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Baukunst: Deutsches Architekturmuseum in Frankfurt stellt 22 Architektinnen vor

Frauen hatten es lange nicht leicht als Architektinnen – schuld waren meist Männer. Eine Schau im Architekturmuseum präsentiert Lebensgeschichten.
Kreatives Arbeiten: Mitarbeiterinnen im Mannheimer Büro von Ingeborg Kuhler im Jahr 1986. Kreatives Arbeiten: Mitarbeiterinnen im Mannheimer Büro von Ingeborg Kuhler im Jahr 1986.

„Die meisten Frauen haben Defizite im dreidimensionalen Sehen.“ Das sagt Johannes Itten in Theresia Enzensbergers exzellent recherchiertem Roman „Blaupause“, der 2017 erschien. Itten, Meister am Weimarer Bauhaus und Leiter des berüchtigten Vorkurses, in dem die angehenden Gestalter in Formgebung, Materialmöglichkeiten, aber auch Atemübungen unterrichtet wurden, offenbarte damit nur den latenten Sexismus, der an der bedeutendsten Kunsthochschule des 20. Jahrhundert herrschte. Unter dem Direktorat von Walter Gropius wurden Künstler wie Lionel Feininger, Wassily Kandinsky und Paul Klee versammelt. Man wollte eine neue Welt, man wollte einen neuen Menschen, man wollte absolute Gleichberechtigung, aber die Machos der Moderne schoben weibliche Studenten in den Textilkurs ab.

Ein Beispiel für weibliche Architekturkunst: Almut Grüntuch-Ernst baute diese Schule in Madrid. Bild-Zoom Foto: Celia de Coca
Ein Beispiel für weibliche Architekturkunst: Almut Grüntuch-Ernst baute diese Schule in Madrid.

Lediglich 16 Frauen durften am Bauhaus Architektur studieren, nur vier ihren Abschluss machen. Bis heute hat sich daran nicht allzu viel geändert. Zwar gibt es seit gut zehn Jahren an deutschen Architekturhochschulen mehr weibliche als männliche Studierende. Frauen machen in der Regel überdurchschnittliche Examen. Doch schon bei den eingetragenen Architekten steht die Quote bei etwa 40 zu 60.

Pritzkerpreisträgerin

Nach wie vor verdienen Frauen im Architekturberuf schlechter als Männer, nach wie vor werden die höher dotierten Uni-Lehrstühle an Männer vergeben, nach wie vor schaffen es wenige Frauen in die erste Reihe, wo sie im Rampenlicht stehen, ihre Bauten ausgezeichnet werden, spannende Aufträge winken. Mit wenigen Ausnahmen wie der 2016 verstorbenen aus dem Irak stammenden Zaha Hadid, die als erste Frau 2004 mit dem Pritzkerpreis, den Nobelpreis für Architektur, ausgezeichnet wurde, deren erste Projekte in Deutschland realisiert wurden.

Dem vielfältigen Komplex „Frau Architekt“ widmet sich nun das Deutsche Architekturmuseum am Frankfurter Schaumainkai. In Kooperationen mit drei Frankfurter Museen, mit Symposien und Werkberichten, mit Vorlesungsreihen an der FH Frankfurt und der TU Darmstadt. Und einer gleichnamigen Ausstellung, in deren Zentrum 22 Lebensgeschichten von erfolgreichen Architektinnen aus Deutschland stehen.

Die Berliner Architektin Gesine Weinmiller. Bild-Zoom
Die Berliner Architektin Gesine Weinmiller.

Diese 22 Biografien bedeuten 22 mitreißende, faszinierende, mitunter verwundernde Erzählungen, die mit Modellen, Fotos und wunderbaren Zeichnungen illustriert werden. Etwa von Emilie Winkelmann, die in der Baufirma ihres Großvaters in die Lehre ging, anschließend als Gasthörerin die Königlich Technische Hochschule in Hannover besuchte und 1907 in Berlin das erste von einer Frau geleitete Architekturbüro in Deutschland eröffnete.

Etwa von Marie Frommer, die 1919 als erste Architektin in Deutschland einen Doktortitel erhielt, in Berlin ein sehr erfolgreiches Büro betrieb, 1939 wegen ihrer jüdischen Abstammung nach New York flüchten musste, wo sie Wohnprojekte für Angehörige der US-Army entwickelte. Etwa von Karola Bloch, Frau des Philosophen Ernst Bloch, die nach dem Exil in den Aufbaujahren der DDR typisierte Kindertagesstätten plante.

Aus gut betuchtem Haus

Besondere, weil stets mit Erotik unterlegte Schlagzeilen machte die schillernde Sigrid Kressmann-Zschach in den 60er und 70er Jahren: als Architektin mittelmäßig begabt, aber als risikofreudige Geschäftsfrau höchst erfolgreich, die auf Baustellen in einem eleganten Glencheck-Kostüm und Wildleder-Stiefelchen stolzierte. Sie nutzte ihre politischen Kontakte im hochsubventionierten West-Berlin, schuf ein Unternehmen mit 300 Mitarbeitern und entwickelte Großprojekte wie den Steglitzer Kreisel – ein 30-geschossiges Bürohochhaus mit U-Bahn-Station, Hotel, Läden und Parkhaus –, der wegen Bauverzögerungen und Kostensteigerungen ihren Ruin bedeutete.

Kressmann-Zschachs Pendant im Osten war Iris Dullin-Grund, die – bekannt mit Ernst May und dem DDR-Stararchitekten Hermann Henselmann – zur Stadtarchitektin von Neubrandenburg avancierte. Wegen ihrer äußerst hübschen Erscheinung vielfach porträtiert und fotografiert, war sie Vorbild der „Kati“ im DDR-Erfolgsfilm „Spur der Steine“ (mit Manfred Krug) und für die Architektin „Franziska Linkerhand“ in Brigitte Reimanns gleichnamigen, 1972 erschienenen Roman, der in Ostdeutschland auch wegen seiner deutlichen Kritik an den Plattenbauten zum Kultbuch wurde. Bereits 1966 brachte das westdeutsche Magazin „Stern“ unter dem Titel „Eine Genossin macht Karriere“ eine mehrseitige Reportage über Dullin-Grund.

Die Titelseite der Zeitschrift „Die Frau von Heute“ aus dem Jahr 1961 zeigt die Architektin Iris Dullin-Grund. Bild-Zoom Foto: Die Frau von Heute (Die Frau von Heute)
Die Titelseite der Zeitschrift „Die Frau von Heute“ aus dem Jahr 1961 zeigt die Architektin Iris Dullin-Grund.

Die 22 Lebensgeschichten, die vom Kaiserreich ausgehend über das Dritte Reich, die DDR und die alte BRD mit den Porträts der beiden Berliner Architektinnen Gesine Weinmiller und Almut Grüntuch-Ernst bis in die deutsche Gegenwart reichen, haben eines gemeinsam: Alle 22 Frauen stammen aus einem gut betuchten bis äußerst wohlhabenden Elternhaus, das – kulturell interessiert – dem Berufswunsch der Töchter nur wenig in den Weg legte. Wo sich immer jemand fand, der schon früh unterstützte. Wo immer Geld da war, die Kinder anständig unterzubringen (und eben nicht auf entsprechende staatliche Einrichtungen angewiesen zu sein). Und natürlich mussten diese Frauen talentiert, fleißig, bestens vernetzt und nicht nur rhetorisch begabt sein, um sich in der von Männern jahrhundertelang dominierten Architekturbranche mit all ihren Ritualen durchzusetzen.

Die Ausstellung beantwortet nicht die Frage, ob es eine weibliche Architektur gibt. Sie beantwortet auch nicht die Frage, ob Architektur menschlicher, ökologischer, sensibler wäre, wenn es mehr Frauen in der ersten Reihe geben würde. Aber sie zeigt Strategien, wie Frau dahin kommt. Und somit bietet diese ebenso unterhaltsame wie hervorragend präsentierte Schau den idealen Hintergrund zu der sehr aktuellen, auch international breit geführten Diskussion, wie Chancen von Frauen in Männerberufen verbessert werden können.

 

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