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„Dresden Frankfurt Dance Company“ im Bockenheimer Depot: Die Paare spielen Bäumchen wechsel dich

Von Mit Jacopo Godanis Uraufführungen „Metamorphers“ und „Echoes from a Restless Soul“ nebst Wiederaufnahme bestritt die „DFD Company“ ihre zweite Saisonproduktion.
Zur Musik Béla Bartóks, live gespielt vom Ensemble Modern, wurde Jacopo Godanis Choreografie „Metamorphers“ uraufgeführt. Zur Musik Béla Bartóks, live gespielt vom Ensemble Modern, wurde Jacopo Godanis Choreografie „Metamorphers“ uraufgeführt.
Frankfurt. 

Nach ihrem September-Auftakt ganz ohne eigene Choreografien („One Flat Thing, reproduced“, „Lux Tenebris“) war es jetzt an der Zeit für ein pures Godani-Programm der „Dresden Frankfurt Dance Company“. An der Reihenfolge der Stücke scheint der Choreograf aus La Spezia bis kurz vor Schluss gefeilt zu haben.

„Moto Perpetuo“, als Schlussstück gesetzt, bedeutet „perpetuum mobile“ und verhieße schnelle, schwierige Instrumentalstücke für Virtuosen à la Paganini. Getanzt in Netzkostümen, im Spannungsfeld von neoklassischer Balletttechnik und zeitgenössischen Formen, findet es in der jäh schneidenden, schroffen, stahlharten Musik von „48nord“ und Godanis kurztaktig pulsendem Lichtdesign Entsprechungen, die uns von „Primate Trilogy“ her vertraut vorkommen. Es als Finale zu bringen, zeugt darum von Einsicht. Kraftvoll-präzise Arbeiten wie diese bleiben aber gute Gradmesser für die rasanten Fortschritte der Compagnie.

Der Musik Prägewirkung für den Tanz einzuräumen und beides strikt zu verschränken, scheint Teil des Godani-Credos. Das gilt auch für „Metamorphers“, das stärkste und Eröffnungsstück des Abends. Wenn „Primate Trilogy“ und die für April 2017 avisierte Premiere „Extinction of a Minor Species“ ein Denken in Bildern der Evolution und Biologie anzeigen, schillert der Titel „Metamorphers“ zwischen alter Literatur (Ovid), Geologie, Biologie und besonders auch Informatik.

Garstige Computerviren

Denn „metamorphers“ sind garstige Computerviren, die sich selbst umschreiben und so der Entdeckung entziehen. Solche Vielgestaltigkeit muss Godani an Béla Bartóks Streichquartett Nr. 4 geschätzt haben, live und in Kooperations-Premiere gespielt von vier Streichern des Ensemble Modern auf einem hohen Podest auf der Bühne (Megumi Kasakawa, Michael M. Kasper, Jagdish Mistry, Diego Ramos Rodriguez).

Sind zwar alle Tanzstücke des Abends abstrakt, verleiht „Metamorphers“ der Beziehung Musik/Tanz doch einen Drall zur Programmmusik, wobei fast die komplette Compagnie Bartóks geniale Musik rhythmisch dupliziert und melodisch übersetzt. Nach und nach treten dreizehn Tänzer in geschlechts- und farbarmen Kostümen (Grautöne, wenig Blau) aus der dunklen Höhlung unter dem Musiker-Podest, bringen Tänzerinnen rivalisierende Unruhe in die pfadfinderhaft-uniforme Kameraderie der Tänzer, dass sich Paare bilden und Leben und Individualität Neues zeugen. Bevor am Ende des knapp halbstündigen Stücks der Blick einer Tänzerin zu den Musikern emporgeht, als gewinne sie urplötzlich Einblick in die Spielregel ihres tänzerischen Daseins, erleben wir, von Zäsuren geteilt: Momente des Heiligen und Statuarischen; Ausdrucksfülle und Andeutungen szenischer Handlung; Anflüge komödiantischen Tanzes auf gezupfte Musikpassagen und – einen Hauch Folklore. Nuancenreichtum von Graden also, in denen der teils synkopiert „stolpernde“ Tanz der Musik nacheifert, ihr aber auch Spontaneität entgegensetzt.

Am kürzesten erweist sich das Mittelstück „Echoes from a Restless Soul“, ebenfalls zu Live-Musik: zwei Sätzen aus Maurice Ravels Klavierkomposition (1908) nach Aloysius Bertrands Gedicht „Gaspard de la Nuit“, was erneut Godanis Programmmusik-Schema erfüllt. Auf offener Bühne am Piano: Ruslan Bezbrozh, Korrepetitor der Compagnie.

Zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer gehen ihre Pas de deux und Quartette erst ganz klassisch und Spitzentanz-bewusst an, spielen minutenlang die edle Eleganz ihrer nichtendenwollenden Gliedmaßen aus und geben all der Klassik dann einen thematischen Tritt in den Hintern. Reflektierten die Pas de deux und das klassisch gedämpfte Liebespathos des symmetrisch gespiegelten Paartanzes so weit noch die prüde Harmonie klassischer Eins-zu-eins-Beziehungen, so beginnt jetzt ein Bäumchenwechseldich-Spiel beider Paare, das der ausgetanzten Sexualmoral des 19. Jahrhunderts mit Aplomb die des 20. überstülpt. Das hat Ironie, flirrt und schillert der knappen Zeit zum Trotz in dramatischen Zuspitzungen und setzt den flockigen Lichtteppich des für alle Zeichenebenen von Raum bis Kostüm und Licht zuständigen Choreografen nicht ohne Andeutungen von Albtraum in Szene.

Die Compagnie gastiert noch bis Sonntag im Bockenheimer Depot.

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