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Sound of Frankfurt: Die Stadt, der Jazz und die Zukunft

Wie klingt der Sound einer Stadt? Was haben Musiker vom Main zur Rock-, Schlager- oder Hip-Hop-Szene in Deutschland und darüber hinaus beigetragen? In unserer Sommerserie "Der Sound von Frankfurt" spüren wir dieser Frage nach. Die erste Folge ist dem Jazz gewidmet. Jazz und Frankfurt waren über Jahrzehnte Synonyme. Nur noch Techno wird so eng mit der Stadt verbunden.
Formationen wie der „Max Clouth Clan“ konnten den Popularitätsschub nutzen und gehen mutig eigene Wege. Formationen wie der „Max Clouth Clan“ konnten den Popularitätsschub nutzen und gehen mutig eigene Wege.

Wie klingt der Sound einer Stadt? Wie klingt der „Sound von Frankfurt“? Wir haben hineingehört in die Vergangenheit und in die Gegenwart, wir haben nach Sounds und Rhythmen, Stilen und Stimmungen gelauscht und wollen sie Ihnen in den nächsten Wochen vorstellen. Was haben Musiker vom Main zur Rock-, Schlager- oder Hip-Hop-Szene in Deutschland und darüber hinaus beigetragen? In unserer Sommerserie „Der Sound von Frankfurt“ spüren wir dieser Frage nach, erinnern an große Persönlichkeiten und stellen interessante Newcomer vor. Die erste Folge ist dem Jazz gewidmet. Jazz und Frankfurt waren über Jahrzehnte Synonyme. Nur noch Techno wird so eng mit der Stadt verbunden.

Dass sich die Legende von der „Jazzhauptstadt der Republik“ so lange halten konnte, mag auch daran liegen, dass es einige Konstanten gibt, die das immer noch suggerieren mögen. So feiert im nächsten Jahr der „Jazz im Palmengarten“ ein bemerkenswertes Jubiläum. Da wird das „älteste kontinuierlich durchgeführte Open-Air-Jazzfestival weltweit“ (Zitat Wikipedia) 60 Jahre alt. Das will die Jazz-Initiative Frankfurt am Main e. V., die 2003 die künstlerische Leitung vom Initiator der Reihe, Heinz Werner Wunderlich, übernahm, natürlich groß feiern.

Noch länger gibt es das „Deutsche Jazzfestival“ – seit 1953 nämlich. Der Hessische Rundfunk veranstaltet es seit 1984, das nächste Mal zwischen dem 22. und 28. Oktober an fünf Tagen in der Alten Oper, dem HR-Sendesaal und dem Mousonturm. Dort gaben sich in den vergangenen Jahren Größen wie Pharoah Sanders, Jack DeJohnette, Archie Shepp, Dave Holland und John Scofield ein Stelldichein. Kein Weltstar, der sich nicht geehrt fühlt, hier aufzutreten. Die Anstalt leistet sich zudem den Luxus von zwei renommierten Jazzgruppen. Im HR-Jazzensemble treffen „Youngster“ wie Drummer Uli Schiffelholz und Tubist Ole Heiland auf Urgesteine wie Günter Lenz (Kontrabass) und Heinz Sauer (Saxofon). Die HR-Bigband zeichnet sich unter Chefdirigent Jim McNeely durch eine rege Konzerttätigkeit über die Grenzen Deutschlands hinaus aus und hat sich stilistisch zu echten Grenzüberschreitern entwickelt.

Kostbarer Fund

Die meiste Geschichte aber atmet ein Ort in der Kleine Bockenheimer Str. 18 a (früher als „Jazzgass“ in aller Munde), der 1952 von Carlo Bohländer als „Domicile du jazz“ gegründete „Jazzkeller“. Gleich zwei Filme widmeten sich in jüngster Vergangenheit dem Phänomen Jazz in Frankfurt. Elisabeth Ok hatte das Glück, nach einem Umzug im Keller alte Dokumente und persönliche Gegenstände von Bohländer zu finden. Ein kostbarer Fund und Anreiz für Recherchen und Interviews mit Weggefährten, um mit „Carlo, keep swingin’“ ein musikhistorisch wichtiges Filmporträt zu gestalten. Auch Autor und Regisseur Jochen Hasmanis versammelte neben zahlreichen Interviews mit Protagonisten der Jazzszene einzigartige O-Töne, Archivmaterialien und Konzertmitschnitte für seinen „Ffm Jazz Film“.

Der Saxofonist Peter Klohmann flirtet gerne mit dem Funk. Bild-Zoom
Der Saxofonist Peter Klohmann flirtet gerne mit dem Funk.

„Der Frankfurt Sound: Eine Stadt und ihre Jazzgeschichte(n)“ (Frankfurter Societäts-Druckerei) kam schon 2005 als Standardwerk in den Handel. Musiker und Musikwissenschaftler Jürgen Schwab schrieb im Editorial: „Unbestreitbar gingen von Frankfurt zahlreiche Impulse für das nationale und internationale Jazzgeschehen aus, musikalische etwa von Albert Mangelsdorff, Heinz Sauer oder Volker Kriegel, aber auch viele andere. Der Kampf um die Anerkennung des Jazz als Kunstform in der Nachkriegszeit wurde maßgeblich von Frankfurt aus geführt.“ Plastischer als alles Geschriebene und Gefilmte sind Auftritte eines Zeitzeugen wie Emil Mangelsdorff.

Der 93-jährige Saxofonist begeistert weiter regelmäßig mit seinem kraftvollen Ton das Publikum im Holzhausenschlösschen. Legendär sind seine Gesprächskonzerte „Swing tanzen verboten – als Jazzmusiker im III. Reich“, gerne auch vor jungen Leuten in Schulen. Sie sollen im Herbst fortgesetzt werden. Als „Swing-Jugend“ mit einer Gegenkultur den Nationalsozialisten trotzen zu wollen, provozierte Maßnahmen der Gestapo bis hin zur Verhaftung. „Mit einem solchen Feind im Rücken, wie wir ihn mit den Nazis hatten, und der ständigen Gefahr, für seinen Beruf und seine Leidenschaft ins Gefängnis gehen zu müssen, hat unsere Hingabe für den Jazz nur noch befeuert“, hat Mangelsdorff einmal gesagt. Von „Opferbereitschaft“ spricht er. Ob die jungen Kollegen heute noch zu so viel Zivilcourage fähig wären? Die beschwerten sich jedenfalls massiv und begehrten mit Unterschriftenliste dagegen auf, als zum Wintersemester 2012 auch der letzte Studiengang „Jazz und Popularmusik“ an der HfMDK aus Kostengründen gestrichen werden sollte.

Popularitätsschub

Da hatten Mainz und Mannheim mal eben Frankfurt mit ihren Hochschulangeboten überflügelt. Ein Unding. Von dort oder auch aus Köln und Amsterdam brachten die Studierenden das Gelernte zurück an den Main. Zwar konnten sie sich einige Seitenhiebe auf den minderen Status der Stadt nicht verkneifen, suchten sich mit ihren Projekten aber konsequent vorhandene Nischen und schufen sich mit viel Eigeninitiative eigene Plattformen.

Eine wichtige Rolle spielt das jährlich ausgeschriebene und mit 10 000 Euro dotierte Frankfurter Jazzstipendium. Bands wie das „Contrast Trio“ und der „Max Clouth Clan“ und Solisten wie Peter Klohmann, Valentin Garvie oder zuletzt Maximilian Shaikh-Yousef konnten den Popularitätsschub nutzen – und natürlich auch das Geld etwa für eine Plattenproduktion. Sie alle erfüllen den Anspruch, den Jürgen Schwab (inzwischen auch einer der drei Programmverantwortlichen des Deutschen Jazzfestivals) sich vom hiesigen Nachwuchs wünscht: Mutig eigene Wege gehen.

Der Posaunenlegende Albert Mangelsdorff wird in diesem Jahr unter dem Motto „Hut ab!“ der Eröffnungsabend des Deutschen Jazzfestivals gewidmet. Bild-Zoom Foto: (HR/Pressestelle)
Der Posaunenlegende Albert Mangelsdorff wird in diesem Jahr unter dem Motto „Hut ab!“ der Eröffnungsabend des Deutschen Jazzfestivals gewidmet.

Das „Contrast Trio“ hat seinen Jazz mit Folk aus der ukrainischen Heimat des Pianisten Yuriy Sych und mit Elektronik durchmischt; Max Clouth lebt seine Liebe zu indischer Musik in einem imposanten Fusionsound aus; Peter Klohmann flirtet mit dem Funk und beherrscht die Kunst großer Orchestrierungen; Valentin Garvie bringt als Trompeter des „Ensemble Modern“ zeitgenössische Musik zum Jazz; Maximilian Shaikh-Yousef liebt kammermusikalische Arrangements.

Klohmann, der Saxofon-Tausendsassa, erobert sich den ganzen August über den „Jazzkeller“, in dem dann auch mal Elvis, Tom Jobim oder Snoop Dog verjazzt erklingen. Ganz konsequent auf ein junges und für den Jazz neues Publikum setzt Saxofonist Lorenzo Dolce mit seiner „Jazz-Montez“-Reihe im Kunstverein in der Honsellstraße. Im Sommer gibt es dort sogar drei Open Air unter dem Motto „Holidays“ auf der Freitreppe.

Nächste Folge

In der nächsten Folge lesen Sie,
warum es die „Rolling Stones“
ohne Frankfurt so gar nicht gäbe.

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