Der erste Franziskaner

Von Veit-Mario Thiede
Zwei kulturgeschichtliche Ausstellungen in Paderborn erinnern an den italienischen Mönch. Der Sohn eines Tuchhändlers verzichtete auf Reichtum und schenkte den Armen seine Nächstenliebe.
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Die Franziskaner sind sich gewiss: "Unser Programm ist in – gestern wie heute!" In einer ihrer Broschüren heißt es weiter: "Unsere vorrangige Aufgabe ist der Einsatz für die Menschen. Vor allem für die, die arm sind und sich selbst nicht helfen können. Unser Vorbild ist dabei der heilige Franziskus von Assisi, der vor 800 Jahren unsere Bruderschaft gründete." Eine großartige kulturhistorische Schau in Paderborn stellt Franziskus und seine Ordensfamilie vor.

Auch Frauen folgten

Inmitten der Paderborner Fußgängerzone steht das von 20 Brüdern bewohnte Franziskanerkloster. Im Kreuzgang ist eine Schau eingerichtet. Sie informiert mit Texttafeln, Dokumenten und Objekten, die von der Babyrassel bis zur Schnabeltasse reichen, über die Aktivitäten des Ordens, vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Die heute weltweit etwa 15 500 Mitglieder zählende franziskanische Ordensfamilie, zu der die Franziskaner-Konventualen, die Observanzbewegung, die Kapuziner und als weiblicher Zweig die Klarissen gehören, engagieren sich weltweit im Dienst am Nächsten, in der Missionierung und der Obdachlosenfürsorge in deutschen Großstädten. In Frankfurt ist die Franziskaner-Fraternität in Eckenheim ansässig. Am Liebfrauenberg haben wiederum die Kapuziner ihr Kloster.

Wie ein Störfeuer inmitten des vorweihnachtlichen Paderborner Einkaufsrummels wirkt ein Kurzfilm. In Endlosschleife wird er vom Franziskanerkloster auf die Fassade des gegenüberliegenden Modegeschäftes projiziert. Er stammt von dem Künstlerduo M + M (Marc Weiss und Martin De Mattia) und zeigt eine in unsere Gegenwart überführte Schlüsselszene aus dem Leben des Heiligen. Ein junger Geschäftsmann muss sich vor seinen Eltern verantworten, die ihm Veruntreuung von Familienvermögen zugunsten Bedürftiger vorwerfen. Daraufhin zieht er zum Zeichen, dass er auf seine Erbe verzichtet, den Anzug aus und gibt ihn den Eltern zurück.

Besitz belastet die Seele

Diese Entscheidung eines Sprösslings aus reichem Elternhaus für ein gottesfürchtiges Leben in Armut ist heute so radikal und brisant wie sie es vor 800 Jahren war. Aber wer war eigentlich Franziskus? Die Ausstellung im Diözesanmuseum gibt Auskunft mit rund 200 Leihgaben, die zum Beispiel aus Paris und dem Vatikan angereist sind. Zu den größten Kostbarkeiten gehört der vermutlich von Franziskus benutzte Kelch mit Patene aus der Reliquienkapelle der Basilika San Francesco in Assisi. Aus Rom eingeflogen wurde die Abschrift (14. Jh.) der "Legenda Maior" (Große Sage), der von Bonaventura verfassten Lebensbeschreibung des heiligen Franziskus.

Der 1181 in Assisi geborene Sohn eines reichen Tuchhändlers beschloss mit 25 Jahren die Neuausrichtung seines Lebens. Er unterstützte Bedürftige und pflegte Aussätzige, weil er sich zu einem Leben in der Nachfolge Christi und der Apostel berufen fühlte. Bald schlossen sich ihm Gleichgesinnte an, auch Frauen. Als erste Klara von Assisi (1193–1253), deren Heiligsprechung zwei Jahre nach ihrem Tod erfolgte. Die neue Ordensgemeinschaft wurde 1209 von Papst Innozenz III. anerkannt, der wie Franziskus von der Nichtigkeit weltlichen Besitzes vor Gott überzeugt war. Innozenz verkündete: "Des Reichtums Erwerb ist mit Mühe und Arbeit verbunden, sein Besitz von Furcht und sein Verlust von Schmerzen begleitet. Immer ermüdet und beschwert er die Seele." Franziskus wiederum preist in seinem in einer Abschrift gezeigten Testament die "Erhabenheit der höchsten Armut, die euch, meine geliebten Brüder, zu Erben und Königen des Himmelreiches eingesetzt, an Dingen arm, aber an Tugenden reich gemacht hat." Nach langer schwerer Krankheit starb Franziskus 1226. Zwei Jahre später wurde er durch Papst Gregor IX. heilig gesprochen. Die über seinem Grab erbaute Basilika San Francesco in Assisi weist hochbedeutende Wandmalereien von Giotto und anderen Renaissancekünstlern auf. Die Kirche wurde 1997 bei einem Erdbeben schwer beschädigt. Mittlerweile sind die insbesondere in der Oberkirche zu unzähligen Bröckchen zersprungenen Wandmalereien weitgehend wieder zusammengesetzt. Eine Auswahl von Malereifragmenten, die bislang nicht zugeordnet werden konnten, ist ausgestellt.

Bald nach dem Tod des heiligen Franziskus setzte eine Bildpropaganda der Ordensbrüder ein. Ihre Zeugnisse sind die Hauptattraktion der Schau. Damals eine Sensation war die "Christusähnlichkeit" des Ordensgründers: Franziskus wies Wundmale wie der gekreuzigte Heiland auf. Sie bewiesen die göttliche Legitimation des Heiligen und der ihm nachfolgenden Brüder und Schwestern. Anrührend bescheiden steht Franziskus auf der von "Margarito d’Arezzo gemalten Tafel (um 1250–1260). Den Kopf schiefgelegt, weist er die Wundmale an Händen und Füßen vor. Nach dem Beispiel der Armen trägt er eine einfache Kutte. Sie ist mit einem Seil gegürtet, dessen drei Knoten auf die Ordensgelübde hinweisen: Armut, Keuschheit, Gehorsamkeit gegenüber Gott und Papst.

Wundmale wie Christus

Die Wundmale soll Franziskus 1224 auf dem Berg La Verna empfangen haben. Fra Angelicos Gemälde "Stigmatisierung des hl. Franziskus" (1428/29) zeigt das Wunder in einer feierlich dramatischen Szene. Links kniet Franziskus vor einer in gleißendes Licht getauchten Schlucht. Am Himmel erscheint ein sechsflügeliger Engel, "Seraph" genannt. Er verwandelt sich in Christus, der von seinen Wundmalen Strahlen auf Franziskus aussendet, um ihm gleichartige Wunden beizubringen. Rechts sitzt als Zeuge Bruder Leo. Franziskus aber hielt seine Stigmatisierung geheim. Sie wurde erst nach seinem Tod von den Mitbrüdern entdeckt und ab 1237 mit päpstlicher Erlaubnis für die Öffentlichkeitsarbeit des Ordens genutzt.

Erzbischöfliches Diözesanmuseum, Markt 17, Paderborn. Bis 6. Mai 2012, dienstags bis sonntags 10–18 Uhr, jeden ersten Mittwoch im Monat 10–20 Uhr. Eintritt 7 Euro, Katalog 29,50 Euro. Telefon (05251) 12 51 400. Internet www.dioezesanmuseum-paderborn.de. Ausstellung "Unser Kloster ist die Welt": Franziskanerkloster, Westernstraße 19, Paderborn, dienstags bis samstags 10–12 Uhr, 14.30–17.30 Uhr, sonntags 14.30–17.30 Uhr

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