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Dichter Jean Paul vor 250 Jahren geboren

Sprachschöpfer, Frauenschwarm und Hungerleider: Jean Paul als Dichter aus der fränkischen Provinz war einst fast so prominent wie Goethe. Heute wie damals sind seine Werke aber keine einfache Kost. Man muss sich auf abseitige Pfade wagen.
Das Jean-Paul-Denkmal auf dem nach dem Dichter benannten Platz in Bayreuth. Oberfranken feiert in diesem Jahr den 250. Geburtstag des Dichters Jean Paul mit zahlreichen Veranstaltungen. Foto: dpa Das Jean-Paul-Denkmal auf dem nach dem Dichter benannten Platz in Bayreuth. Oberfranken feiert in diesem Jahr den 250. Geburtstag des Dichters Jean Paul mit zahlreichen Veranstaltungen. Foto: dpa
Bayreuth.  Er kannte die bittere Armut und die Erfolglosigkeit. Doch seine literarische Schöpfungskraft litt nicht darunter. Im Gegenteil. Jean Paul, vor 250 Jahren geboren, ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Literaturgeschichte geworden. Weil er sich in keine Schublade pressen lässt, die eins der Label «Klassik», «Romantik» oder «Sturm und Drang» trägt. Als Johann Paul Friedrich Richter wird er als Pfarrerssohn am 21. März 1763 im oberfränkischen Wunsiedel geboren. Nur zwei Jahre später zieht die Familie nach Joditz nahe Hof um, später dann nach Schwarzenbach. Das Kind liebt die Buchstaben und die Worte. Doch im Hausunterricht des Vaters geht es nur ums Auswendiglernen, für eigene Ideen oder Reflexion ist kein Platz. «Und so blüht ungewollt doch die Phantasie in dieser geistigen Saharawüste der Sinn-Austrocknung», schreibt der Literaturwissenschaftler Helmut Pfotenhauer in einer neu vorgelegten Jean-Paul-Biografie. Jean Paul sehnt sich nach Büchern. Als er bei dem Pfarrer Erhard Friedrich Vogel Zugang zur Bibliothek bekommt, beginnt er zu exzerpieren. Seine Hefte werden von da an zum wichtigsten Arbeitsmaterial. 12 000 Seiten stark sind sie am Ende seines Lebens. Als der Vater stirbt, muss die Familie gegen bittere Armut kämpfen. Jean Paul lernt die Not kennen. Sein Theologiestudium in Leipzig bricht er ab und flieht vor seinen Gläubigern zurück nach Franken. Er schlägt sich als Hauslehrer durch und muss den Selbstmord seines Bruders verkraften. Seine literarischen Versuche sind - kurz gesagt - nicht erfolgreich am Markt. 1795 dann folgt der Durchbruch für den Schriftsteller, der sich inzwischen ganz offiziell Jean Paul nennt, um sich an seinem Vorbild Jean-Jaques Rousseau zu orientieren. «Hesperus oder 45 Hundsposttage» wird ein Verkaufsschlager. Biograf Pfotenhauer schreibt: «Herder soll sich nach der Lektüre vor Ergriffenheit zwei Tage zu keinerlei weiteren Geschäften tauglich gefühlt haben.» Auch das Lesepublikum liebe das Buch. «Jean Paul, der ehemalige Hungerleider, wird dadurch zum ersten Mal in seinem Leben zu einem wohlhabenden Mann.» Weimar ist zu diesem Zeitpunkt der Mittelpunkt der literarischen Szene. Goethe hat das Zepter fest in der Hand. Jean Paul kommt in die Stadt, der Mann aus der Provinz hat aber seine Schwierigkeiten mit dem etablierten Kulturbetrieb Weimars. Goethe und Jean Paul gelten als Antipoden. Jean Paul ist dem Weimarer Dichterfürsten in Sachen Popularität dicht auf den Fersen. Und: Die Frauen liegen ihm zu Füßen. Doch Weimar ist kein dauerhafter Standort für Jean Paul. Sesshaft wird er erst 1804 in Bayreuth wieder, nur etwa 50 Kilometer von seiner Geburtsstadt Wunsiedel entfernt. Der literarische Ruhm verblasst nach und nach. Er stirbt 1825 in Bayreuth. Nur wenige Tage nach der Beerdigung hält Ludwig Börne, ein Vertreter des Jungen Deutschland, eine vielbeachtete Rede auf Jean Paul: «Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme.» Jean Paul wird hier zum Dichter der Zukunft, zu einem Propheten der Moderne. Seine Werke eignen sich aber nicht für die kurze U-Bahnfahrt am Morgen oder für die abendliche Lektüre vor dem Einschlafen. Er hält nichts von roten Fäden, er verliert sich auf vielen abseitigen Pfaden, er schweift ab, baut immer wieder neue Gedankengebilde. Er liebt die Natur, er liebt die Sprache. Wir verdanken ihm Wortneuschöpfungen wie etwa «Schmutzfink». Wer Jean Paul lesen will, braucht Zeit und eine große Offenheit. Der Jean-Paul-Kenner Klaus Wöfel hat zum Jubiläum ein Lesebuch herausgebracht - quasi für Einsteiger. Sein Tipp: «Dabei kommt es im Grunde auf nichts anderes an, als sich lesend dem Willen, auch der Willkür, des Autors zu überlassen, und bereit zu sein, ihm auch dort zu folgen, wo sein Schreiben Wege einzuschlagen scheint, die Mühe bereiten.» (Kathrin Zeilmann, dpa)
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