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Propaganda-Film: Die Macht der Bilder

Von Der Film über den NS-Reichsparteitag in München 1934 ist inszenierte Propaganda. Doch Riefenstahls Ästhetik wirkt bis heute ins populäre Kino nach.
Leni Riefenstahl (1902–2003) Bilder > Foto: dpa (dpa) Leni Riefenstahl (1902–2003)

Luke Skywalker schreitet ein Spalier applaudierender Sternenkrieger ab. Zaubermeister Saruman überblickt ein Ork-Heer, bereit für die Schlacht. Der Löwe Scar lässt eine Armee aus Hyänen an seinem Felsenthron vorbeimarschieren. In diesen klassischen Szenen zitieren die Hollywood-Hits „Star Wars“, „Herr der Ringe“ und „König der Löwen“ dasselbe deutsche Vorbild. Ein berühmt-berüchtigtes Werk, das vor 80 Jahren, am 28. März 1935, im Berliner Ufa-Palast uraufgeführt wurde. „Triumph des Willens“ ist auf den ersten Blick eine knapp zweistündige Dokumentation über den Reichsparteitag der Nazis in Nürnberg. Doch seine Wirkung reicht weit über die reine Abbildung militärischer Paraden und parteipolitischer Reden hinaus. US-Regisseur Frank Capra („Ist das Leben nicht schön?“) sagte einmal: „Als psychologische Waffe war dieser Film genauso tödlich wie ein Gewehrschuss.“

 

Bewunderung und Kritik

 

Seinerzeit bahnbrechende Techniken wie die bewegte Kamera, das Teleobjektiv und suggestive Musikeinblendungen kamen zum Einsatz, um Hitler und seine Schergen als gottgleiche Heilsbringer des deutschen Volkes zu stilisieren. Ein in seiner Effektivität erschreckendes Beispiel für inszenierte Propaganda, von dem der Historiker Richard Taylor schrieb: „Kluge Männer und Frauen wurden dadurch zur Bewunderung verführt, anstatt sich in Abscheu abzuwenden.“

Im Ausland heimste „Triumph des Willens“ Filmpreise ein, Hollywood-Mogul Walt Disney begann, mit den Nazis zu sympathisieren. Wie der jüdische Schriftsteller Primo Levi bemerkte, war Hitler der erste „mächtige und gewalttätige Mann der Geschichte, der die spektakuläre Waffe der Massenkommunikation handhabte“. Im Fall von „Triumph des Willens“ wäre sie eine stumpfe Klinge geblieben, hätte dem Diktator nicht das kreative Können einer Frau zur Verfügung gestanden, die „Star-Wars“-Erfinder George Lucas als „die modernste Filmemacherin überhaupt“ bezeichnete und die von der „New York Times“ zur „größten Regisseurin aller Zeiten“ gekürt wurde.

In der Tat sind die gestalterischen Fähigkeiten der Helene „Leni“ Riefenstahl über jeden Zweifel erhaben. Von Hitchcock bis Tarantino haben Künstler ihre dynamische Kameraführung und das Gespür für spannende Schnitte bewundert und imitiert. Riefenstahls Charakter hingegen bleibt bis heute umstritten. Selbst als sie am 8. September 2003 im Alter von 101 Jahren starb, wechselten sich verhaltene Bewunderung und polemische Kritik in den Nachrufen ab. Als eiskalte Karrieristin wurde sie porträtiert, als „begabteste Propagandistin des Herrenmenschentums“, so Margarete Mitscherlich. „Der Schönheitsbegriff war für sie wichtiger als die politischen Folgen dieser Idealisierung“, schrieb der ehemalige Frankfurter Kulturstadtrat Hilmar Hoffmann („Mythos Olympia – Das Werk Leni Riefenstahls“). Womöglich trifft auch die Einschätzung des Filmhistorikers Liam O’Leary zu, Riefenstahl sei „eine künstlerische Koryphäe, aber ein politischer Trottel“ gewesen. Nach dem Krieg wurde sie von den Alliierten nur als „Mitläuferin“ eingestuft, doch galt sie stets als schuldhafter als andere Künstler, die im „Dritten Reich“ an ihren Karrieren bastelten.

 

Faszination für den Führer

 

Im Unterschied zu den Schauspielern Gründgens oder Rühmann war es für Leni Riefenstahl unmöglich, ihre Laufbahn während der Nachkriegszeit fortzusetzen. Erst im fortgeschrittenen Alter gewann sie durch Afrika- und Unterwasser-Dokumentationen wieder an Reputation. „Dabei hatte sie sich nicht mehr, aber auch nicht weniger zuschulden kommen lassen als Millionen Deutsche ihrer Generation auch“, schrieb Alice Schwarzer, „nämlich ihre Faszination für den Führer, ihr Wegsehen bei den Opfern und ihre Verdrängung.“ Auch Hilmar Hoffmann kritisierte Riefenstahls öffentliche Ächtung. „Sergej Eisenstein und andere russische Filmemacher haben in ihren staatlich finanzierten Werken das Pathos der ideologischen Gemeinschaft gefeiert und metaphysischen Schauer erzeugt. Gleichwohl wird deren Genie nicht bestritten.“ Die Regisseurin gab in einem Interview zu, dass sie „Triumph des Willens“ auch für Stalin oder Churchill hätte drehen können. „Das Ergebnis wäre dasselbe gewesen. Man spendet dem Film Beifall, weil er wirkt.“

Dass sie die Bildsprache der Verführung perfekter beherrschte als jeder ihrer männlichen Kollegen, wurde Leni Riefenstahl zum Verhängnis – und ihre sture Weigerung, die eigene Verantwortung am Aufbau der „Marke“ Hitler einzugestehen. „Es gibt keine unbescholtene Kunst in der Diktatur“, urteilt Biograf Lutz Kinkel („Die Scheinwerferin“). Betriebsblind log sich die von ihrer Arbeit Besessene in die Tasche, indem sie nicht müde wurde zu behaupten, „Triumph des Willens“ sei ein Dokumentarfilm von einem Parteitag und nicht mehr. „Ich habe aufgenommen, was sich wirklich abgespielt hat. Das hat nichts mit Politik zu tun.“ Betrachtet man die ersten 50 Minuten, ist man geneigt, Riefenstahls Argumentation zu folgen. Die Aneinanderreihung immer gleicher Aufnahmen von fahnenschwenkenden Menschen, Jungpionieren und nächtlichen Fackelzügen sind so dröge gestaltet, dass der berühmte US-Kritiker Roger Ebert „Triumph des Willens“ ein „stupides und einschläferndes Machwerk“ nannte.

Aber dann kommt der Moment, in dem Hitler, flankiert von Heinrich Himmler und Viktor Lutze, in der Luitpold-Arena durch ein Meer von SA- und SS-Männern schreitet. Anschließend hält der Führer eine flammende Rede an die Truppen, bei der die Kamera um ihn kreist, als wäre er die Statue eines römischen Kaisers. In schnellen Schnittfolgen wird Hitlers Gesicht in Großaufnahme gezeigt, stets von unten, um seine Erhabenheit zu demonstrieren, während die Kamera an einem Kran befestigt engelsgleich über die verzückt lauschende Menge schwebt. Es sind jene Szenen, in denen Riefenstahl ihr 170-köpfiges Drehteam, darunter 36 der damals besten Kameramänner, zu Höchstleistungen treibt, um die Emotionen des Zuschauers virtuos zu manipulieren.

 

Moralische Verantwortung

 

Hier entlarvt sich „Triumph des Willens“ als ein durchkomponierter Image-Film, ein Propaganda-Werkzeug für Hitlers Kampf um die Gunst des Volkes. Und Riefenstahl bleibt nicht etwa unschuldige Chronistin der Zeitgeschichte, sondern wird zur Choreografin der Rattenfänger, deren menschenverachtende Gesinnung sie mit gloriosen Montagen zu überdecken hilft. „Nicht einmal das Wetter ist echt“, sagt Eckart Dietzfelbinger vom Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. „Die Regenszenen wurden einfach weggelassen.“ Mehr noch: Die zeitliche Abfolge des Parteitags wurde am Schneidetisch durcheinandergebracht, Reden im Studio nachgestellt und Aufmärsche stilisiert, alles in der Absicht, einen fesselnden Nazi-Werbefilm zu gestalten. Riefenstahl fertigte noch weitere Propaganda-Streifen an, etwa den „Olympia“-Film, und suchte die Freundschaft zu Nazi-Größen. Bereits nach ihrem gefeierten Bergfilm „Das blaue Licht“ (1932) lagen ihr Angebote von Chaplin und Fairbanks aus Amerika vor. Aber sie entschied sich für Hitler.

„Dass ich das Dämonische an ihm nicht erkannt habe, ist zweifellos Verblendung“, sagte sie später. Eine neue Generation scheint aufgeklärter. Bei Vorführungen für Schulklassen stellt Wissenschaftler Eckart Dietzfelbinger fest, dass „Triumph des Willens“ nicht mehr ankommt. „Die Jungen langweilen sich, wenn sie den Film sehen.“ Dennoch ist er ein Lehrstück für die Macht des Mediums, der heutige Jugendliche keineswegs unempfänglich gegenübersitzen. Andernfalls würden im Internet nicht millionenfach Musikvideos angeklickt, die gewaltverherrlichende Botschaften transportieren. Die Terror-Bande „Islamischer Staat“ leistet sich gar eine eigene Filmabteilung, die im Netz Werbe-Clips verbreitet, um die „Kids“ von der Notwendigkeit des Heiligen Kriegs zu überzeugen. Inhalte mögen sich ändern, aber die Verführungskraft der Bilder bleibt – und die moralische Verantwortung der Filmemacher.

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