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Dichtung zwischen Büro und Bordell

Von Dass das Lesen keine einsame Angelegenheit sein muss, sondern sehr gesellig sein kann, beweist der Frankfurter Verein „Literaturbetrieb“ mit seinen Aktionen.
Der Frankfurter Verein „Literaturbetrieb“ in einem Moment der Ruhe, aufgereiht zum Gruppenfoto. Der Frankfurter Verein „Literaturbetrieb“ in einem Moment der Ruhe, aufgereiht zum Gruppenfoto.

Es war im Jahr 2006, als in einem Seminar des umtriebigen Frankfurter Literaturprofessors Heiner Boehncke zum Thema „Literaturreisen – Reiseliteratur“ eine Idee entstand: Lasst uns einen Verein gründen! Gesagt, getan: 30 Studenten fanden sich zusammen, um Literatur spürbar zu machen. Das gelingt dem Verein bis heute.

Manchmal bedarf das einsame Geschäft des Lesens eines Ereignisses, um lebendig zu werden. Es war dieses Bedürfnis, das die Studenten antrieb, angefacht vom charismatischen Vorbild Boehnckes, der wenig hält von trockener Theorie und sich als Redakteur sein Berufsleben lang lieber in den Studios des Hessischen Rundfunks als in stickigen Seminarräumen austobte.

Die allerersten Treffen fanden noch in den Räumen des alten, mit dunklem Holz getäfelten Literaturhauses in der Bockenheimer Landstraße statt. Die bevorzugten Spielstätten des Vereins wurden nach und nach die Zentralbibliothek der Frankfurter Stadtbücherei in der Hasengasse und das Haus am Dom. Wie wichtig die zentrale Lage sei, habe man rasch gemerkt, erzählt Franziska Fink, die seit der ersten Stunde dabei ist.

Literatur als „Betrieb“ zu verstehen und nicht als stille Lektüre im heimischen Sessel, allein: Das hat in der Tat etwas Bestechendes. Von Anfang trieb die Mitglieder ihr Ehrgeiz zur besonderen Inszenierung. Die gelingt ihnen mit den unterschiedlichsten Veranstaltungsformaten. Dazu gehören die literarischen Spaziergänge, zum Beispiel auf Goethes Spuren: Und weil den großen Dichter brav auf seinen Frankfurter Stationen abzuhaken zu langweilig wäre, wird er in „Goethe im Damenrock“ auch mal munter gegen den Strich gelesen: War er wirklich immer so perfekt, wie der Selbstdarsteller-Profi sich gerne gab?

Texte à la carte

Die Hörspielreihe „Hörbar“ verspricht andere Erlebnisse: Sich im Beisein von ein paar Dutzend Gleichgesinnten, ganz ohne Bilder, in ein akustisches Textkunstwerk zu vertiefen, ist ein ganz besonderes Erlebnis. Und wer je einen Abend mit dem Titel „Literatur à la carte“ besuchte, weiß es zu schätzen, sich einen erlesenen Text wie im Restaurant zu bestellen – zumal dem Bestellenden zum Dessert jeweils noch ein ausgewähltes Musikstück kredenzt wird. Zur Labsal gesellt sich der Wein, selbstverständlich als „Weinlese“ etikettiert, ein feiner Riesling vom Rheingau-Weingut Kaspar Herke. Man sieht, das Programm ist rund, und jede einzelne Veranstaltung liebevoll gestaltet.

Und was man sonst noch alles machen kann! Zum Beispiel Texte nicht als Block, sondern gegeneinander lesen, so dass erratische Literatur auf einmal zum Dialog mutiert. Man kann, wie beim Abend „Kismet im KOZ“, den Frankfurter Autor Jakob Arjouni, den Kriminalfall Rosemarie Nitribitt und einen Fernseh-„Tatort“ zusammenstellen – und das ganze noch mit einem „Hitchcocktail“ garnieren. Man kann Eckhard Henscheid in einem Abend über „Kneipenphilosophen und andere Volliditioten“ behandeln, oder aber Wilhelm Genazinos Roman „Abschaffel“ als „Dichtung zwischen Büro und Bordell“ präsentieren. So munter, so unorthodox und doch stets sorgsam ausgetüftelt geht’s zu im „Literaturbetrieb“.

Dass die Gründung des Vereins zehn Jahre zurückliegt – eine Zeit übrigens, in der es all die anderen Reihen in der Stadt, von „Text & Beat“ bis zu den „Frankfurter Premieren“, noch lange nicht gab –, hat indes einen gravierenden Nachteil: Die Studenten von damals stehen samt und sonders längst mitten im Berufs- und Familienleben und haben entsprechend weniger Zeit: Die Gruppe der ehemals 30 Mitstreiter ist auf ein knappes Dutzend geschrumpft und hätte gern neuen Zulauf. Aber um junge Freiwillige für ein Engagement zu gewinnen, bedürfte es wohl eines neuen inspirierenden Seminars. Doch das ist nicht ganz einfach: Denn spiritus rector Heiner Boehncke, obwohl als Scout auf hessischen Literaturfährten quirliger unterwegs denn je, ist längst emeritiert.

Zu große Nachfrage

So kommt es denn auch, dass die ehrenamtlichen Vereinsmitglieder die Zahl ihrer Veranstaltungen stark ausgedünnt haben. Längst nicht jede Nachfrage können sie noch bedienen, dazu ist ihr eigener Anspruch an die detailreiche Vorbereitung zu hoch. Immerhin zwei Veranstaltungen sind für die kommenden Monate geplant. Aber erst einmal wird jetzt gefeiert: Mit der Rückblicks-Ausstellung im Untergeschoss der Zentralbibliothek, die Fotografien, Veranstaltungsplakate und Teile der alten Fotoschau „Zwischenwelten“ vereint, für die sich der Verein an literarische Orte in Frankfurt begeben hat.

„Zehn Jahre Literaturbetrieb e.V.“, Zentralbibliothek der Stadtbücherei Frankfurt, Hasengasse 4. Bis 31. Januar,
Mo bis Fr 11–19 Uhr, Sa 11–16 Uhr.
Eintritt frei. Telefon (069) 212-38 080.
Internet www.frankfurt.de

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