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Die Freiheit schlägt um in Terror

Von Mit „Dantons Tod“ schloss Malte Kreutzfeldt zum 200. Geburtstag Georg Büchners den Büchner-Zyklus des Staatstheaters Darmstadt ab.
Uwe Zerwer (Danton) und Thomas Dehler (Robespierre).	Foto: Aumüller Uwe Zerwer (Danton) und Thomas Dehler (Robespierre). Foto: Aumüller

Büchner kannte die Französische Revolution vor allem vom obersten „fatalistischen“ Geschichtsschreiber, L.A. Thiers. Kein Wunder, dass er sich „wie zernichtet“ unter ihrem „grässlichen Fatalismus“ fühlte. Dass das manipulierte Pariser Volk in Robespierre einem Staatsterroristen, Rechteaushebler und hohlen Tugendbold zujubelte, hält das aufwühlende Stück freilich bis heute aktuell.

Kreutzfeldts Regie spitzt Büchners Sicht auf den Machtkampf Robespierre-Danton (1794/95) noch zu. Während sein Danton (Uwe Zerwer) überzeugend das Zaudern eines handlungssatten Revoluzzers mit Sinn fürs Wohlleben und Lebenlassen darstellt und sich als Epikuräer-Jesus beim Warten auf Judas geriert, wird der dressierte Darmstädter „Volks“-Chor jederzeit im Nu zur Beute der Reden eines Robespierre, den Thomas Dehler als massiv-halslosen Ochsenkopf von Mann spielt, dessen engstirnige Angespanntheit wütend zerbricht und ihn am Boden zucken lässt, wenn er allein ist.

Ebenso anfällig ist das Volk für St. Justs Losungen übers Demo-Megafon; Andreas Manz-Kozár zieht kühl den maximalen Nutzen aus dem sinistren Quengel-Potential seiner Stimme.

 

Bei den Weibern

 

Die Regie findet im Spiel mit Metronomen, in schussartigen Schlägen, welche die Spielzeit takten und durchs Theater hallen wie später das Fallbeil-Geräusch, und in einer ominösen Musikbegleitung feine, vieldeutige Zeichen. Ab und zu fällt István Vincze aus der Rolle als Danton-Spezi Lacroix und informiert als Erzähler den weniger beschlagenen Zuschauer. Auch geht es fürs Ensemble einmal, bei hellem Saal, ins Publikum.

Das Volk aber, der neue „Souverän“, hängt oft genug wenig souverän am Gittergerüst hinten, einer Art glaslosen Hochhauswand. Dann skandiert es Losungen gegen Danton, der „bei euren Weibern schläft“. „Wer lesen und schreiben kann - totgeschlagen! totgeschlagen! totgeschlagen!“ - da ahnt man in Darmstadt den kurzen Weg von der „Despotie der Ausschüsse“ zu Stalin und Pol-Pot.

Nikolaus Porz setzt bei den Kostümen aufs Stulpenstieflig-Historische: dicker Gehstoffrock und Krägen zu hellen Hosen und Empire-Hemden, helle Kleider für die Frauen mit und ohne einen Hauch Ancien Régime wie bei Julies roten Haaren (Maika Troscheit). Danton und seine Anhänger führt er als Freundesbund; weniger weiß er mit den Frauen anzufangen, außer wenn etwa Ronja Losert sich als eine Lucile von zeitloser Unschuld aus Trauer um Camille (Simon Köslich: eindrucksvoll) dem Fallbeil ausliefert („Es lebe der König!“).

Über der von Erde oder Mulch bedeckten Bühne hängen Kronleuchter, Wachskerzen unten deuten Privatheit an, für die in allzu öffentlicher Zeit kein eigener Raum ist. Im Zentrum aber läuft ein Steg auf Doppelschienen im Kreis und gleicht mal einer Vorrichtung zum Umsetzen von Lokomotiven, mal einer Blutmühle zwischen Industriebrache, Verschiebebahnhof und Franz Kafka. Viel Beifall.

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