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Der Spion, der es versiebte

Von Daniel Craig spielt zum dritten Mal den britischen Agenten "007", der nun einen Bombenleger jagt, als wäre er insgeheim der Fledermäuserich Batman.
James Bond (Daniel Craig) wirbelt wieder eine Menge Staub auf und hat auch die nötigen Waffen dabei. Ob er sie zielsicher einsetzt, ist eine andere Frage, die vor allem seine Gegner zu beantworten haben. Foto: Sony James Bond (Daniel Craig) wirbelt wieder eine Menge Staub auf und hat auch die nötigen Waffen dabei. Ob er sie zielsicher einsetzt, ist eine andere Frage, die vor allem seine Gegner zu beantworten haben. Foto: Sony

Im Jahr 1977 stimmte, was Carly Simon im Vorspann des Bond-Films "Der Spion, der mich liebte" sang: "Nobody does it better". Keiner machte es besser, wenn es um atemberaubende Action voller Fantasie, Spielfreude, Exotik, Erotik und trockenem Humor ging. Doch schon im selben Jahr, als James Bond die Pläne des bösen Stromberg (Curd Jürgens, nicht Christoph Maria Herbst) durchkreuzte, veränderte sich die Filmlandschaft deutlich. "Star Wars" kam auf die Leinwand. Das Weltraum-Märchen von George Lucas bot genau jenen spannungsgeladenen Eskapismus, für den der Name Bond sonst bürgte. "Star Wars" überflügelte den britischen Top-Agenten in der Publikumsgunst. Die Folge: "007" flog in seinem nächsten Einsatz ebenfalls in den Weltraum. "Moonraker" (1979) geriet zu einem albernen Schandfleck der Superspion-Serie.

Lizenz zum Langeweilen

Es war richtig, Bond in Teilen an eine sich wandelnde Gesellschaft anzupassen. So durften sich die Bond-Girls in der Roger-Moore-Ära wesentlich emanzipierter zeigen als zu chauvinistischen Sean-Connery-Zeiten. Ebenso glichen die Finsterlinge ihre Weltherrschafts-Visionen den neuen technologischen Möglichkeiten an, wobei sie immer auch Ängste der jeweiligen Epoche widerspiegelten, seien es Genmanipulation, Computer- und Medienkontrolle oder heutzutage der Terrorismus, der im Schatten lauert, bis er plötzlich im Zentrum einer Großstadt explodiert.

James Bond auf fremdem filmischen Terrain wildern zu lassen und unverhohlen die Konkurrenz zu kopieren, war hingegen keine gute Idee. Dadurch wurde die Bond-Erfolgsformel bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Wer eine Kinokarte für einen Bond-Film kauft, will einen Bond-Film sehen und keinen "Star-Wars"-Klon. Trotz des "Moonraker"-Flops begingen die Produzenten noch zweimal den gleichen Fehler. "Lizenz zum Töten" (1989) war die Antwort auf die enorm erfolgreichen Filme "Rambo", "Lethal Weapon" und "Stirb Langsam". Timothy Dalton spielte Bond als Ein-Mann-Armee auf Rachefeldzug. Zu brutal, zu wenig vom alten James-Charme.

Mit "Skyfall" ist nun der dritte und bislang niederschmetterndste Tiefpunkt der Reihe erreicht. Ausgerechnet der Jubiläums-"Bond", der fünfzig Jahre nach der Premiere des ersten Abenteuers "Dr. No" startet, präsentiert sich als schön fotografierter, aber x-beliebiger Actionreißer. Obschon mit Sam Mendes ("American Beauty") ein profilierter Regisseur verantwortlich zeichnet, entwickelt "Skyfall" keine Bond-Identität, sondern bleibt eine Kopie gängiger Muster, die derzeit bei Actionfilmen in Mode sind. Wenn Bond (Daniel Craig) den Bombenleger Silva (Javier Bardem) jagt, der es auf Geheimdienst-Chefin "M" (Judi Dench) abgesehen hat, entdeckt man viele Elemente aus den "Bourne"-Filmen und noch mehr aus Christopher Nolans "Batman"-Trilogie.

Kämpfe auf neonbeleuchteten Hochhäusern, in U-Bahn-Tunneln, ein entstellter Killer, zu dessen Plan es gehört, sich von den Guten schnappen zu lassen, das Bond-Anwesen im schottischen Moor, bewacht von einem treuen Butler, der über Bonds Kindheitstrauma zu berichten weiß, als seine Eltern starben und der kleine James sich in einer Höhle versteckte, bis er herauskroch und kein Junge mehr war, sondern ein "Dark Knight" mit tödlicher Mission. Javier Bardem, der sichtlich Spaß hat an seiner grotesk überzeichneten Schurken-Rolle, darf noch ein wenig "Schweigen der Lämmer" und Coen- Brüder-Touch einbringen.


Der Showdown im schottischen Sumpf, aus dem Sean Connery bedauerlicherweise nicht aufsteigt, um einen missratenen Film zu retten, zeigt Bardem als Mordmaschine wie in "No Country for old Men". Sam Mendes macht daraus "No Country for old James Bond" und lässt Daniel Craig wirklich so alt und verbraucht aussehen wie nie zuvor. Nichts erinnert an den smarten Schürzenjäger früherer Jahre – bis auf seinen Sexismus, Rassismus und seine Homophobie. Diese reaktionären Haltungen haben die Bond-Macher nicht mitsamt den explodierenden Kugelschreibern und unsichtbaren Autos entsorgt, die "007" vergeblich von seinem für die Generation "Facebook" verjüngten Waffenmeister Q (Ben Whishaw) erwartet.

Bardems Silva spricht mit südamerikanischem Zungenschlag und befummelt Bond in einer Verhörszene lasziv. Überzogen tuntig dargestellte Killer gab es zuletzt 1971: Mister Wint und Mister Kidd in "Diamantenfieber". Im selben Film hatten die ebenso vollbusigen wie hohlköpfigen Bond-Girls Tiffany Case und Plenty O’Toole ihren Auftritt. Die Damen in "Skyfall" werden nicht minder tumb charakterisiert. Eve (Naomi Harris) ist zu blöd zum Schießen, weshalb Bond beinahe schon vor dem Vorspann stirbt. Zur Strafe wird sie hinter den Schreibtisch verbannt. Die Schönheit, die Bond gesundpflegt, darf nicht mal einen Satz sagen. Severine (Berenice Marlohe) erlebt ihren Abgang, nachdem sie mit Bond ins Bett gegangen war. Auch Bonds Chefin "M" wird am Ende auf ihren Platz verwiesen. Ralph Fiennes darf als Mister Mallory korrigieren, was die Bond-Produzenten im Sinne des Frauenverächters und Bond-Vaters Ian Fleming in den vergangenen Jahrzehnten falsch gemacht hatten. Bis dahin sind zweieinhalb Stunden vergangen, in denen man Bond vor allem eines attestieren kann: die Lizenz zum Langweilen. Schwach

Frankfurt: Cinestar, E-Kinos, Metropolis. Sulzbach: Kinopolis (dt. udn engl.). Limburg: Cineplex. Offenbach: Cinemaxx. Hanau: Kinopolis (dt. und engl.). Mainz: Cinestar

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