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Der Kosmos ist ein einziges Rätsel

In seinen altmeisterlich gemalten Fantasielandschaften entwirft der Künstler eine ganz eigene, surreal anmutende Wirklichkeit, die es so nicht gibt.
„Auf großer Fahrt“ heißt das tropisch anmutende Ölgemälde von Michael Fieseler mit dem Flugkörper oben links (2014). 	Abbildung: Galerie Punzmann „Auf großer Fahrt“ heißt das tropisch anmutende Ölgemälde von Michael Fieseler mit dem Flugkörper oben links (2014). Abbildung: Galerie Punzmann

Fremde Welten, taumelnd zwischen Inferno und Morgenröte, schwerlos zwischen Flug und Fall. Eier, Büsche, Bäume mit weichem Strich hingehaucht. Sind sie flauschig, schmeichelnd oder kühl und hart wie Kieselsteine? Niemand weiß es. Auch Michael Fieseler nicht. „Ich lasse es offen, wohin meine Gewächse gehören. Sie könnten Teil einer Unterwasserwelt sein“, erklärt der Künstler seine „Unwelt“, so ein Bildtitel von 2014.

In der Schwebe

Egal, ob Perlen im Wasser schweben oder riesige Schirme gen Himmel streben, Michael Fieselers verfremdeter Kosmos gibt Rätsel auf. Er nennt seine Arbeit freie figürliche Malerei: Formen, die ein realistisches Bild ergeben, das es in der Wirklichkeit nicht gibt. Eine Reihe dieser großformatigen Bilder aus den vergangenen zehn Jahren ist jetzt in der Frankfurter Galerie Thomas Punzmann Contemporary zu sehen. Schüttet der Künstler vor dem Betrachter ein Wunderhorn verträumter Ideen aus, so folgt er selbst strengen Regeln. Bildaufbau und Maltechnik orientieren sich an der Düsseldorfer Malerschule des 19. Jahrhunderts. Als er in Hamburg eine Ausstellung der „Hudson River School“ sah, amerikanischer Landschaftsmaler der Romantik, gingen ihm die dramatischen Landschaften, die sturmzerzausten Gewitterhorizonte, nicht mehr aus dem Kopf. „This is your land“ heißt sein 2012 gemaltes Bild, auf dem Wolken wie Feuerzungen am Himmel lecken. „Ich male nicht ab, ich verfremde“, erklärt Fieseler den Umgang mit seinen Vorbildern.

Diese altmeisterlich gestalteten Fantasielandschaften verraten einen technisch versierten Künstler. Der 1966 in Bad Arolsen geborene Preisträger der Darmstädter Sezession beendete sein Studium an der Kasseler Kunsthochschule als Meisterschüler von Kurt Haug. Ende der 90er Jahre war ihm die Kunstgeschichte ein besonderes Anliegen. Damals kopierte er Herrscherporträts, wie Bellinis berühmten Dogen, um sie später wild zu übermalen und ihre Autorität zu brechen. Heute bleiben seine Landschaften im Schwebezustand, nicht zu verorten, rätselhaft, unmenschlich bis zur Unbewohnbarkeit. Da nützt auch die wissenschaftliche Vernunft nichts, wie sie die Botaniker und Forscher auf seinen Bildern vertreten. „H.M. Stanley“, der Afrikaforscher, ein Bild von 2011, und Arne Saknussemm („Saknussem’s Reise“, 2009), der Alchemist aus Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, arbeiten sich am Unerklärlichen ab. Ratlos untersuchen sie Fieselers Welt, unfähig, die amorphen Formen in die Flora einzuordnen. Das malerische Spiel mit Traum und Wirklichkeit lässt auch den Betrachter trotz leuchtender Farben im Dunklen tappen. Kaum glaubt man eine Szene zu erfassen, entzieht sie sich auch schon im selben Augenblick.

Bilder ohne Inhalt

Das zeigen besonders frühere abstrakte Arbeiten wie „Die Ruhe auf der Flucht“ von 2001. Die üppige Szene auf einer südländischen Terrasse erweist sich als völlig ungegenständliches Durcheinander aus Stoffen, Schalen und angedeuteten Silhouetten. Das Abgebildete verneint jeden Inhalt. Fieseler zeigt die Anmutung eines Gegenstands, um den Betrachter auf sich selbst zurückzuwerfen. Dieser erkennt bekanntlich nur Dinge aus seinem eigenen Erfahrungsschatz. Es bleibt jedem überlassen, ob diese Kunst Wunsch- oder Albträume bei ihm weckt, ob der flammende Himmel prachtvolles Morgenrot oder drohendes Inferno bedeutet.

Galerie Thomas Punzmann Contemporary, Weckmarkt 9, Frankfurt. Bis 6. Dezember, dienstags bis freitags 11–18.30 Uhr, samstags 11–15 Uhr.
Telefon (069) 24 45 01 91.
Internet www.punzmann-contemp.com

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