine Rückkopp-lung des Mikrofons, das zur Ver-stärkung des zarten Klangs des Hammerklaviers im Graben stand. Musikalisch war die Aufführung unter der Leitung von Valtteri Rauhalammi zügig und grundsolide. Die Rezitative und manche Arien werden bei weiteren Aufführungen sicherlich einen noch natürlicheren Fluss erhalten.

Grobheit im Gesang

Darstellerisch leisten die Sänger Großartiges. Unbedingt hörenswert sind zudem Susanna (Alexandra Samouilidou), Cherubino (Solenn Lavant-Linke), Barbarina (Daria Kalinina), die Gräfin (Nadja Stefanoff). Figaro (gelegentlich näselnd und knurrend: Stephan Bootz) und der Graf (Brett Carter) spiegeln die Grobheit ihrer Rollenkonzeption freilich mitunter auch sängerisch.

Beim Mainzer Premierenpublikum kam die Aufführung durchweg gut an.

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