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Diskussion: Die Buchmesse ist diesem Jahr so politisch wie lange nicht mehr

Von Die Frankfurter Buchmesse will eigene Themen setzen, die Diskurshoheit nicht den Rechten überlassen. Es geht um die Freiheit des Worts, Menschenrechte und Courage.
Pavillon des Gastlandes Frankreich auf der Buchmesse in Frankfurt am Main. Foto: Boris Roessler Pavillon des Gastlandes Frankreich auf der Buchmesse in Frankfurt am Main.
Frankfurt. 

Asli Erdogan holt ihre Beruhigungsmittel aus der Handtasche. Die Medikamente braucht die türkische Schriftstellerin und Journalistin (51) auch heute noch, mehr als zwei Jahre danach. Asli Erdogan hat für eine pro-kurdische Zeitung in der Türkei geschrieben. 2016 wurde sie im Zuge der Säuberungswellen nach dem Militärputsch in Istanbul festgenommen. Der Vorwurf: Volksverhetzung, Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation. Mehrere Monate saß Erdogan im Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft forderte lebenslange Haft. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels setzte sich für sie ein. Andere auch. Im Herbst vergangenen Jahres kam sie frei. Sie lebt heute in Frankfurt, mit einem zweijährigen Stipendium „Stadt der Zuflucht“. Doch Beruhigungsmittel nimmt Asli Erdogan noch immer. Gerade wurde ihr Prozess in Istanbul abermals vertagt. Auf Januar.

Angst vor Faschismus

Jetzt sitzt Asli Erdogan auf einem Podium beim „Weltempfang“, einem von der Buchmesse und dem Auswärtigen Amt organisierten Forum in Halle 4.1.. Es geht um Pressefreiheit in Europa. „In der Türkei kann ich nicht mehr leben. Ich würde verrückt werden“, sagt Erdogan. Mehr als 170 Autoren sind derzeit in türkischen Gefängnissen inhaftiert. Der Präsident der deutschen Schriftstellervereinigung Pen wird später in einer anderen Runde von der Türkei als dem „weltweit größten Gefängnis“ für Schriftsteller und Journalisten sprechen.

Die Schriftstellerin Asli Erdogan saß in Istanbul im Gefängnis, jetzt lebt sie in Frankfurt: "In der Türkei würde ich verrückt werden." Bild-Zoom Foto: Sebastian Willnow (dpa-Zentralbild)
Die Schriftstellerin Asli Erdogan saß in Istanbul im Gefängnis, jetzt lebt sie in Frankfurt: "In der Türkei würde ich verrückt werden."

Asli Erdogan sagt: „Ich habe Angst“. Sie fühlt sich an die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts erinnert. „Der Faschismus kehrt zurück in der Türkei.“ Die Welle werde größer, beobachtet sie. Die neuen Faschisten seien zwar keine Ideologen wie damals, sondern Pragmatiker. Das mache sie aber wahrscheinlich noch gefährlicher. Warum der autoritäre türkische Präsident so viele Anhänger unter in Deutschland aufgewachsenen oder hier lebenden Türken hat? „Die wissen nichts von der Türkei“, sagt die Autorin: Sie läsen türkische Zeitungen, sähen türkisches Fernsehen und glaubten an die Propaganda von der stolzen, überlegenen türkischen Nation. Es gefalle ihnen, wie der Präsident mit denen umspringe, die vermeintlich auf sie herabblickten.

Später sitzt Günter Wallraff (76), Held des deutschen Investigativjournalismus, auf dem Podium des „Weltempfangs“. Die Einladung des türkischen Staatspräsidenten nach Deutschland vor wenigen Tagen bezeichnet er als moralische „Bankrotterklärung“ vor einem Despoten, als „Selbstaufgabe der Demokratie“: „Erdogan lässt sich in der Türkei für seinen unverschämten Auftritt auch noch feiern“.

Eigentlich geht es um Meinungsfreiheit, Selbstzensur und Hassreden im Netz. Aber die Grenzen sind heute immer schwerer zu ziehen, und das Internet ist nicht so ganz Wallraffs Welt. Der Pen hat mit Hilfe der Universität Rostock untersucht, wie es um die Meinungsfreiheit im Lande steht und dazu online seine rund 800 Mitglieder befragt. Drei Viertel der 526 deutschen Schriftsteller, die sich im Sommer beteiligten, beklagen eine Zunahme allgemeiner Bedrohungen wie Einschüchterungsversuche oder Hassreaktionen, vor allem in den Sozialen Netzwerken. Etwa jeder Vierte gibt an, danach vorsichtiger geworden zu sein oder heikle Themen eher zu meiden.

Das Buch gilt schon länger als bedrohtes Medium. Neue Zahlen belegen jetzt einen beunruhigenden Rückgang an Käufern.
FAQ Alles, was Sie zur Buchmesse 2018 wissen müssen

Vom 10. bis 14. Oktober steht Frankfurt wieder ganz im Zeichen des Buches. Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um die Frankfurter Buchmesse.

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Während Wallraff das für „Luxusprobleme“ im Vergleich zu anderen Ländern hält, im deutschen Rechtsstaat die Meinungsfreiheit weitgehend geschützt sieht und empfindsamen Seelen zu einer „tiefenpsychologischen Behandlung“ eigener Ängste rät, lässt sich Andreas Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, so leicht nicht beruhigen. Er nimmt in den Sozialen Netzwerken eine Verwahrlosung wahr und sagt: „Von der verrohten Sprache zur Gewalt ist es nur ein kleiner Schritt.“ Die größte Gefahr sieht er in der Gleichgültigkeit der Zivilgesellschaft, in schleichenden Prozessen der Gewöhnung und Anpassung, die die schreckliche Ausnahme zur Normalität werden lassen, das Unsagbare zum Sagbaren, die aber auch zu einer Art innerer Selbstzensur führen – aus Angst oder Abstumpfung.

In einer dritten Runde fragt am Abend Moderator Jürgen Kaube, ob die Strahlkraft des Westens verblasse, für welche Werte, Konzepte, Ideen er noch stehe. Das Podium mit der Journalistin Christiane Hoffmann, der aus Russland stammenden deutschen Schriftstellerin Olga Martynova, Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt und Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat zeigt die gegenwärtige Verunsicherung in der Einschätzung der eigenen Identität.

Freiheit oder gute Luft

Steht der Westen für Aufklärung, Fortschritt, Freiheit und Menschenrechte? Für das Gute? Oder nicht ebenso für brutalen Kolonialismus, für totalitäre, inhumane Ideologien? Sind Nationalsozialisten und Stalinisten nicht auch Westen? Ist die Sowjetunion ohne einen Karl Marx aus Trier denkbar? Gehört Russland nicht in Wahrheit zum Westen, und beginnt der Osten tatsächlich erst in China? Ist das Riesenreich nicht die viel größere Bedrohung, nur noch gar nicht in ihrer Dimension erkannt? Ist Amerika unter Trump eigentlich Europa und noch Westen? Oder inzwischen längst das, was gestern der Osten war? Zerstört sich der Westen von innen heraus selbst, weil sich seine eigenen Werte auf Kollisionskurs befinden, sich etwa gar nicht mehr entscheiden lässt, was wichtiger ist – Freiheit oder saubere Luft? Naturgemäß gibt es keine endgültigen Antworten, außer vielleicht Görgens Formel: Bei uns im Westen ist es besser als woanders, aber das heißt nicht, dass es schon gut ist.

Georgien ist 2018 das Gastland der Buchmesse Frankfurt.
Buchmesse Gastland Georgien: Verborgene Schätze vom Kaukasus

Georgien ist dieses Jahr das Gastland bei der Frankfurter Buchmesse, die vom 10. bis 14. Oktober stattfindet. "Georgia- Made by Characters" heißt das selbstbewusste Motto eines Volkes mit einer einzigartigen kulturellen Identität. Das schlägt sich auch in seiner Musik nieder.

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Auf der Buchmesse wird um politische Fragen gerungen wie lange nicht, auch in der Absicht, selbst den Diskurs zu bestimmen und endlich von der ermüdenden und unfruchtbaren Debatte um Rechtspopulisten wegzukommen. Am Ende geht es um deutliche Signale an die demokratische Zivilgesellschaft. Darum, dass damals, als der Börsenverein auf der Buchmesse in Istanbul zur Mahnwache für Asli Erdogan aufrief, nur ein Verleger und zwei Autoren kamen. Alle anderen hatten wichtige Termine.

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