Die Freiheit lebt auf

Wo Stalin seinen Stiefelabdruck hinterlassen und das Volk sich 1989 friedlich erhoben hat, gedeiht seit dem Ende des Sowjetzwangs eine neue Kultur.
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Vor der St. Petrikirche in der Altstadt von Riga stehen die Bremer Stadtmusikanten. Ein ziemlich abgemagerter Esel trägt seine zerzausten Kameraden. Anders als in der stolzen norddeutschen Partnerstadt Bremen lugen die darbenden Tiere hier durch eine spaltbreit geöffnete Wand. Diese Symbolik versteht, wer die jüngere Geschichte des Baltikums vor Augen hat: 1918 erstmals unabhängig, bald geknechtet von Hitler, Stalin und Konsorten, selbstbefreit erst wieder durch die „Singende Revolution“ von 1989. Hunderttausende Esten, Litauer und Letten hatten sich damals an der Hand genommen, Volkslieder gesungen und so die bei Fuß stehenden russischen Truppen gezwungen, sich zurückzuziehen. Dass die einst Herrschenden heute als Minderheit um ihre Rechte kämpfen müssen, ist Ironie der Geschichte; zweisprachige Schilder und Beschriftungen findet man in Riga nur gelegentlich.

Den Turm erklimmt der Besucher über einen klappernden Aufzug aus der Sowjetzeit. Von der Plattform bietet sich ein grandioser Blick über die Stadt und die schier endlose Weite des Landes. Rund um die Kirche gruppiert sich eine winklige Altstadt. Zur Daugava hin, dem mächtigen Strom, an dem vor rund 800 Jahren deutsche Kaufleute die Stadt begründeten, erhebt sich das klassizistische Rathaus und das 1334 erbaute repräsentative „Schwarzhäupterhaus“ in einer Mischung aus Backsteingotik und früher Renaissance. Alles ist vor wenigen Jahren wiederaufgebaut worden, betont Nils Ušakovs. Der Bürgermeister hat klar erkannt, dass, wenn schon die wirtschaftliche Situation nicht einfach ist und jährlich immer noch viele, vor allem junge Leute das Land verlassen, die Chance im Tourismus liegt.

 

Neue Staatsbibliothek

 

Ab Rund 25 Veranstaltungen in Frankfurt bieten bei den Europa-Kulturtagen der Europäischen Zentralbank Tradition und zeitgenössische Kultur des jungen baltischen Staates Lettland.

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Und in der Kultur, für die die Leerstände genutzt werden sollten. Natürlich lockt der Sandstrand der Ostsee, zu dem die S-Bahn fährt. Wer aus Skandinavien oder Deutschland kommt - 2012 waren es immerhin 1,5 Millionen Gäste - erwartet jedoch auch Tradition und Geschichte, selbst wenn sie auf historischem Boden nur inszeniert ist. Die Einführung des Euro im kommenden Jahr wird diesen Boom befördern. Zusätzlich lockt, ebenfalls 2014, der Status Rigas als Europäische Kulturhauptstadt. Eine spektakuläre Aktion haben sich die Initiatoren zur Eröffnung ausgedacht: Die wie ein Gebirge am Fluss aufragende neue Staatsbibliothek wird in Betrieb genommen. Die Bücher wandern in einer Menschenkette von Hand zu Hand, quer durch die Stadt, aus dem alten Gebäude hierher. In eine „Bibliothek des Volkes“ darf zudem jeder Lette sein Lieblingsbuch einstellen.

Zweiter Blickfang vom Kirchturm aus ist, auf einer Insel im Fluss, der futuristische, 368 Meter hohe Fernsehturm, das neue Wahrzeichen der Stadt. Dann die Akademie der Wissenschaften: Sie residiert in einem Zuckerbäcker-Turm der 50er Jahre, den die Rigaer ironisch „Stalins Geburtstagstorte“ nennen. Im Norden säumen moderne Bürogebäude mit Szene-Gastronomie das Ufer. Gegenüber, im Konversionsgebiet des Hafens, legen auch Kreuzfahrtschiffe und Fähren an. Nicht weit, in Bahnhofsnähe, bieten wuchtige Markthallen fast südländische Üppigkeit an Lebensmitteln aus der Region. Die Tonnendächer bedeckten früher deutsche Zeppelinhangars, die nach dem Ersten Weltkrieg zurückgelassen wurden.

Stolz sind die Letten auf ihr kulturelles Leben, das sich überall regt. Zuvörderst in der Speicherstadt, die wie in Hamburg und London Ateliers und Probenräume bietet. Zum Beispiel für die „Sinfonietta Riga“ oder den weltberühmten Rundfunkchor, der unter Leitung von Kaspars Putninš und Sigvards Klava eine unvergleichliche Klangkultur pflegt. An Nachwuchs mangelt es nicht. Wie alle Balten singen die Letten gerne, werden von Kindesbeinen an geschult und in Chören musikalisch erzogen. Freilich muss dieser Chor, wie auch der famose Lettische Staatschor, Geld auf dem freien Markt verdienen, da das Radio die Berufssänger nicht mehr bezahlt. Dass häufig Werke lettischer Zeitgenossen wie Peteris Vasks oder Eriks Ešenvalds (gesprochen „Eschenwalds“, denn die Letten betonen alle Worte auf der ersten Silbe) gesungen werden, erleichtert die Sache nicht unbedingt.

 

Alter Jugendstil

 

Jährlich über 360 Konzerte und Festivals veranstaltet die staatliche Agentur „Latvijas Koncerti“. Sie vermittelt rund 30 Orchester, Chöre und Solisten. Im Dom, dessen historische Walcker-Orgel Organisten aus aller Welt anzieht, werden zahlreiche Konzerte gegeben. Auf dem geräumigen Platz nebenan, vor dem neoromanischen Gebäude der Börse, erinnert eine Plakette im Pflaster an die Aufnahme Rigas ins Weltkulturerbe der Unesco. Keinen Widerspruch dazu bilden florierende Biergärten, als Mischung aus westlicher Freizeitkultur und stimmungsvollen nordischen Sommernächten.

Riga ist eine Stadt mit reicher Tradition und vielen Gesichtern. Ein als „Quiet Centre“ (Ruheviertel) vorgeführtes Stadtviertel bewahrt Lebenswelten des 18. und 19. Jahrhunderts in Holzhäusern, wie man sie aus Westernfilmen kennt. Das Jugendstil-Quartier rund um die Albertstraße (Alberta Iela) steht entsprechenden Vierteln in Prag, Paris oder Barcelona an Pracht nicht nach. Junge Fotografen wie Arnis Balcus und Alnis Stakle betonen dagegen, wie nahe das Land und seine Hauptstadt an der Natur sind. Auch Popmusiker finden hier Räumlichkeiten und entwickeln eigene, aus der Tradition erwachsene Konzepte. Den Kopf durch die Mauer strecken, frei werden - das hat die Kulturszene Lettlands in kurzer Zeit beeindruckend von den Bremer Stadtmusikanten gelernt.

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