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Goldener Schnitt im Frankfurter Museum für Kommunikation: Der Wunsch nach Harmonie

Seit 2500 Jahren arbeiten Künstler und Gestalter nach der Formel vom Goldenen Schnitt. Eine Frankfurter Schau führt vor Augen, wie intuitiv das geschah.
Bildschirme von Fernsehapparaten haben ein ganz bestimmtes Format. Über Jahrzehnte hinweg galt die Breite-Höhe-Formel 4:3. Foto: KAY HERSCHELMANN Bildschirme von Fernsehapparaten haben ein ganz bestimmtes Format. Über Jahrzehnte hinweg galt die Breite-Höhe-Formel 4:3.

Leonardo da Pisa, genannt Fibonacci, war ein Kaufmann, wurde aber zum berühmtesten Mathematiker des Mittelalters. Sein „Buch des Abakus“ von 1202 erklärte allerlei Rechenarten und Zahlentheorien. Eine Aufgabe kennen wir heute als Fibonacci-Folge, basierend auf der Frage: Wie viele Kaninchenpaare entstehen in einem Jahr aus nur einem Paar, wenn jedes Paar ab dem zweiten Lebensmonat ein weiteres Paar hervorbringt?

Die Lösung lautet: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 ... – in den ersten beiden Monaten ist das Paar allein, im dritten und vierten Monat bringt nur es allein Kinder zur Welt, im fünften Monat aber schon beide Paare. Wer die Reihe aufmerksam liest, wird merken, das jede Zahl genau die Summe der beiden vorhergehenden Zahlen ergibt. Kleine Probe aufs Exempel? 3 + 5 = 8 oder 5 + 8 = 13.

So entdeckte Fibonacci ein Zahlenverhältnis, das schon 1300 Jahre zuvor als Goldener Schnitt von den Griechen ausgetüftelt, aber erst um 300 vor Christus von Euklid zu Papier gebracht worden war. Die Formel teilt eine Strecke nicht in der Hälfte, sondern in einen längeren und kürzeren Teil, etwa zwei Drittel zu einem Drittel. Das Verhältnis der beiden Teile entspricht exakt dem Verhältnis zwischen ganzem Teil und längerem Teil. Puh, geschafft! Wer das verstanden hat, der kann getrost das Frankfurter Museum für Kommunikation besuchen.

Natürlich wird das alles auch anschaulich erklärt und schön bebildert in der Schau mit dem Titel „Göttlich. Golden. Genial. Weltformel Goldener Schnitt?“, die bis 23. Juli läuft. Sie umfasst 250 Objekte aus Natur, Architektur, Kunst, Design und Musik und beginnt mit Ananasfrüchten, Sonnenblumen, Tannenzapfen und Schneckenhäusern, also einer Art Wunderkammer, die ahnen lässt, dass all das Komplizierte ganz einfach ist, wenn man es erst durchschaut hat.

Beispiele in der Natur

Die besten Beispiele gibt noch immer die Natur. Die Schale der Ananas etwa besteht aus vielen kleinen braunen Schuppen, die spiralförmig nach links oder rechts verlaufen, in 8, 13 oder 21 Spiralen – Fibonacci lässt grüßen. Auch die Sonnenblume wächst als Spirale. Und Akelei oder Heckenrose haben fünf Blüten, die dank Goldenem Schnitt genügend Licht erhalten.

Was Wunder, dass auch Künstler wie Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Raffael und Michelangelo sich der Formel bedient haben sollen. Denn der Goldene Schnitt wurde erst in der Renaissance wiederentdeckt. Sicherlich kannten viele Künstler die populäre Schrift von Luca Pacioli, der die Proportion als „göttliches Verhältnis“ adelte. Die Schau erklärt die Formel an Leonardos geheimnisvoll lächelnder „Mona Lisa“ von 1503/06 und an Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ von 1500. Doch die auf Linien und Kreise reduzierten Meisterwerke irritieren sehr.

Ist die schöne Kunst tatsächlich nur ein schnödes Produkt der Mathematik? Natürlich sind in jedem Bild Farben, Formen und Malweisen wichtig, aber auch Perspektiven und Proportionen. Doch bei keinem der erwähnten Künstler findet sich eine klare Aussage über den Goldenen Schnitt, auch nicht bei Dürer, der sich lange mit Proportionen und Sehgewohnheiten beschäftigte. Vermutlich wurde die Formel eher intuitiv benutzt.

Schon 1854 hatte Adolf Zeising antike Bauten, Renaissance-Bilder, Himmelskonstellationen und den Menschen vermessen. Da er den Punkt für seinen Zirkel oft beliebig ansetzte, kam er zum gewünschten Ergebnis, dass der Goldene Schnitt überall waltet. Auch dem Psychologen Gustav Theodor Fechner ist es zu verdanken, dass der Goldene Schnitt im 19. Jahrhundert populär wurde. Er fragte nach einem als schön und harmonisch empfundenen Reckteck – natürlich siegte die goldene Variante!

Dieses scheinbar harmonische Format hat sich zum Mythos gemausert, trotz fehlender Nachweise. Auch das Internet wimmelt von kuriosen Beispielen, vom Schönheitsraster à la Marilyn Monroe bis zu spiralförmig sich räkelnden Katzen. Aber nicht zu unterschätzen ist der Einfluss der genormten Dinge auf unser ästetisches Empfinden, von der Scheckkarte über das DIN-A4-Papierformat bis zum Fernseher. Und in anderen Kulturen wird mit anderen Augen gesehen, in Japan etwa mit dem Tatami-Maß, einer Reismatte im Format ein mal zwei Meter, die auch zur Berechnung von Räumen dient.

Spaß an den Zahlen

Erstaunlich offen gehen die Grafiker und Designer mit dem Goldenen Schnitt um. Der renommierte deutsche Gestalter Erik Spiekermann nutzt ihn gern: „Diese und andere Zahlenkabbalistik machen mir Spaß, helfen bei der Arbeit und überzeugen meist die Auftraggeber, weil gegen Goldene Regeln niemand etwas einwenden mag . . . Damit diese Kabbalistik auch praktisch ist und in vorgegebene Formate passt, kann man ein wenig runden und von der reinen Lehre abweichen. Ein guter Ausgangspunkt ist der Goldene Schnitt allemal.“

Der Goldene Schnitt ist folglich selbst in der Architektur nur ein Orientierungspunkt, etwa bei den Bauten Le Corbusiers mit seinem „Modulor“-Maßstab. In der Natur kommt die Proportion zwar oft vor, aber es überwiegt die Symmetrie, das Gleichmaß von zwei Hälften. So verrät der Goldene Schnitt viel über den Menschen und seine Sehnsucht nach einer harmonischen Regel.

 

Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, Frankfurt. Bis 23. Juli, dienstags bis freitags 9–18 Uhr, samstags und sonntags 11–19 Uhr. Eintritt 4 Euro, Katalog 19,90 Euro. Telefon (069) 60 600.
Internet www.mfk-frankfurt.de

 

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