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Ausstellung in Bad Homburg: Die Natur selbst wird zur Kunst

Künstler aus verschiedenen Nationen und Offenbacher Studenten machen daraus vielerlei verblüffende Dinge zwischen Kunst und Alltagsdesign.
Für ein Video hat der Künstler Julius von Bismarck mexikanische Arbeiter in die Wüste geschickt, wo sie Felsen, Erde und Kakteen weiß ansprühen sollten. Danach wurde alles wieder mit brauner, grauer und grüner Farbe möglichst naturgetreu angepinselt. Für ein Video hat der Künstler Julius von Bismarck mexikanische Arbeiter in die Wüste geschickt, wo sie Felsen, Erde und Kakteen weiß ansprühen sollten. Danach wurde alles wieder mit brauner, grauer und grüner Farbe möglichst naturgetreu angepinselt.

Hundert schwarze Köpfe blicken dem Betrachter entgegen. Es handelt sich um junge und alte Gesichter, aber alle sind viel zu klein und wirken fast puppenhaft. Sie müssen geschrumpft sein. Tatsächlich hat Max Schmelcher jeden Kopf zuerst realistisch in Ton modelliert, dann in Gips abgegossen und schließlich in den hohlen Abguss feuchte Moorerde gepresst, so dass sich das Antlitz bis ins kleinste Detail abbildet. Durch den Trocknungsprozess schrumpfen die Gesichter nach und nach, ihr ursprüngliches Aussehen bleibt jedoch erhalten. Damit bildet Schmelcher die verflossene Zeit gut sichtbar ab.

Ohnehin ist das Moor eines der ältesten Naturmaterialien, wächst es doch nur etwa einen Millimeter pro Jahr. Folglich ist Schmelchers Material zumindest Jahrhunderte alt. Seine ebenfalls aus Moorerde bestehenden geometrischen Urformen wie Kugel, Kubus und Pyramide reißen beim Trocknen auf wie klaffende Wunden. Schmelcher zeigt die Werke jetzt im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus, neben 15 anderen Künstlern. Der Titel der bis 10. September laufenden Schau verrät, dass alle Künstler ausschließlich mit Naturmaterialien arbeiten und sich von den Erscheinungsformen der Natur inspirieren lassen.

Schüsseln aus Efeu

Bekanntlich besitzt die Altana-Kulturstiftung, Trägerin des Sinclair-Hauses, eine Sammlung von mehr als 600 Werken zeitgenössischer Kunst, die im weitesten Sinne um die Natur kreist. Oft steht die Natur jedoch nur als Motiv im Zentrum, abgebildet in Gemälden, Fotos, Zeichnungen, Grafiken oder Plastiken.

Nun aber fallen Motiv und Material in eins, Natur wird in Kunst verwandelt. Eine spannende Schau, zumal sie durchmischt ist mit studentischen Arbeiten, die man auf den ersten Blick nicht als solche wahrnimmt. Die jungen Leute studieren alle Design an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, die seit einiger Zeit auch ein Institut für Materialdesign hat, geleitet von Markus Holzbach. Der hat die Studenten dazu ermutigt, nicht nur die Grenzen zwischen analog und digital, sondern auch zwischen Natur und Kunst, zwischen Technik und Naturwissenschaft stärker auszuloten.

Jetzt stehen neben Schmelchers Köpfen zwei filigran-fragile Schüsseln aus Efeu, das bis auf die tragende Struktur entfernt und dann über entsprechende Formen gezogen wurde, bis alles trocken war. Stella Jazenkos Idee ist wichtig für den heutigen Leichtbau, etwa in Autos, die kompakter, aber nicht schwerer werden sollen. Oder das im Institut entwickelte Verfahren, Holz in Keramik zu verwandeln, aber mit Holzmaserung. Durch zwei Brennvorgänge wird das Holz erst verkohlt, dann zum Silikat, „einer Art Keramikfossil“, so Markus Holzbach.

Leinwände in Flüsse

Erstaunlicherweise sind in der Schau lediglich zwei bekannte Künstler vertreten. So lassen sich viele Entdeckungen machen, nicht nur bei den Studenten. Der 71-jährige Peter Emch etwa macht „Naturselbstdrucke“, seine Baumscheiben dienen als Druckstoff und sind zugleich das Motiv. Von „Naturaquarellen“ spricht wiederum Mario Reis, der Leinwände in Flüsse hängt, so dass Wasser durch sie fließt; auch Erde, Sand, Pflanzen und der Müll hinterlassen ihre Spuren und färben entsprechend. Inzwischen hat Reis ein riesiges Archiv der Flüsse dieser Welt.

Ohnehin lädt die Natur dazu ein, sie zu verfremden oder zu variieren. Der Künstler Mirko Baselgia etwa hat ein Bild von Bienenwaben vergrößert und in eine dreidimensionale Vorlage übertragen, um sie dann von einer Fräsmaschine in Holz ausarbeiten zu lassen. Die Naturform wird artifiziell und wechselt das Material von der flexiblen Wabe zum harten Holz.

Wabenstruktur mit Rillen

Eine ähnliche Idee verfolgte der Offenbacher Student Johannes Wöhrlin, der über ein Naturleder nochmals eine computergenerierte Wabenstruktur mit Rillen legte. Nun treten Rundungen und Kanten viel prägnanter hervor.

Nicht verpassen sollte man auch Julius von Bismarcks Video. Der Künstler schickte mexikanische Arbeiter in die Wüste, wo sie ein kleines Areal komplett weiß ansprühen sollten, also Felsen, Erde und auch die großen Kakteen. Danach wurde alles wieder mit brauner, grauer und grüner Farbe möglichst naturgetreu angepinselt. Eigentlich ein absurdes Unterfangen. Doch inszeniert nicht jeder von uns die Landschaft beim Fotografieren? Hinter dem skurrilen Video steckt doch mehr.

 

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