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Lesung mit Ben Becker: Der Heilige Geist brauste dem Zuhörer um die Ohren

Von Ben Becker führte auf dem Mainzer Domplatz seine jüngste Bibel-inspirierte Lesung auf: „Ich, Judas“ nach Amos Oz und Walter Jens.
Intensiver Auftritt: Ben Becker bei seiner „Ich, Judas“-Lesung vor dem Mainzer Dom. Foto: Sven-Sebastian Sajak Intensiver Auftritt: Ben Becker bei seiner „Ich, Judas“-Lesung vor dem Mainzer Dom.
Mainz. 

Einmal wird der Zweifel an der extremen Emotionalität des Schauspielers Becker schier überwältigend. Da hat man sich bereits daran gewöhnt, wie er auf der Bühne mit angedeutetem Kirchenraum und Altarbild in die Haut des Verräters Judas einwächst: der Schauspieler in Weiß, der sich zwischen Orgelstücken J. S. Bachs und Zitaten aus dem Neuen Testament, salbungsvoll unter zitterndem Pathos, als radikal Verkannten gebärdet und sich die Judas- und Judenhasserei aus zweitausend Jahren um den Opfer-Hals hängt. Heftig, heftig! Aber damit lässt sich leben, obwohl Becker dem Boulevard, dem er ebenso zugehört wie der Bühnenkunst, schon mal durch Hitlergruß und Drogenexzesse auffiel. Moralisch konsistent ist dieser böse Bube also kaum.

Zuviel droht es jedenfalls zu werden, als Becker die Holzhammer-Wucht seines Auftritts nochmals steigert, von „Oma“ loszuschluchzen beginnt und aus dem Text-Ablauf aussteigt. Letzteres nicht zum ersten Mal, wobei es sonst an Akustik-Pannen, Glockenschlag und Fluglärm liegt. Was für ein Zynismus wäre das aber, wenn sich der Schauspieler mit dem unsteten Temperament nur aus Effekthascherei eine jüdische Großmutter andichten würde, damit er ein bisschen mehr „Ich, Judas“ werde!

Genau das stimmt zum Glück nicht. Nach Recherchen der „Düsseldorfer Nachrichten“ kam Claire Schlichting, die Mutter seiner Mutter, als sogenannte Halbjüdin nur mit Glück durch die NS-Zeit, bevor sie im Düsseldorf der 50er Jahre eine Art Kabarett betrieb. Verständlich also, dass sich Becker in seinem Programm über Judas und die Folgen an die Oma erinnert fühlte und deren Erfahrungsberichte in Sachen Antijudaismus nicht verleugnen mochte.

Kraftvoll und affektiert

Und sonst? Beckers „Ich, Judas“, 2015 vom mehrjährigen Salzburger „Jedermann“-Akteur im Berliner Dom selbst inszeniert, ist nicht nur in der Textauswahl Stärken und Schwächen Beckers auf den Leib geschneidert (Dramaturgie: John von Düffel). Wuchtige Identifikationsfiguren wie er vertragen ja keine intellektuellen Feinheiten und brauchen gar nicht ernstgenommen zu werden, wenn sie so tun, als wäre ein Judas, der Jesus als Vollstrecker im Dienst der Welterlösung dient, eine heiße Neuentdeckung und kein alter Hut aus der frühen Kirche, wie es die leidige Wahrheit will. Walter Jens’ „Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ bringt das Thema im zweiten Teil des Abends aufs Tapet. Teil 1 tut dasselbe mit einem Kapitel aus Amos Oz’ Roman „Judas“.

In dieser Textlandschaft, neutestamentlich gewürzt, lebt Becker von der Wucht der Gefühle und Effekte. Da braust uns eingangs mit Bachs Fantasie in C-Moll der Heilige Geist um die Ohren, während wir noch die Bühne entschlüsseln. Ein moderner Crucifixus hängt über dem symbolischen Altar, der scheinbar schief im Boden versinkt wie die „Titanic“ und die Bücher des Abends mitzieht. Becker spielt so entschlossen kraftvoll und so affektiert, wie man es von ihm kennt. Später weist er mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger anklagend auf den Mainzer Dom, um das arme Opfer Judas gegen Gott und seine Stellvertreter zu „positionieren“. Oder er wendet sich vom Lesepult ab, um vor, auf und hinter dem Altar zu turnen.

Frei von Sakral-Kitsch ist das alles nicht. Aber dafür geht man ja auch nicht zu Ben Becker.

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