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Strindbergs „Rausch“ am Schauspiel Frankfurt: Der Kater ist schon vorher da

Von Trotz prominenter und guter Darsteller beendet man den Abend mit Strindbergs „Rausch“ am Schauspiel Frankfurt eher nüchtern als theatertrunken.
Robert Stadlober und Jacqueline Macaulay in Strindbergs „Rausch“. Robert Stadlober und Jacqueline Macaulay in Strindbergs „Rausch“.
Frankfurt. 

Wie viel reale Macht hat die Kraft der Gedanken? Reicht es, bereits etwas Schlechtes zu denken oder zu wollen, um jemanden zu töten? Und: Wie viel Pflichterfüllung und Askese, wie viel Lebensgenuss und Rauschzustände dürfen oder müssen sein? Diese Fragen ziehen sich durch August Strindbergs 1900 in Stockholm uraufgeführtes Stück „Rausch“ (Originaltitel: „Brott och Brott“, wörtlich übersetzt: Verbrechen und Verbrechen).

In „Rausch“ begehrt der Schriftsteller Maurice Henriette, die schöne Freundin seines Maler-Freundes Adolphe, obwohl Maurice mit seiner pflichtbewussten Partnerin Jeanne eine fünfjährige Tochter hat. Tatsächlich verbringen Maurice und Henriette eine Nacht miteinander. Es ist ausgerechnet die Nacht, in der das erste Stück von Maurice eine fulminante Aufführung erlebt. Eine Nacht, nach der Maurice sich sogar den Tod der eigenen Tochter wünscht. Und eine Nacht, nach der die kleine Tochter tatsächlich tot aufgefunden wird.

Entfremdetes Paar

Nicht nur Maurice weiß nicht, ob er schuldig ist – auch wird er verdächtigt und verdächtigt selbst. Mit der Festnahme scheint sein Erfolg als Autor, der doch eben erst begonnen hat, schon wieder vorbei. Ruhrfestspiel-Intendant Frank Hoffmann hatte dieses Strindberg-Stück um Aufstieg und Fall eines Schriftstellers mit prominenten Schauspielern wie Wolfram Koch, Robert Stadlober oder Jacqueline Macaulay für die Ruhrfestspiele Recklinghausen inszeniert. Strindberg (1849–1912) hatte Wahnvorstellungen, befasste sich mit Okkultismus. Im Stück nahm er das eigene Leben zur Vorlage: Er hatte in Paris gelebt, sich im Umkreis eines Cafés bewegt, in dem Künstler, darunter Paul Gaugin, verkehrten. Er war einer Bildhauerin begegnet, die ihn faszinierte. Und dennoch wirkt „Rausch“, 1899 innerhalb weniger Wochen geschrieben, wie eine etwas konstruierte Versuchsanordnung.

Hoffmann versucht das mit Psychologie zu mildern. Die Katerstimmung scheint in seiner Inszenierung schon vor dem Rausch ausgebrochen zu sein. In der Crémerie von Madame Cathérine, in der sich Maurice und Henriette begegnen, stehen Flaschen in den Regalen. Von Liebesekstase ist keine Spur. Vielmehr stolpern die beiden im wahrsten Sinne des Wortes übereinander. Später sehen sie sich (wie andere auch) oft nicht an, wenn sie miteinander reden. Stattdessen starren Stadlobers Maurice und Macaulays Henriette oft geradeaus wie ein längst entfremdetes Paar vor dem Fernseher. Die Krise ist da, bevor die beiden sich überhaupt nahekommen können. Und am Morgen danach ist der Kater sogar noch etwas schlimmer, weil die (auch gegenseitigen) Verdächtigungen beginnen. Das Leben ist ein müder Abklatsch von Bohème – auch und gerade weil etwa die wunderbare Maria Gräfe als ein bisschen verlotterte Kellnerin Chansons von Edith Piaf anstimmt. Paris und die Liebe werden nur bruchstückhaft angesungen und so eher wie ein fernes Echo zum Klingen gebracht.

Äußerlich einander entgegengesetzt sind Macaulays brünette Henriette und die blonde, fast mädchenhaft erscheinende Sinja Dieks (Jeanne). Maculays Henriette ist eine gewissenlose Femme fatale auf High Heels. Ein Luder, für das Verantwortung ein Fremdwort ist. Ein Luder allerdings, das einerseits von schwankenden Stimmungen getrieben, andererseits berechnend ist, bei dem man nie weiß, woran man in der nächsten Minute ist.

Kein Rückgrat

Robert Stadlober nimmt den Wankelmut seines Maurice mit in den Körper: ein wenig linkisch tappst er über die Bühne oder verknotet sich die Füße. Selbstmitleid zeichnet ihn eher aus als Rückgrat. Wie in einem unausweichlichen Räderwerk fahren Friedhof oder Crémerie als Kastenelemente nach vorne, werden die Darsteller dichter ans Publikum geschoben oder von diesem entfernt.

Das ist zwar alles nicht falsch, macht aber Strindbergs nicht allzu oft gespieltes Stück, bei dem man sich fragt, warum es als Komödie gilt, nur wenig besser. Komödiantisch ist einzig Wolfram Koch, der in der Doppelrolle Abbé und Kommissar auftaucht (das passt, denn auch eine Bemerkung im Stück suggeriert die Nähe zwischen Kirche und Polizei), grimassiert, seinen Stock schwingt oder wie ein Asthmatiker hechelt und japst.

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