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Frankfurter Kammerspiel: "Der alte Schinken": Regisseure und Darsteller nehmen Bürgertum auf die Schippe

Von Die Regisseure Nele Stuhler und Jan Koslowski nehmen gemeinsam mit ihren sechs Darstellern das Bürgertum auf die Schippe.
Wird im Urlaub in einen Mordfall verwickelt: Andreas Vögler als Bibi de Gaona in „Der alte Schinken“. Foto: Felix Grünschloß Wird im Urlaub in einen Mordfall verwickelt: Andreas Vögler als Bibi de Gaona in „Der alte Schinken“.

Man könnte meinen, man wohnt einem gar köstlichen Vergnügen bei. So viel wird an diesem verschobenen Premierenabend in den Frankfurter Kammerspielen gegiggelt und gekichert. Doch man merkt schnell, dass es Bekannte der Darsteller sein müssen, die diese Dauerlachattacken abfeuern. Was nicht heißen soll, dass das, was auf der Bühne zu sehen und zu hören ist, nicht witzig wäre. Aber eben nicht so ungemein.

Eine „Stückentwicklung“ nennen die jungen Theatermacher Nele Stuhler und Jan Koslowski die Kreation, die sich hinter dem Titel „Der alte Schinken“ verbirgt. Es war demnach kein vorgefertigtes Werk, das die sechs Schauspieler nun umsetzen. Sie selbst haben großen Einfluss auf Inhalt, Text und Präsentation gehabt.

Irgendwie geht es dabei – passend zur entsprechend geprägten Stadt der Uraufführung – ums Bürgertum. Und das, was davon noch übrig ist. Doch vor allem hat man es mit einem auf den ersten Blick typischen Whodunit-Krimi zu tun. An einem einsamen Ort, in dem Fall eine Herberge, deren Lobby Bühnenbildner Chasper Bertschinger einen bonbonfarbenen Anstrich und poppige Ausstattung verpasst hat, kommen einander fremde Menschen zusammen. Der Gastgeber ist unbekannt und lässt sich trotz verschickter Einladungen nicht blicken. Schnell wird vor allem erfahrenen Agatha-Christie-Lesern klar: Irgendjemand wird hier sterben, ermordet werden. Und irgendjemand wird der Mörder sein.

Dürr und leicht linkisch

Natürlich stellt sich heraus, dass nicht jeder ist, was er zu sein scheint: Da wäre der dürre, leicht linkische Klaus (Samuel Simon), der von Kostümbildnerin Svenja Gassen entworfenen Uniform nach der Page des Hotels, in diesem Metier jedoch ungeübt und unwillig. Weil er eigentlich ein Journalist auf Recherche ist. Der erste Besucher, der aus dem Wintertreiben hinter der Verandaglastür hereinschneit, preist sich mit großen Gesten als Angelus Gottfried Barcomi (Melanie Straub), einen Brotbäcker mit frischer, duftender Ware, an. Der eher höflich zurückhaltende Michael Nikki de Gaona, kurz Bibi (Andreas Vögler), hat den seltsamen Aufenthalt gewonnen. Die bösen Stimmen nach schon ziemlich alte Elisabeth „Medi“ Kolatschny-Mandelbaum (Christoph Pütthoff) ist gleichermaßen Kapitän wie Arzt, und das dienstbeflissene Fräulein Monika Möhnle-Merkenau (Anton Weil) Sekretärin. Bis sie sich als geprüfter Privatdetektiv mit echtem Stempel auf der Brust outet. Die stilvolle Erika Julia Hedwig Isegrim (Heidi Ecks) könnte vom Auftreten und Habitus her die Hausherrin sein. Doch sie ist nur die Veranstalterin einer Spendengala und weiß auch nicht mehr als die anderen.

Zimmer für Emotionen

Man lernt sich kennen, ein bisschen lieben, teilt Sorgen und Ängste vor dem, was passieren wird, und traut einander nicht recht. Keiner soll allein bleiben, die zuvor getroffene Zimmerverteilung wird auf den Kopf gestellt. Vielleicht sollte lieber jeder Raum für eine Emotion stehen, und diejenigen, die diese verspüren, sich dort mit Gleichgesinnten zusammenfinden.

Dabei wird mit viel Lust und Laune sowie einer gehörigen Portion Selbstironie und Übertreibung mit den gängigen sprachlichen, stimmlichen und körperlichen Mitteln des Theaters im Allgemeinen und der Komödie im Besonderen jongliert. Es wird geschrien und geflüstert, im Chor gesungen und gesprochen. Worte werden zu wörtlich genommen, Verwechslungen passieren, Konventionen und Gepflogenheiten landen auf der Schippe. Dann, bevor jemand vor Erwartung platzt, ist es so weit. Die begleitende, übertrieben Emotionen transportierende dramatische Musik unterstreicht den Schrecken der Runde. Alle starren fassunglos ins Publikum: Der Sauerteig ist tot!

Wer war’s? Wer soll’s gewesen sein? Und warum? Schließlich isst doch jeder gerne frisches Brot. Was für ein absurder Fall!

Von diesem Punkt an gibt es auf dem Spielfeld, auf das die beiden Regisseure ihre Schauspieler geschickt haben, kaum ein Halten mehr. Regeln scheinen außer Kraft gesetzt zu sein, die Sinnlosigkeit nimmt während der Tätersuche stetig zu.

Man findet sich zum Maskenball zusammen, tanzt mit schaurigen Kopfbedeckungen um die in ihrer Bedeutung zuvor ausführlich erörterte und hoch geschätzte Mitte. In diese wurden zuvor die Möbel gerückt und mit einem monumentalen weißen Laken bedeckt. Das Chaos nimmt überhand, doch das Bürgertum überlebt. Denn eigentlich, so hatte Erika vorher zu erklären versucht, steht jede zu dem Treffen geladene Person für einen Tod, der Reporter für das Sterben der Printmedien etwa.

Dem Amüsement dient das stetig alberner werdende Geschehen irgendwann nicht mehr. Das Video aus dem Hinter- und Untergrund, in den sich die Darsteller verziehen und dort für eine Parallelperformance sorgen, fördert keinen Mehrwert zutage. Anderen beim Ausleben ihres Spieltriebs zuzuschauen, kann Spaß machen. Aber man muss wissen, wann Schluss ist. In dem Fall kommt der Abpfiff nach zwei Stunden eindeutig zu spät.

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