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August Sander in Münchens Pinakothek: Der Mensch der 20er Jahre

In den 20er Jahren arbeitete der Lichtbild-Künstler aus dem Sauerland an einer Bestandsaufnahme der damaligen Gesellschaft – durch alle Schichten hindurch.
Der „Handlanger“, 1928 von August Sander fotografiert, ist eine typische Erscheinung der damaligen Zeit. Die Aufnahme zeigt die harte körperliche Arbeit des Steineträgers, aber auch die Würde seiner Anstengung.	Abb.: VG Bild-Kunst Der „Handlanger“, 1928 von August Sander fotografiert, ist eine typische Erscheinung der damaligen Zeit. Die Aufnahme zeigt die harte körperliche Arbeit des Steineträgers, aber auch die Würde seiner Anstengung. Abb.: VG Bild-Kunst

Eine Gesellschaft bildlich zu erfassen, wie Susan Sonntag über August Sanders Porträtfotografie sagt, ist wohl nur diesem Fotografen geglückt – und das nur zu Teilen. In der Münchner Pinakothek der Moderne sind nun 80 Werke von August Sander aus der Sammlung Lothar Schirmer zu sehen. Anlass der Ausstellung ist der 50. Todestag August Sanders und das 40-jährige Jubiläum des Kölner Verlags Schirmer und Mosel. August Sander plante in den 20er Jahren ein „Kulturwerk in Lichtbildern“, das, in sieben Gruppen und in einzelne Mappen unterteilt, eine visuelle Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft zeigen sollte. „Menschen vor Flusslandschaft“ heißt hierzu der Ausstellungstitel.

Die fotografisch porträtierten Menschen sollten in absoluter „Naturtreue und Wahrhaftigkeit“ wiedergegeben werden. Das Werk führt von der ersten Gruppe der Bauern über die Handwerker, die Frau und die Stände bis hin zur höchsten Spitze der Kultur, den Künstlern und Kulturschaffenden. Aber auch soziale Randgruppen wie Zirkusleute, Landstreicher und Bettler porträtierte Sander und endete bei Behinderten. Sander wollte mit seinem Werk ein „physiognomisches Zeitbild des deutschen Menschen und seines Lebensumfelds“ schaffen, wie er selbst in einem Brief schrieb.

 

Mit Einfühlungsvermögen

 

Seine außergewöhnliche Beobachtungsgabe, die Fähigkeit, das Typische im Einzelnen zu visualisieren, war, wie Walter Benjamin in seiner 1931 publizierten „Kleinen Geschichte der Fotografie“ schrieb, sowohl „kühn wie von zarter Einfühlung getragen.“ Daraus sind Bilder von hoher erzählerischer Dichte entstanden. Viele von Sanders Modellen stammten aus Köln und der Umgebung. Er selber wurde 1876 in Herdorf im Siegerland geboren. Als Sohn eines Bergbau-Zimmermanns arbeitete er nach der Volksschule als Haldenjunge in den Gruben rund um seinen Heimatort. Mit der Fotografie in Berührung kam Sander, als er einem Fotografen half, der für die Bergwerksgesellschaft tätig war. Weitere Kontakte zur Fotografie ergaben sich für Sanders während seines Wehrdiensts. Später übernahm er ein Fotoatelier in Linz an der Donau, bevor er 1910 Österreich wieder verließ und nach Köln zurückkehrte. Die beiden Weltkriege bescherten ihm viele persönliche Härten, unter anderem wurde sein Atelier 1944 bei einem Luftangriff zerstört. Sein Sohn Erich kam unter den Nationalsozialisten in politischer Haft um. August Sander seinerseits starb in Köln am 20. April 1964. Beerdigt liegt er auf dem Melaten-Friedhof.

Die ersten seiner Porträts waren zumeist Auftragsarbeiten und Bildnisse von Bauern aus der nächsten Umgebung seines Geburtsortes Herdorf. Der Bauer stellte für Sander den Archetypus dar, der eng mit seinem unmittelbaren Lebensumfeld, der Natur, verbunden war. Ebenfalls Berücksichtigung in seinem Werk fanden die Künstlerfreunde, mit denen er sich seit den 20er Jahren umgab. Unter den „Rheinischen Progressiven“ befand sich auch Heinrich Hoerle. Ihm verdankte Sander viele weitere Kontakte, sein Porträt hing in August Sanders Arbeitszimmer in Köln und später auch in seiner Kuchhausener Enklave.

 

Nicht ohne Retusche

 

Sander war Berufsfotograf, er benutzte eine klassische Studio-Kamera und großformatige Glasplattennegative. Keineswegs Flaneur, stellte er ein Stativ auf und arrangierte seine Sujets. Teilweise retuschierte er nachträglich die Negative wie die Positive, was in der avantgardistischen Fotografie als Sakrileg galt. Zu sehen ist diese Technik in der Münchner Ausstellung gut an einer der bedeutendsten Aufnahmen, dem „Handlanger“. Hier ist das Motiv im Negativ freigestellt und zudem im gesamten unteren Bereich der Hände und Beine stark nachbearbeitet – offensichtlich, um problematische Lichtverhältnisse auszugleichen. Ein solcher Aufwand scheint im Rückblick nur gerechtfertigt, weil der junge Mann den Typus des einfachen, körperlich schwerst Arbeitenden auf geradezu selbstbewusste Weise verkörpert.

Vergessen und wenig beachtet wurde die Tatsache, dass Sander in den 20er Jahren parallel auch Landschaftsansichten schuf, rund 3000 Bilder und eine Dokumentation der Stadt Köln. Auch diese Aufnahmen ordnete Sander, der heute als einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts gilt, in einer Vielzahl von Mappen. Neben Architektur und Stadt hatte der Fotograf weitere Mappen zu Parks und zu Köln in der Winterzeit geplant. Für letztere verfasste er einen melancholischen Text, dem die ersten zwei Strophen von Goethes Gedicht „An den Mond“ vorangestellt waren: „Hier (zur Winterzeit) bietet sich die Möglichkeit, Natur und Familie in aller Stille zu verbinden, und aus dieser Zeit heraus … die Umgebung zu gestalten“. Diese Stimmung findet man auch in den fast piktorialistisch anmutenden Aufnahmen, etwa vom winterlichen Stadtwald.

Sanders dokumentarisches und zugleich künstlerisch eigenständiges Prinzip haben erst spätere Fotografen-Generationen gewürdigt und fortzusetzen gewusst, wie die Ausstellung in wenigen ergänzenden Beispielen zeigt.

 

Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, München. Bis 24. August, dienstags, mittwochs, freitags, samstags, sonntags 10–18 Uhr, donnerstags 10–20 Uhr.
Eintritt 10 Euro, Katalogbuch 39,80 Euro.
Telefon (089) 23 80 53 60.
Internet www.pinakothek.de

 

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