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Ausstellung im Kunstmuseum: Die Kunst blickt in die Abgründe des Jahrhunderts

Unbequem, sperrig, berüchtigt: Mit verstörenden Kriegsbildern und schonungslosen Porträts entlarvte Otto Dix das Deutschland des 20. Jahrhunderts. Vor 125 Jahren kam er bei Gera zur Welt.
Otto Dix auf einem Selbstporträt von 1942. Foto: Bernd Weissbrod (dpa) Otto Dix auf einem Selbstporträt von 1942.

„Die Neue Sachlichkeit, das habe ich erfunden“, soll Otto Dix seinerzeit in Anspruch genommen haben. Sein monumentales Triptychon „Großstadt“ im Kunstmuseum Stuttgart vereint die Facetten seiner beißenden Gesellschaftskritik wie kein zweites Werk. Dix scheut sich nicht, rohe Gewalt, nackte Angst und die Not des Proletariats sowie die aufgestaute Lebensgier einer mondänen Großstadtbourgeoisie abzubilden. „Dix suchte das Typische seiner Zeit in den Extremen“, resümiert Direktorin Ulrike Groos. Am 2. Dezember vor 125 Jahren wurde der Maler bei Gera geboren. Heute gilt er als einziger deutsch-deutscher Jahrhundertkünstler. Im Kaiserreich in Dresden ausgebildet, avancierte er zum „berüchtigten Maler-Star der Weimarer Republik“. Seine dadaistischen und schonungslos wirklichkeitsnahen Kriegsbilder wurden skandalisiert. Seine Porträts galten als schockierend und entlarvend. Sein zunehmend altmeisterlicher Stil wurde später von linken Kritikern als reaktionär verunglimpft. Indem er sich abkehrte von Expressionismus und Dadaismus wollte Dix die Weimarer Republik so zeigen, wie er sie sah.

1891 wurde Dix in Untermhaus bei Gera geboren, er starb im Sommer 1969 mit 77 Jahren in Singen am Bodensee. Der Realist und Expressionist ist der einzige deutsche Maler der Gegenwart, der sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik ausstellte und offiziell anerkannt wurde. Obwohl er im Westen lebte, reiste er regelmäßig nach Dresden, wo er ein Atelier hatte. Später war es sein ausdrücklicher Wunsch, dass Stuttgart Standort seines Hauptwerks „Großstadt“ wird. Dort porträtiert er gleichermaßen Dirnen und Verbrecher wie Spießbürger, Bohemiens, Halbwelt und Kriegskrüppel.

Luxus und Elend

Mehr als 400 Arbeiten umfasst die Geraer Sammlung. Der 300 Werke umfassende Bestand des Kunstmuseums Stuttgart gilt als weltweit bedeutendster Fundus – mit dem „Selbstbildnis als Soldat“ und dem „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“.

Viele Dix-Werke sind Anklagen gegen Krieg und Militarismus. Besonders der Erste Weltkrieg, dessen Gräuel Dix als Soldat an der Front erlebt, hinterlässt tiefe Spuren. Dix attackiert die Gesellschaft. Er malt ausgemergelte Strichmädchen, vergnügungssüchtige Großstadtmenschen zwischen Luxus und Elend, Kriegskrüppel und Selbstmörder.

1934 erlassen die Nationalsozialisten gegen ihn ein striktes Ausstellungs- und Malverbot. Viele seiner Werke werden aus den Galerien verstoßen, als „entartete Kunst“ diffamiert und verbrannt. Er geht in innere Emigration, sucht Zuflucht am Bodensee.

„Ich sitze immer zwischen den Stühlen“, soll Otto Dix mal über sich selbst gesagt haben. Unbequem wie er war. Sperrig. Nicht angepasst.

Dix war einer der ersten Künstler, der die Schrecken des modernen Krieges und die zerrissene Nachkriegsrealität in seinen Werken festgehalten hat. Viele Gemälde klagten die Sinnlosigkeit des Krieges, seinen falschen Heroismus und die technisierte Wucht der Vernichtung an. Dix war allerdings auch ein begnadeter Porträtmaler. Er stellte die physiognomischen und körperlichen Merkmale seiner Modelle ausdrucksstark und provozierend dar.

Auch heute sehe man Tag für Tag erschreckend ähnliche Reportagen von Verzweifelten und Resignierten, Superreichen und Bitterarmen, von den Protagonisten einer auseinanderbrechenden Gesellschaft, sagt Ina Conzen, Kuratorin für Klassische Moderne der Staatsgalerie Stuttgart. „Wir sehen die Verletzten und Toten von Kriegen und Terroranschläge.“ Dass die vor hundert Jahren gemalten Bilder von Otto Dix so ungleich wirkmächtiger seien, dass sein schonungsloser Realismus jede filmische Aufnahme übertreffe, zeige die Größe seiner Kunst.

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