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Die Demokratie stirbt immer zuerst

Unter dem Titel „Ohnmacht als Situation“ zeigen zwei Künstlerduos, was der Gesellschaft noch übrigbleibt zwischen Resignation und Radikalisierung.
Das spanische Künstlerduo „Democracia“ hat dem unbekannten Bombenattentäter ein Denkmal gesetzt. Der Mann trägt einen Sprenggürtel. 	Foto: FKV Das spanische Künstlerduo „Democracia“ hat dem unbekannten Bombenattentäter ein Denkmal gesetzt. Der Mann trägt einen Sprenggürtel. Foto: FKV

Der Mann hat den Blick fest in die Ferne gerichtet. Er macht den Eindruck eines Staatsmannes, wohl auch bedingt durch die überlebensgroße Darstellung als Skulptur. Freilich hat er kein bekanntes Gesicht. Überdies ist er merkwürdig ausstaffiert. In der rechten Hand hält er einen Auslöser, den man im ersten Moment noch mit einem zu bedienenden Fotoapparat verbinden mag. Doch mit seiner linken Hand öffnet er das Jackett und erlaubt einen Blick auf das, was er um die Hüfte trägt: einen Gurt voller kleiner Bomben. Ein Selbstmord-Attentäter also, und damit ein Denkmal für einen Menschen, der unschuldige Menschen mit in den Tod reißt? Auf dem Sockel steht zudem eine selbstgerechte Anklage: „Ihr seid alle schuldig, außer ich“.

Ein bitteres Denkmal, das aber gut als Auftakt im Frankfurter Kunstverein passt. „Ohnmacht als Situation“, so der Titel der Schau, handelt von den Möglichkeiten, die dem von der Politik verdrossenen Bürger noch bleiben zwischen Resignation und Radikalisierung. So nah am Puls der Zeit war schon lange keine Schau des Kunstvereins, zwischen radikalen Islamisten und braven Bürgern, zwischen Blockupy-Aktionen und Übergriffen der Polizei. Dass politische Kunst dabei keineswegs dröge oder oberlehrerhaft daherkommen muss, stellen zwei Künstlerduos aus Spanien und Rumänien überzeugend unter Beweis.

Staatliche Ordnung

Die Schau ergreift eindeutig Partei für „Democracia, Revolutie und Polizey“, wie der verwirrend mehrsprachige Untertitel der Schau lautet. Die spanische Künstlergruppe nennt sich „Democracia“, also Demokratie, während die zwei Rumänen Mona Vatamanu und Florin Tudor das Thema der Revolution umkreisen und deshalb das rumänische Wort „Revolutie“ beitragen. Die „Polizey“ schließlich spielt auf die noch bei Friedrich Schiller geltende Vorstellung als Hüter einer guten Staatsordnung an. Doch die Ordnungshüter tauchen nur indirekt in der Schau auf und sind Thema einer begleitenden Veranstaltungsreihe, die für kritische Gespräche sorgt.

Starke symbolische Bilder für demokratische Ideen findet vor allem die Madrider Democracia-Gruppe, bestehend aus Pablo Espana und Iván López. Die Skulptur „Opfer“ etwa ist das Gegenstück zum Attentäter-Denkmal. Vor dem paradoxen Denkmal steht man gleich eingangs, der vergoldete Bronzeabguss einer Decke indes ist im Untergeschoss platziert. Die Decke dient dazu, einen am Boden liegenden Menschen zu verhüllen. Sie kann als Symbol der Terroropfer, aber auch als Schleier des Vergessens gedeutet werden - ein hintersinniges Objekt, das normalerweise im baskischen Landesparlament beheimatet ist.

Die Democracia-Gruppe macht folglich ihrem Namen alle Ehre und spricht die Menschen direkt an. Das gelingt ihr auch mit ungewöhnlichen Aktionen. So veränderte sie für ein Spiel die Fanartikel eines französischen Fußballklubs. Die Transparente im Stadion enthielten keine Anfeuerungsrufe oder Sportlernamen mehr, sondern Slogans wie „Die Wahrheit ist immer revolutionär“ oder „Sie herrschen, weil wir gehorchen“. Selbst T-Shirts, Schals und Käppis trugen diese Slogans - und die Massen jubelten dennoch, machten aber keine Randale. Das Bukarester Künstlerduo hingegen entfaltet sich nur in der obersten Etage des Kunstvereins, mit unscheinbaren, aber perfekt inszenierten Beiträgen. Das Video „Rite of Spring“ zeigt ein beliebtes Kinderspiel auf rumänischen Straßen, alljährlich im Frühjahr.

Kurzer Prozess

Wenn die Pappeln blühen und ihre Samenflocken verlieren, suchen die Kinder die Flocken am Straßenrand zusammen und zünden sie an - jäh flackert das Feuer auf und erlischt gleich wieder. Das Bild vom Strohfeuer, aus dem ein Flächenbrand werden kann, wird auch gern in der Politik verwendet. Ungleich trister ist „Die Verhandlung“ von 2004. Der Film zeigt aktuelle Bilder der immer noch öden Bukarester Wohnblöcke, unterlegt mit dem Text des kurzen Prozesses, der dem Diktator Nicolae Ceausescu 1989 gemacht wurde. Freilich wird der Text derart heruntergeleiert, dass das Ende bald klar ist. So steckt die Schau voller politisch-poetischer Anspielungen und darf deshalb zu einer der besten Ausstellungen des Frankfurter Kunstvereins seit Jahren gezählt werden.

Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44, Frankfurt. Bis 4. August, Dienstag, Donnerstag, Freitag 11-19 Uhr, Mittwoch 11-21 Uhr, Samstag, Sonntag 10-19 Uhr. Eintritt 6 Euro. Telefon (069) 2193140. Internet www.fkv.de

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