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Das Literaturjahr: Die Kunst, die Welt zu ertragen - Literatur in 2017

Von Vor allem der Frühling bringt neue Romane: Was nicht von deutschen Schriftstellern kommt, kommt aus Amerika – etwa von T.C. Boyle oder Paul Auster.
T.C. Boyle (68) stellt sich in „Die Terranauten“ eine Gruppe von Wissenschaftlern vor, die auf einem Versuchsgelände künstliches Leben ausprobieren. Bilder > Foto: Henning Kaiser (dpa) T.C. Boyle (68) stellt sich in „Die Terranauten“ eine Gruppe von Wissenschaftlern vor, die auf einem Versuchsgelände künstliches Leben ausprobieren.
Frnakfurt. 

Frankfurt hat nicht sonderlich viele Schriftsteller. Der literarische Ruf der Stadt ist eher klein. München, Hamburg oder Berlin hingegen sind nicht nur Wohnort vieler Autoren, sondern auch regelmäßig Schauplatz in deren geschichtsträchtigen Romanen, zeitgenössischen Liebesgeschichten, Familiendramen – oder was auch immer. Zu Frankfurts Schriftstellern zählt neben Wilhelm Genazino, Eva Demski, Bodo Kirchhoff, Martin Mosebach und natürlich Krimiautor Jan Seghers auch Zsusza Bánk.

Zwei Freundinnen

Mit ihrer Sprachmächtigkeit, ihrem spielerischen Wortschatz sowie ihrer genauen Menschenbeobachtung hat sie sich längst einen guten Namen gemacht. „Die Schwimmerin“ und „Helle Nächte“ hießen die ersten Werke, dank derer sie einst als junges Talent in Erscheinung trat. Seither ist Zsusza Bánks Literatur weitergereift, und am 23. Februar erscheint ihr nächster Roman „Schlafen werden wir später“ (Verlag S. Fischer). Es ist ein Briefroman über zwei Freundinnen. Abwechselnd schreiben sich die Autorin Márta und die Lehrerin Johanna das Neueste aus ihrem Leben, wobei deutlich wird, dass sie viele Wünsche und Pläne vertagen müssen, auf ein späteres Morgen, das auch dazu dienen soll, endlich Ruhe zu verschaffen vor den Zumutungen des Alltags. Für Márta bestehen die aus dem Durcheinander eines Haushalts mit Ehemann und drei kleinen Kindern in Eschersheim, Körberstraße 12.

In seiner Mischung aus sehnsuchtsvoller Poesie und Wirklichkeitsnähe würde sich der Roman „Schlafen werden wir später“ durchaus eignen für die jährliche Frankfurter Veranstaltungsreihe „Frankfurt liest ein Buch“. Vorerst stellt Zsusza Bánk, 51-jährige Tochter ungarischer Einwanderer, ihr neues Werk aber lediglich am 2. März im Literaturhaus vor.

Obdachloser Elefant

Auf dessen Einladung kommt schon am 7. Februar auch Martin Suter ins Frankfurter Schauspiel. Der Schweizer Autor führt dort in seinen Wirtschaftsthriller „Elefant“ ein, der am 18. Januar herauskommt (Diogenes-Verlag). Da Suter mit dem heutigen Business-Treiben und dem kalt kalkulierenden Kapitalimus gut vertraut ist, von beidem aber nicht mehr allzu viel hören will, weiß er auch, dass gerade unter Zahlenmenschen, die in Banken und Unternehmen arbeiten, ein bisschen Hokuspokus nicht schaden kann. In seinem Buch ist es deshalb ein „kleiner rosaroter Elefant, der in der Dunkelheit leuchtet. Plötzlich ist er da, in der Höhle des Obdachlosen Schoch, der dort seinen Schlafplatz hat“.

Auch der Berliner Schriftsteller Thomas Brussig („Sonnenallee“) meldet sich zurück. In seinem Roman „Beste Absichten“ bleibt er thematisch der DDR treu. Der Fischer-Verlag kündigt das Werk als „Wenderoman“ an. Der neue Roman von Martin Walser, einem der bedeutendsten deutschen Schriftsteller seiner Generation, ist bereits vor wenigen Tagen erschienen. Der Selbstbespiegelung des Autors unter dem Titel „Statt etwas oder Der letzte Rank“ lässt sich literarisch durchaus etwas abgewinnen (Rowohlt).

Einen unerwarteten Erfolg hatte die italienische Autorin Elena Ferrante vergangenes Jahr mit „Meine geniale Freundin“ aus dem alten Neapel. Vor wenigen Tagen hat der Suhrkamp-Verlag die Fortsetzung „Die Geschichte eines neuen Namens“ herausgebracht. Darin sind die Freundinnen Lila und Elena 16 Jahre alt. Auch der dritte Teil der Reihe soll noch dieses Jahr folgen. Zwar wurde mittlerweile kolportiert, hinter dem Decknamen Elena Ferrante verberge sich die Übersetzerin Anita Raja, doch der Suhrkamp-Verlag möchte dies nicht bestätigen.

Neues gibt es am 13. März auch von dem Norweger Jostein Gaarder, der mal mit „Sofies Welt“ einen großen Erfolg hatte. Als philosophischen Schelmenroman kündigt der Hanser-Verlag nun Gaarders Buch „Ein treuer Freund“ an. Hauptfigur ist Jakop Jacobsen, der in einem abgelegenen Tal wohnt und mit seiner Handpuppe Pelle lange philosophische Zwiegespräche führt.

Mit die beste schöngeistige Literatur kommt jedes Jahr aus den USA. Aus der ersten Reihe der amerikanischen Schriftsteller (Philipp Roth, John Irving) ist vorerst nichts angekündigt, aber in der zweiten Reihe tut sich was. Der Kalifornier T.C. Boyle, stets kritisch gegenüber neuen Entwicklungen der US-Industrie, beschreibt in seinem gestern erschienenen Roman „Die Terranauten“, wie Wissenschaftler versuchen, in einem geschlossenen Ökosystem Leben nachzubilden. Die Handlung geht zurück auf einen tatsächlichen Versuch, der in den 90er Jahren misslang. Autor Boyle aber lässt das Experiment gelingen (Hanser-Verlag). Von seinem New Yorker Kollegen Paul Auster erscheint bei Rowohlt am 31. Januar der neue Titel „4321“, der einen Countdown andeutet. Auster („Mond über Manhattan“) beschreibt „vier Variationen eines Lebens“.

Die Zahl der Kriminalromane, die im Laufe des Jahres auf den Markt kommen, dürfte kaum noch zu zählen sein. Zu den Lieblingsautoren dieser Gattung gehört die Amerikanerin Donna Leon. Schon während der vergangenen Frankfurter Buchmesse hat die fleißige Schreiberin den 26. Fall ihres Commissario Brunetti angekündigt, „Stille Wasser“. Erscheinungsdatum des Krimis rund um eine Wasserleiche ist der 24. Mai (Diogenes). Schauplatz ist selbstverständlich Venedig, wo Donna Leon mittlerweile nicht mehr wohnt. Es war ihr dort zu touristisch.

Gräber der Alpen

Neben den Krimis aus den Traumstädten gibt es freilich die Krimis aus den Provinzorten, die kaum weniger beliebt sind, denn für gewöhnlich stellt sich der Leser das Landleben beschaulich vor. Wie geisttötend und auch sonst mörderisch es sein kann, weiß der französische Polizeichef Bruno zu belegen, der seinen neunten Fall bearbeitet. „Grand Prix“ heißt das Buch von Martin Walker (Diogenes), das in der Region Périgord spielt und am 26. April herauskommt. Jörg Maurer aus Garmisch-Partenkirchen liefert seinen neuen Alpenkrimi „Im Grab schaust du nach oben“ am 27. April als Taschenbuch bei Fischer aus. Kommissar Jennerwein fahndet dieses Mal inmitten eines G7-Gipfeltreffens, in dessen Verlauf die gute Luft mit Blei aus einer Schusswaffe gefüllt wird. Aber auch Böllerschüsse fallen, und Blaskapellen spielen. Im deutschen Norden stirbt es sich allerdings anders. Dort ist der „Ostfriesentod“ üblich, wenngleich normalerwiese nicht so gewaltsam wie in dem Krimi von Klaus-Peter Wolf – vom 16. Februar an, ebenfalls als Fischer-Taschenbuch.

Hilfe des Tagebuchs

Schriftsteller sterben auf eigene Art, ihre Literatur aber lebt weiter. Deshalb werden der Italiener Umberto Eco und der Ungar Peter Esterhazy (beide 2016 gestorben) mit deutschen Neuerscheinungen geehrt. „Pape Satàn“ von Eco trägt den erklärenden Untertitel „Chroniken einer flüssigen Gesellschaft oder Die Kunst, diese Welt zu ertragen“ und gibt vom 30. Januar an noch einmal das ganze gedankliche Universum des Autors des Klosterkrimis „Der Name der Rose“ wieder (Hanser). Im selben Verlag erscheint am 13. März von Esterhazy, der an Krebs gestorben ist, dessen „Bauchspeicheldrüsentagebuch“.

 

Lesung Zsusza Bánk: Literaturhaus, Schöne Aussicht 2–4, Frankfurt. 2. März, 19.30 Uhr. Karten zu 9 Euro unter
Telefon (069) 75 61 84-0.
Internet www.literaturhaus-frankfurt.de
Lesung Martin Suter: Schauspiel Frankfurt, 7. Februar, 19.30 Uhr. Karten zu 20 Euro unter Telefon (069) 212-49 494.
Internet www..schauspielfrankfurt.de

 


 

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