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Debatte: Die Gedankenfreiheit ist grenzenlos

Von „Werte – aber welche?“ heißt eine neue Reden- und Debattenreihe im Schauspiel Frankfurt. Unter den Gästen: der türkische Journalist im Exil Can Dündar.
Can Dündar, vormals Chefredakteur der Zeitung Cumhüriyet, spricht als Debattengast im Schauspiel Frankfurt über die Verteidigung der Redefreiheit. Foto: Hendrik Schmidt (dpa-Zentralbild) Can Dündar, vormals Chefredakteur der Zeitung Cumhüriyet, spricht als Debattengast im Schauspiel Frankfurt über die Verteidigung der Redefreiheit.

Los geht es am 15. November, wenn der englische Soziologe Colin Crouch unter dem unbehaglichen Titel „Wut macht frei“ die Frage erörtert: „Warum sind in unseren Demokratien Emotionen wichtiger geworden als Werte?“ Die weiteren Termine finden im Monatstakt statt, jeweils um 20 Uhr im Chagallsaal: Am 12. Dezember, 30. Januar, 27. März, 22. April und 22. Mai.

Die Treffen tragen Schlagwort-Titel von gewollt provokativer Kürze. Als Redner gewonnen wurden neben Crouch der Glücksforscher aus Bhutan Ha Vinh Tho („Glück macht arm“), die Migrationsexpertin und Professorin der Humboldt-Universität Berlin Naika Foroutan („Schleier macht stark“), der türkische Journalist im Exil Can Dündar („Schweigen macht Gold“), der Ökonom und Globalisierungskritiker Oliver Nachtwey („Geld macht schön“) und die deutsch-kroatische Autorin Jagoda Marinic („Deutsch macht Geschichte“).

„Werte – aber welche?“ zielt gleichsam auf Seminare von Hochschulniveau für ein allgemeines Publikum ab. Entscheidend ist das Partizipative: die aktive Teilnahme. Der jeweilige Vortrag von dreißig bis vierzig Minuten Dauer wird in zwei Stufen ergänzt. Zunächst begeben sich die Zuhörer an Tische unter den „Goldwolken“ von Zoltán Kemény im Foyer, wo die Denkfreiheit wohl grenzenlos sein muss. Im Dialog mit anderen können Standpunkte und Fragen zum zuvor Gehörten entwickelt werden. Dramaturgen vom Hause stellen sich zum „Coachen“ zur Verfügung, wollen aber nicht lenken. Was formuliert wurde, wird im dritten Abschnitt an den Redner zurückgespiegelt, der wiederum Stellung dazu bezieht.

Grundidee ist es, wegzukommen vom oft sterilen öffentlichen Vortrag vor eher passiven Zuhörern mit ein paar Alibifragen zum Schluss und ein paar Schönrednern, die sich über Gebühr aufspielen, um einen „partizipativen Diskursraum“ von echtem Erkenntnispotential zu schaffen. Die Themen sind bewusst spaltend ausgewählt.

Colin Crouch zum Beispiel lehrte als Professor in Oxford, mit dessen Universität das Schauspiel durch das ein oder andere Band verbunden scheint. Seine Forschungen gelten den Gesellschaftsstrukturen in Europa sowie Arbeitsmarkt, Gender und Familie. In seinem Vortrag, so Leiffheidt, werde er von einer Kluft zwischen demokratischen Strukturen und Sonderinteressen von Eliten im Sinn globaler Finanzströme sprechen. Das Leben und die Konflikte einer Gesellschaft fänden zusehends an demokratischen Strukturen vorbei statt und drohten die emotionale Bindung an diese auszuhöhlen.

Ähnlich interessant verspricht Ha Vinh Thos Rede über die von ihm entwickelten Lehrpläne zur Umsetzung des größtmöglichen „Bruttonationalglücks“ im Königreich Bhutan zu werden. Ob die Erfahrungen des Vietnamesen im Himalaya wohl hilfreich sind, um die diffusen bis irrationalen Klagen deutscher „Wutbürger“ besser einzuordnen? Can Dündar wiederum weiß mit Sicherheit, wovon er spricht, wenn er unter der Rubrik „Schweigen macht Gold“ die Frage erörtert: „Wie verteidigen wir unsere Redefreiheit?“ Hätte er über die Waffenlieferungen des türkischen Präsidenten Erdogan an IS-Terroristen, die Erdogan als Terroristen definiert, einfach geschwiegen, lebte er wohl immer noch in der Türkei und säße nicht hinter Gittern. Frei wäre er dort freilich nicht: Sein Gefängnis wäre nur größer.

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