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Jungregisseur Abdullah Kenan Karaca inszeniert den Schauspiel-Klassiker für die Gegenwart: Die Geierwally jagt in der wilden Natur Oberammergaus

Die Geschichte der „Geierwally“ wird seit über 100 Jahren immer wieder erzählt, im Film und auf der Bühne. In Oberammergau wagte sich nun Abdullah Kenan Karaca an den Stoff.
In der wild-romantischen Naturkulisse Oberammergaus gibt es kein Happy End für die Geierwally (Sophie Schuster) und den Bärenjosef (Jonas Konsek). Foto: Arno Declair In der wild-romantischen Naturkulisse Oberammergaus gibt es kein Happy End für die Geierwally (Sophie Schuster) und den Bärenjosef (Jonas Konsek).

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Während Christian Stückl im Oberammergauer Passionsspielhaus mit Wagners „Fliegendem Holländer“ große Oper bietet, wagt sich Jungregisseur Abdullah Kenan Karaca an den Schauspiel-Klassiker „Die Geierwally“ – und das mit einer Laientruppe. Wilhelmine von Hillern (1836–1916) veröffentlichte 1873 den Roman und fünf Jahre später ein Theaterstück über diese selbstbewusste Bauerntochter, die sich gegen einen harten Vater stemmt und in der Einsamkeit der Berge Greifvögel zähmt.

Eine Geschichte wie geschaffen für die theaterbegeisterten Oberammergauer und ihre Bergwelt. Lebte doch die Autorin selbst einige Jahre in dem Ort und ist auf dem Pfarrfriedhof begraben. Der 1989 in Garmisch-Partenkirchen geborene Karaca, der 2020 zweiter Spielleiter der Passion an der Seite Stückls sein wird, gehört zu jenen im Ort, die wie viele andere schon als Kind vom Theatervirus befallen wurden. Den mythenumrankten Stoff der „Geierwally“ hat er in die Gegenwart geholt. Das vorhandene Pathos lässt er mit schrill-bunten Kostümen von Sita Messer und mit der Musik der neuen Volksmusik-Gruppe „Kofelgschroa“ konterkarieren.

Dazu kommt mit dem Pflanzgarten an der Laberbergbahn ein wild-romantischer Freiluftaufführungsort. Dort wurde ein Stadel für gut 400 Besucher leergeräumt. Ihnen bietet sich von den Holzbänken aus der Blick auf einen baumbewachsenen Hang, an dessen Fuß Vincent Mesnaritsch eine Bretterbühne samt bespielbarem Dach und silbernem Vorhang stellte. Gerade so, als ob Gaukler hier Station machten, um mit ihrer Kunst den Leuten Geschichten aus dem Leben zu erzählen.

Gedemütigte Knechte

Sophie Schuster spielt die junge Walburga Stromminger, genannt Geierwally, die schon früh der Gewalt des Vaters, dargestellt vom kraftvollen Anton Burkhart, ausgesetzt ist. Noch hinter dem geschlossenen Vorhang lässt sich erkennen, was das Mädchen an Erniedrigung aushalten muss. So bleibt ihr, die selbst noch gedemütigten Knechten zu Hilfe kommt, nur die Flucht. Völlig erschöpft wird sie von den Klotz-Brüdern auf deren Hof aufgenommen.

Erst wollen sie die Wilde lieber loshaben, dann schützen sie diese doch vor dem Vater, und am Ende buhlen zwei der Brüder um die Unnahbare. Die Anmache, etwa von Leander (Rochus Rückl), kommt nicht schnulzig daher, sondern im heutigen Ton. Ob ihre Eltern vielleicht Terroristen seien, will er wissen, um dann selbst die Antwort zu geben: „Weil du a richtige Bombn bist.“ Solches Werben, auch jenes von Vincenz Gellner (Lucas Clauss spricht dafür sächsischen Dialekt), den ihr der Vater ausgesucht hat, lässt Wally an sich abprallen, denn für sie gibt es nur einen: Josef Hagenbach, den „Bärenjosef“.

Jonas Konsek verkörpert diesen tapferen Jäger, der vom Outfit mit seinem großen schwarzen Hut und der voluminösen Felljacke irgendwie an Karl Mays „Ölprinzen“ erinnert. Als Wally ihn später im Gebirge, wo sie sich auf eine Alm zurückgezogen hat, wiedertrifft, reagiert sie abweisend. Denn er hat die junge Schankdirn Afra (Eva Reiser) dabei. Erst später wird sie erfahren, dass es seine Schwester ist. Auf einmal wendet sich das Schicksal. Wallys Vater stirbt, und sie wird zur reichen Bäuerin des Höchsthofs. Im modischen Pink-Violett gibt die junge Frau nun die Diva, bisweilen hartherzig zu den Angestellten. Mit einer List gelingt es einigen vom Dorf, sie mit dem „Bärenjosef“ zusammentreffen zu lassen, der ihr dabei mit Gewalt einen Kuss abfordert. Daraufhin lässt sie sich aus Wut zu dem Versprechen hinreißen, jenen zu heiraten, der ihr den Josef tot vor die Füße legt.

Tödlicher Schuss

Vincenz sieht dies als seine Chance. Am Ende liegt der Jäger schwer verletzt im Fluss. Die sich große Vorwürfe machende Wally rettet ihn. Ermutigt vom Pfarrer (Markus Köpf in Weiß mit Priesterkragen und Pileolus) spricht sich das Paar später aus. Das zum Greifen nahe Happy End vom Glück zu zweit zerstört ein tödlicher Schuss in der Nacht. Die „Geierwally“ steht noch bis 4. August auf dem Spielplan. Übrigens: Die Oberammergauer Passionspiele sind jüngst ins Bayerische Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden.

Passionstheater Oberammergau

3. und 4. August, jeweils 20 Uhr. Karten zu 17 bis 34 Euro unter
Telefon (0 88 22) 9 45 88 88.
Internet www.passionstheater.de

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