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Die letzten Tage des Gletschermenschen: „Der Ötzi war total tätowiert“

Der Regisseur und Drehbuchautor Felix Randau hat sich ausgedacht, wie die letzten Tage des Gletschermenschen aus Tirol ausgesehen haben könnten.
Der unbekannte Mann aus dem Ötztal (Jürgen Vogel), heute Ötzi genannt, durchstreift mit Axt und Pfeil und Bogen das Gebirge. Der unbekannte Mann aus dem Ötztal (Jürgen Vogel), heute Ötzi genannt, durchstreift mit Axt und Pfeil und Bogen das Gebirge.

Wie starb Ötzi? Die Wissenschaft weiß bisher keine eindeutige Antwort auf die Frage zum Tod des bekannten Steinzeitmenschen. Dessen mumifizierter Körper wurde 1991 nach mehr als 5000 Jahren aus dem Eis der Ötztaler Alpen in Südtirol geborgen. Autor und Regisseur Felix Randau („Die Anruferin“) erzählt in „Der Mann aus dem Eis“ eine erfundene Geschichte über das Sterben des Mannes. Die Titelrolle des „Manns aus dem Eis“ spielt Jürgen Vogel. Er gehört zu den kraftvollsten Darstellern des deutschen Films. Der in Berlin lebende 49-Jährige ist sechsfacher Vater und wurde durch Kinofilme wie „Das Leben ist eine Baustelle“, „Die Welle“ und „Buddies“ bekannt. Mehrfach hat er im Fernseh-“Tatort“ mitgespielt. André Wesche sprach nun mit ihm über Ötzi.

Herr Vogel, Sie haben sehr schnell für dieses Projekt zugesagt. Sicher war es reizvoll. Aber war es nicht auch ein wenig beängstigend, weil es schnell unfreiwillig komisch hätte werden können?

JÜRGEN VOGEL: Bei allen Projekten, die das Potential haben, cool und klasse zu werden, besteht immer auch die Möglichkeit des Scheiterns. Wenn man sich extrem aus dem Fenster lehnt, kann man etwas ganz Tolles entdecken – oder mächtig aufs Maul fallen. Ich finde, eine solche Herausforderung sollte man immer annehmen und sich trauen. Aber Sie haben Recht: Theoretisch hätte es völlig in die Hose gehen können.

Über die Lebensumstände von Ötzis Zeitgenossen ist wenig bekannt. Wie konnten Sie sich ein Bild von dieser Welt schaffen?

VOGEL: Es gibt schon ein paar Sachen, die man zusammengesammelt hat. Man weiß, dass Ötzi ein guter Jäger war, und wie er zu Tode gekommen ist. Man weiß, mit welchen Utensilien er gearbeitet hat, und wie seine Klamotten ausgesehen haben. Er hatte sogar Nähzeug dabei, um sie notfalls flicken zu können. Ötzi gehörte einer Jägerkultur an, die auch Fallen gebaut hat. Außerdem hatte der Mann fast 70 Tätowierungen, teilweise auch auf dem Rücken. Wir reden hier von einer Zeit vor 5300 Jahren. Er hatte die Tätowierungen sicher nicht nur, um schön auszusehen. Es muss irgendeinen Grund gehabt haben. Man vermutet, dass dabei ein gewisser Glaube oder bestimmte Riten eine Rolle gespielt haben. Das ist interessant und hat uns die Möglichkeit gegeben, auch in dieser Richtung zu erzählen. Bestimmte Parameter waren also klar. Es war eine relativ hochentwickelte Kultur. Und wir haben uns darauf aufbauend eine Geschichte ausgedacht, wie es hätte sein können.

Es gibt kritische Stimmen, die zum Beispiel das Heiligtum des Filmes für viel zu fein gearbeitet halten. Warum darf Tarantino in „Inglourious Basterds“ Hitler und Konsorten töten und alle finden es gut, während man bei deutschen Produktionen jede Kleinigkeit auf die Goldwaage legt?

VOGEL: Unwissenheit führt oft zu Dummheit. Nee, im Ernst: Wahrscheinlich waren diese Kritiker nicht im Museum von Bozen. Wenn man dort sieht, wie die Pfeilspitzen gearbeitet waren, die man bei Ötzi gefunden hat, dann sind die viel filigraner als unser Kasten. Sie sind aus Stein und messerscharf. Man hat auch sein Messer gefunden und eine Beilklinge aus Kupfer. Auch die Nähte der Kleidung sind sehr beeindruckend. Das waren nicht irgendwelche Höhlenmenschen. Aber natürlich darf man jeden Film kritisieren. Und es gibt immer etwas, was man noch hätte besser machen können. Jeder spielt mit den Mitteln, die er hat, zu dem Zeitpunkt, an dem er etwas tut. Und man versucht, das Beste daraus zu machen.

Darf man den Film als Rachethriller bezeichnen?

VOGEL: Man darf ihn natürlich bezeichnen, wie man möchte. Aber auf jeden Fall als Abenteuerfilm mit einer historischen Figur, die uns beschäftigt. Ötzi ist der erste Mensch aus dieser Zeit, den man in so gut erhaltenem Zustand als Feuchtmumie gefunden hat.

Die Gewaltdarstellung im Film ist dem Thema entsprechend sehr roh. Verharmlost nicht gerade das „saubere“ und schnelle Töten im Kino die Gewalt?

VOGEL: Ich finde es besser, wenn ein Prozess der Grausamkeit fühlbar wird, wenn man ihn schon darstellt. Es ist eine Geschmackssache, und es existieren verschiedene Varianten. Es gibt dieses comicartige Sterben im Film. Wenn man sich vom Realismus entfernt, wird es plakativ. Ich finde, dass die Gewalt, die wir zeigen, der Brutalität dieser Zeit und der Natur angepasst ist. Dem Wesen des Menschen eben.

Wie tickt Ihr Film-Kollege Franco Nero denn so?

VOGEL: Er ist ein sehr sympathischer, warmherziger Mensch. Ein sehr guter Schauspieler. Es ist ein Gewinn, dass er diese Rolle übernommen hat. Sie ist zwar nicht groß, aber dramaturgisch sehr wichtig.

Macht man auch mal Quatsch, wenn man sich im Kostüm gegenüber steht?

VOGEL: Ja klar, wir haben so viel Spaß gehabt und Unsinn getrieben. Wir haben eigene kleine Filmchen gedreht, erfundene Quatschgeschichten. Humor ist immer das Wichtigste.

Wenn Sie Ötzi eine Frage stellen könnten, welche wäre das?

VOGEL: Ich möchte natürlich wissen, wer ihn erschossen hat.

Der Mann aus dem Eis

Vom 30. November an in den Kinos

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