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Die Nacht des Zorns

Die Französin ist eine der meistgelesenen Krimiautoren. Im ihrem jüngsten Buch gehen in der Normandie Untote um. Kommissar Adamsberg hat aber noch mehr zu klären.
Frédérique Audoin-Rouzeau wurde 1957 in Paris geboren. Der Künstlername Fred Vargas entstand aus ihrem Vornamen und dem Nachnamen der Filmfigur "Maria Vargas" aus "Die barfüßige Gräfin".	Foto: Louise Oligny Frédérique Audoin-Rouzeau wurde 1957 in Paris geboren. Der Künstlername Fred Vargas entstand aus ihrem Vornamen und dem Nachnamen der Filmfigur "Maria Vargas" aus "Die barfüßige Gräfin". Foto: Louise Oligny

In mehr als vierzig Sprachen wurden Fred Vargas’ Werke übersetzt. Auch bei uns erstürmen ihre Kriminalromane regelmäßig die Bestsellerlisten. Ihr Krimi "Fliehe weit und schnell" wurde 2004 mit dem Deutschen Krimipreis (Kategorie international) ausgezeichnet, im selben Jahr errang "Der vierzehnte Stein" den dritten Platz der Jahres-Bestenliste der Krimi-Welt. Seit kurzem liegt Fred Vargas aktuellster Roman auf Deutsch vor: "Die Nacht des Zorns". Es ist der siebte Kriminalroman mit Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg.

Mit feinem Gespür

Wer einen Krimi von Fred Vargas aufschlägt, stellt schnell fest, dass er eine eigentümliche Welt betritt. Hochtechnisierte Ermittlungsmethoden à la CSI sucht man hier ebenso vergeblich wie Action-geladene Verfolgungsjagden. Kommissar Adamsberg ermittelt anders: Er geht assoziativ vor, mit einem feinen Gespür für Untertöne und Zusammenhänge, die anderen entgehen – dabei ist er stur, eigensinnig und ohne größeren Pragmatismus.

Unterstützt wird der Chef der Pariser Brigade criminelle, der sich keine Namen merken kann und der mit einem "wie ertrunkenen Blick ohne Glanz noch Schärfe" durch das Leben geht, von einer Schar nicht weniger eigenwilliger Ermittler: Sein Stellvertreter Danglard hat nicht nur ein großes Alkoholproblem, sondern auch ein schier unermessliches kulturgeschichtliches Wissen, aus dem er beständig und verlässlich schöpft; Adamsbergs Freund und Kollege Veyrenc spricht unvermittelt in Hexametern; ein weiterer Polizist ist ein Fischexperte, ein anderer neigt zu plötzlichen Schlafattacken, und Lieutenant Violette Retancourt ist trotz ihres zarten Namens so unfassbar stark und groß, dass Adamsberg sie eine Göttin nennt.

Poetisch und skurril ist die Welt, die Fred Vargas entwirft, von feiner Ironie durchzogen. Nie kippt sie ins Klamaukige, Laute oder Schrille, stets bleibt sie elegant, versponnen, mehrbödig und warmherzig mit großer Liebe zum absonderlichen Detail. Literatur, sagt die Autorin, habe nicht die Aufgabe, das Leben einfach abzubilden, sondern es neu zu erfinden. Und so schafft Vargas eine Realität eigener Prägung, ein wenig surreal, verschoben und doch zwingend: "Poesie ist dazu da, die Dinge komplizierter zu machen, aber – und das ist das Paradoxe – vielleicht versteht man sie dadurch besser."

Doch bei aller traumartiger Verschrobenheit: Stets bleibt die Handlung glaubwürdig, und die Auflösung, die die Französin für ihre obskuren Kriminalfälle findet, folgt ganz den Gesetzen von Logik und Rationalität. Alle Fragen werden am Ende geklärt. Die duftig-beschwingte Verbindung von Surrealem und Greifbarem macht sicherlich einen großen Teil des Zaubers der Kriminalromane von Fred Vargas aus. Dass ihr diese Gratwanderung gelingt, liegt womöglich auch daran, dass die Autorin Wissenschaftlerin ist: Frédérique Audoin-Rouzeau, wie sie eigentlich heißt, ist Historikerin und Archäologin mit dem Spezialgebiet Archäozoologie (Schwerpunkt Mittelalter).

Bis 2004 hat sie am staatlichen Forschungsinstitut CNRS, dem Centre national de la recherche scientifique, gearbeitet. Ihr erster Roman erschien 1986, bereits für ihn wählte sie ihr Pseudonym, das sich von der Figur Maria Vargas aus dem Film "Die barfüßige Gräfin" ableitet.

Mittelalter-Mythos

Wie schon in früheren Romanen greift Fred Vargas auch in ihrem aktuellsten Krimi einen mittelalterlichen Mythos auf: das Wütende Heer. Diese Sage verwebt Vargas mit der Struktur eines Whodunit. Die Geisterarmee ist bei uns bekannt als die Wilde Jagd, in Frankreich wird sie auch "Mesnie Hellequin" genannt. Sie führt Kommissar Adamsberg in die Normandie, zum Pfad von Bonneval in der Nähe des Örtchens Ordebec, wo schon 1091 ein normannischer Priester L’Armée furieuse (so lautet auch der Originaltitel des Buches) sah und das erste schriftliche Zeugnis davon niederlegte. Der Sage nach reißt die Wilde Jagd Menschen mit sich, die Schuld auf sich geladen haben. Lina, eine junge Frau aus Ordebec, erkennt in einer Vision, wie die Mesnie Hellequin vier Dorfbewohner verschleppt. Drei von ihnen kann Lina mit Namen benennen. Als der Erste von ihnen stirbt, sind der Aufruhr und die Beunruhigung in Ordebec groß, denn laut Überlieferung kann man sich von seiner Schuld befreien und dem Wilden Heer entkommen, indem man einen der anderen "Ergriffenen" tötet. Wer ist also verantwortlich für den ersten Mord, dem weitere folgen sollen: der Seigneur Hellequin? Oder gibt es ganz handfeste Motive und einen vollkommen unmythischen Täter?

Lesen Sie auf Seite 5.

Fred Vargas: "Die Nacht des Zorns", Aufbau-Verlag, Berlin, 453 Seiten, 22,99 Euro

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