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Die Sonne bricht durch die Wolke

Von Oliver Minck und Benedikt Filleböck, ehemals „Wolke“, mausern sich mit neuen Musikern vom Duo zur Band namens „Die Sonne“. So heißt auch das Album.
Mit diesen Herren geht die Sonne auf.	Foto: Sibylle Mall Mit diesen Herren geht die Sonne auf. Foto: Sibylle Mall

Nach diesem Debüt möchte man der „Sonne“ wünschen, dass sie fortbesteht. Eine begeisternd gute Platte ist das geworden, die die beiden Kölner von „Wolke“ (seit 2005) mit Boris Rogowski (E-Gitarre), Roland Münchow (Bass) und Claus Schulte (Schlagzeug) vorlegen. Um fern vom deutschen Schlagermief etwas Gültiges hervorzubringen, sind ein eigener Kopf, die natürliche Abneigung gegen Platitüden und Kommerz sowie Witz und Ironie die idealen Mittel.

Das klassische Dutzend Lieder beginnt selbstironisch-programmatisch mit „Neu erfunden“: „Ich hab’ mich neu erfunden . . . Einst war ich dumm, jetzt bin ich schlau, jetzt weiß ich alles ganz genau, ich hatte keinen blassen Dunst und jetzt beherrsch’ ich meine Kunst.“ Das hat erfrischend helle Leichtigkeit, ist und bleibt gewitzt, auch wenn die meisten Lieder zugleich grundiert von Schwermut sind.

In „Neu erfunden“ klingt es nebenbei einen Hauch nach „Kraftwerk“, während das Prisma und Lichtspektrum auf dem Cover an „Pink Floyd“ erinnern. Gewitzte, unranzige Lyrik bleibt mit die größte Stärke des Albums. Am liebsten möchte man absatzweise daraus zitieren. Lied Numero 2 zum Beispiel, „Wir sind wir“, strotzt vor natürlich eingesetzten rhetorischen Figuren, die uns mit Überraschungen, milden Schocks und Aha-Effekten umspielen. Wer so schreibt und reimt, dem kann der Blick ins Buch nicht fremd sein.

Lauter Touristen

Andererseits: Wenn „Touristen“ nach seinem schrägen kleinen Intro so vor sich hin dichtet: „Die ganze Welt ist nur Kulisse . . . Wir sind Touristen, wir schau’n uns alles hier nur an“ – dann spiegeln das barocke Bild der Welt-Bühne und das resignative des bloßen Durchwanderns hienieden eine Art schwermütiger Haus-Philosophie. „Es funktioniert einfach nicht“ ist schlichter liedhaft und nicht so zugespitzt, lässt aber Raum für einen Klangfleck aus Gitarren-Chaos. „Als ich eine Taube war“ ist eins von mehreren Beispielen, die zum überzeugenden Klangbild die Fantasie vom Fliegenkönnen aufbringen. „Der Wind“ und „Der Nebel“ setzen sozusagen die meteorologische Reihe von „Wolke“ und „Sonne“ fort, geben sich vor allem aber fröhlich-nietzscheanisch (in einer Fantasie vom Stehen im Sturm übers Mitgerissensein bis zum Zerfall in Staub), mal surreal schwebend und loungig: all das in richtig guten Versen. Viel Talent in alledem und Intelligenz, was sich auch bei den Instrumentalisten widerspiegelt – bis hin zur überraschenden Texmex-Trompete in „Es gibt Gründe“.

„Jesus (hat mich am liebsten)“ ist eine extrem hübsche, mutmaßlich kölsche Form widerstrebender Anverwandlung des kulturellen Klimas in der Domstadt und klingt noch mitreißender, sobald sich der erste Refrain des Frontsängers („Denn Jesus hat mich am aller-, aller-, allerliebsten“) mit einem zweiten Refrain in Form eines weiblichen Backgroundchors im „Abba“-Sound („I know that he loves me, I know that I’m his favorite“) mäandernd verzwirbelt. Mit „Verschwunden“ klingt die CD Jazz- und R-’n’-B-mäßig aus, nicht ohne dass sich das singende Ich Sorgen um ein Universum erlöschender Sterne Sorgen macht. Starkes Teil, kurz gesagt, dem „Ahnung von dir“ unter vage „Let-It-Be“-mäßigem Tastenanschlag mit einer „Hair“-Anspielung („Und wenn der Mond im dritten Haus steht . . .“) und Mundharmonika eine schön holprige Apokalypse bereitet. „Die Sonne“ verdient jede Menge Aufmerksamkeit. Klasse!

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