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Documenta in Kassel: Die Installation "War Machine"

Documenta-Endspurt: Nur noch bis zum 17. September kann man die Kunst-Weltschau in Kassel besuchen, die nur alle fünf Jahre stattfindet. Wir stellen ausgewählte künstlerischen Attraktionen vor.
Sergio Zevallos stellt Deutsche-Bank-Chef John Cryan (links) und NSU-Terroristin Beate Zschäpe als Schrumpfköpfe dar. Foto: Boris Roessler (dpa) Sergio Zevallos stellt Deutsche-Bank-Chef John Cryan (links) und NSU-Terroristin Beate Zschäpe als Schrumpfköpfe dar.
Kassel. 

Es gibt auf der Documenta Kunst, die an Grenzen geht – des guten Geschmacks, und dessen, was man aushalten will. Da stellt sich die Frage: Wie weit darf Kunst gehen?

Das Kasseler Stadtmuseum ist normalerweise ein Ort, der behutsam mit der Geschichte umgeht. Doch für die 14. Documenta hat sich hier die Künstlerin Regina José Galindo eingerichtet. In einem weißen Raum steht sie, eingeschlossen, aber von außen sichtbar – durch vier Schießscharten mit Maschinengewehren. Besucher des Stadtmuseums können sich entscheiden: Wollen Sie anlegen? Gar abdrücken?

Die Inszenierung einer Scheinhinrichtung ist typisch für die Körper- und Aktionskünstlerin aus Guatemala, die sich zur Eröffnung der Athener Documenta-Parallelveranstaltung auch schon mal in ein metertiefes Grab gelegt hat („Don’t look down“). Im Frühjahr 2016 war sie im Frankfurter Kunstverein zu sehen, mit Videos, die ihre manchmal schwer erträglichen Körperperformances dokumentieren. Mit ihnen tritt sie ein gegen Missstände und Unterdrückung. Ihr Ziel: Die Zuschauer erleben zu lassen, was sie sonst nur mittelbar kennen, vom Hören oder Sagen.

In der Neuen Galerie oberhalb der Karlsaue zeigt Sergio Zevallos, 1962 in Lima geboren, eine „War Machine“, eine Kriegsmaschine also, und da stellen sich ganz andere Fragen: Darf man Ursula von der Leyen, Christine Lagarde oder den Deutsche-Bank-Chef John Cryan als Schrumpfkopf darstellen – und sei es nur aus Spaß? Dass es Zevallos nur um Spaß zu tun ist, darf man freilich bezweifeln. An einer Wand seiner Ein-Raum-Installation zeigt er Menschen, die in Politik, Wirtschaft oder im Militärbereich tätig waren oder sind, wie in Steckbriefaufnahmen: Mit Detail-Vergrößerungen bestimmter Merkmale – zum Beispiel Ohren, Münder, Augenpartie – sucht er nach Charakteristika, die er dann pseudo-biologisch einordnet. Genau so machten das Jahrhunderte lang westliche Forscher, die „Edle Wilde“ wie Tiere untersuchten und vermaßen.

Nach diesem „Casting“ in der Art von Fahndungsfotos erfolgt eine Einstufung nach klassischen Kriterien wie „volle Lippen“, „zu lange Arme“ oder „dunkle Haut“.

Die Schrumpfköpfe, die hernach hergestellt werden, hängen in langer Reihe in einer Vitrine – mit viel gutem Willen vage erkennbar. Klar: Hier werden historische Praktiken der westlichen Moderne auf gegenwärtige Funktionsträger angewandt: eine wüste Verdrehung einer Praxis, die man aus ethnologischen Museen kennt. Schrumpfköpfe sind eigentlich aus der Kopfhaut eines toten Feindes angefertigte Präparate – im mythischen Glauben ziehen ihre Gegner Energie aus ihnen.

Kauziges Kunst-Spiel

Darf man soweit gehen, dazu Personen des öffentlichen Lebens heranzuziehen, einen Rüstungsfabrikanten, eine Verteidigungsministerin oder einen Bankchef etwa? Ist das ehrenwert? Während Regina José Galindo mit ihrem eigenen Körper einsteht für die Ungerechtigkeiten, die sie bekämpft, bedient sich Zevallos anderer Personen. So kauzig sein Kunst-Spiel auch anmutet: Der Ernst und die Akribie, mit dem er es exerziert, löst auch Schauer aus.

Documenta Kassel

Bis 17. Dezember. Neue Galerie, Schöne Aussicht 1

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