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Unter Pseudonym verfasste Geschichten aus Nordkorea: Die Fratzen des Kommunismus

Bandis Erzählungen aus Nordkorea, die aus dem Land geschmuggelt wurden, bringen Licht ins Dunkel über das Leben in dem sich abschottenden Land.
Zehntausende Nordkoreaner demonstrierten jüngst in Reih und Glied auf dem Kim-Il-sung-Platz in Pjöngjang gegen die UN-Sanktionen. Foto: Jon Chol Jin (AP) Zehntausende Nordkoreaner demonstrierten jüngst in Reih und Glied auf dem Kim-Il-sung-Platz in Pjöngjang gegen die UN-Sanktionen.

Dieses Buch lohnt sich wirklich. Über eine Hilfsorganisation für nordkoreanische Flüchtlinge wurde das Manuskript außer Landes geschmuggelt, nachdem der Autor, der immer noch in Nordkorea lebt und sich Bandi nennt, es jahrelang versteckt gehalten hat. Er, dessen Pseudonym sich mit „Glühwürmchen“ übersetzen lässt, weil er Licht ins Dunkel bringen will, habe dabei sein Leben aufs Spiel gesetzt, ist hinten auf dem Buchdeckel zu lesen. So etwas weckt Erwartungen.

In Südkorea ist der Band „Denunziation“ zuerst erschienen. Dort gab es Stimmen, die an der Existenz des Schriftstellers zweifelten. Wie dem auch sei: Mittlerweile bringt ein gutes Dutzend Verlage in Westeuropa die sieben Erzählungen heraus. Ist doch kein anderes Land auf der Welt derzeit so geheimnisvoll wie das sich abschottende Nordkorea mit seinen Raketentests und dem wild gewordenen Diktator Kim Jong-Un. Über den gibt es in dem Band übrigens rein gar nichts zu erfahren, spielen die Geschichten doch in den frühen 90er Jahren, in denen noch Vater Kim Il-Sung an der Macht war. Stimmungsvoll geben sie Einblick in eine Welt, in der immer noch die Fratzen des Kommunismus herrschen und das öffentliche Leben inszeniert wird wie auf einer Bühne.

Angst vor dem Geheimdienst bestimmt das Tun der Menschen wie im Text „Die Stadt der Gespenster“, in dem eine Mutter die Fenster des Kinderzimmers verhängt, weil ihr Sohn sich vor dem bärtigen Karl Marx und dem feisten Kim Il-Sung fürchtet, deren riesige Bildnisse an der Plattenbaufassade gegenüber prangen. Mehrmals schon hat die Blockwartin sie deswegen verwarnt, stehen in Pjöngjang doch die alljährlichen Paraden des Nationalfeiertags an, der ausländischen Gästen ein einheitliches Bild bieten soll. Da darf keiner sich einigeln und aus der Reihe tanzen. Trotzdem zieht die am Geschrei ihres Sohnes schier verzweifelnde Mutter immer wieder die Vorhänge zu. Das allein führt zu ihrer Verbannung. Ein Lastwagen fährt vor. „Sobald das Urteil gefallen war, hatten sie nicht einmal mehr das Recht, ihre Sachen selbst zu packen.“

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Buch "Denunziation"

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Im Text mit dem Titel „So nah und doch so fern“ will Jeong-Suk seine todkranke Mutter besuchen, erhält aber keine Reiseerlaubnis, weil in der Provinz, in die er reisen will, in diesem Jahr das „Staatsereignis Nummer 1“ stattfindet und Reisegenehmigungen auf ein Minimum begrenzt werden. Als er schließlich ohne Erlaubnis fährt und erwischt wird, muss Jeong-Suk drei Wochen ins Arbeitslager und kommt als kranker Mann zurück. Die Willkür und der Wahnwitz eines totalitären Systems, das sich ein besseres Leben im Kommunismus auf die Fahnen geschrieben hat, in Wahrheit aber nur noch dem bloßen Machterhalt verpflichtet ist, drückt sich in jeder dieser eindringlichen Erzählungen aus. Den Draht zur Bevölkerung hat der große Führer Kim Il-Sung lange verloren, das zeigt die Erzählung „Pandämonium“. Zwar nimmt der Regierungschef das einfache Mütterchen am Straßenrand in seiner Staatskarosse ein Stück weit mit und lässt sich dafür feiern. Dass die Frau aber nur zu Fuß unterwegs ist, weil Bahnstrecke und Landstraße wegen der Reise des Führers gesperrt sind, kriegt er selbst nicht mit.

Stilistisch sind die Geschichten einem sozialistischen Realismus verpflichtet, der auch den einfachen Menschen als Anschaumaterial dienen soll und der jede Form von Formalismus verdammt. Dass sie zwar dieser Form entsprechen, ihrer immanenten Kritik wegen aber in Nordkorea nicht erscheinen dürfen, zählt zu den unzähligen Absurditäten, die der Kommunismus hervorgebracht hat.

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