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David Garrett in Rüsselsheim: Die Stradivari begegnet der E-Gitarre

Der Geiger raste, ihm ging die Geige durch, und zu den Schüssen der Konfettikanone entfuhr im Rüsselsheimer Publikum manchem ein langes Aaaah.
Die Haare fliegen, wenn die Finger mit dem Totenkopfring über die Saiten sausen: David Garrett spielt sonst auch Klassik, nach Rüsselsheim aber brachte er nur Rockmusik. Bilder > Foto: Hans Nietner Die Haare fliegen, wenn die Finger mit dem Totenkopfring über die Saiten sausen: David Garrett spielt sonst auch Klassik, nach Rüsselsheim aber brachte er nur Rockmusik.

David Garrett, Frauenschwarm und selbsternannter „Teufelsgeiger“, hat wieder zugeschlagen. 10 000 Fans erlagen in der Rüsselsheimer Hessentagsarena dem smarten Charme des Violin-Virtuosen und seinem perfekten Tour-Auftritt von „Explosive“.

„Aaaah“ schmachten vier Damen Mitte dreißig in der ersten Reihe des linken Blocks. Ein ebenso leicht entzücktes wie leicht enttäuschtes „Aaaah“, weil David Garrett mit seiner Busch-Stradivari ganz weit in ihre Richtung geschlendert ist und nur zehn Meter entfernt in die Saiten greift. Also praktisch als Geigengott des Olymp zu ihnen herabgestiegen ist, sie aber ihre Smartphones zu spät gezückt haben. In dem Moment, als sie ihn für die Ewigkeit bannen wollen, dreht er ab und fiedelt sich zurück auf die Bühnenmitte der Hessentagsarena. Was für ein Pech, sie sind untröstlich und warten den ganzen Abend darauf, dass sich die Situation wiederholt.

Noch zweimal wird der Cross-Over-Geiger (im Tross einen sichtlich gestressten Bodyguard) ein ausgiebiges Bad in der Menge mit vor Glück kreischenden Fans nehmen, sich geigend für Selfies hergeben und wirklich niemals sein unverschämt erfolgreiches Rattenfänger-Lächeln absetzen: Aber am linken Block vor der Bühne kommt er nicht mehr vorbei.

Es lebe das Leben

Sonst tut er alles in diesen zweieinhalb Stunden, um seine Fans rundum glücklich zu machen. Er spielt mit seiner fünfköpfigen Band und eigenen Bearbeitungen alle großen Rockhits, von „Coldplays“ Song „Vida la Vida“ über „Led Zeppelin“, Paul McCartney bis hin zum „viel zu früh verstorbenen“ Prince. Nach seinen wilden E-Geigen-Grooves zu „Purple Rain“ kurz vor der Pause stehen bereits die ersten Fans ergriffen auf.

Aber spätestens, als er sich mit seinem langjährigen Arrangeur Franck van der Heijden eine wüste Battle zwischen E-Gitarre und E-Geige liefert, bei der nach eigenen Aussagen „die Musik gewinnt“, sind die Menschen zwischen 8 und 90 völlig aus dem Häuschen. David lässt es richtig krachen, die Konfettikanonen ballern, zehn Feuersalven explodieren, drei große Leinwände flackern, und das Wetter strahlt mit den rot-blauen Bühnen-Scheinwerfern um die Wette. Alles spielt mit auf diesem Open-Air-Konzert beim Rüsselsheimer Hessentag.

Die 35-jährige Nadine Thebes aus Niederrad ist eine von den Unglücklichen in der linken Frontreihe, die diesmal kein Foto von Garrett bekommen haben. Seit drei Jahren ist sie heißer Fan und würde für ihren David bis „ans Ende der Welt reisen“. Einmal hat sie das schon fast getan. Dieses Jahr gewann sie ein Ticket im Internet und flog extra aus dem Urlaub ein, um ihrem Star bei der Verleihung des Frankfurter Musikpreises zuzusehen. Sie und ihre Freundin Silke Lazar haben sich bereits im Februar für das Rüsselsheimer Konzert Karten gekauft, „damit nichts schiefgeht“. Jetzt sitzen sie aufmerksam auf ihren Stühlen, vornehm gestylt für Garretts „explosives“ Wirken. Dazu gehört schwarze Abendgarderobe mit Spaghettiträgern, rosa lackierten Nägeln und zart durchbrochenem Bolero-Jäckchen.

Als sich nach gut einer Stunde erste Haarsträhnen delikat aus Davids Zopf lösen und mit ihnen die ersten Pferdehaare aus seinem Bogen, als der Totenkopfring am Finger und das Rock-’n’-Roll-Tattoo am Unterarm prangt, da entfährt ihr ein erschrecktes „Ich falle in Ohnmacht“.

Garrett kann jetzt nichts mehr falsch machen. Immer wieder bedankt er sich artig beim Publikum und hat die psychische Warmdusche voll aufgedreht. Wenig überraschend outet er sich als Sensibler: „Ich bin manchmal nicht so gut drauf. Ohne euch hätte ich nicht die Kraft weiterzumachen, vielen Dank für Eure Unterstützung.“ Dann greift er in die kostbaren Saiten seiner Stradivari von 1716 und intoniert Peter Ceteras „You’re The Inspiration“, klar, zart und durchdringend. Auch die letzten fühlen sich jetzt innig geliebt und können bei dieser Charmeoffensive gar nicht anders, als zurück zu lieben.

Die verhexten Zehntausend johlen, pfeifen, kreischen und schwenken ihre Smartphones mit den Taschenlampen, ein Lichtermeer flutet der Bühne entgegen. Aber da ist noch lange nicht Schluss. Rhythmisch fordernd holt Garrett mit Michael Jacksons Welthit „They Don’t Care About Us“ noch einmal alles aus seinem Instrument und aus der exzellenten Band raus, dann will er eigentlich gehen, aber die Menge lässt ihn nicht. Also kredenzt er noch eine schmalzige Version von John Miles „Music Was My First Love“, dann wird es dunkel auf der Bühne. Aber die entfesselten Fans holen sich ihren Star zurück, na also, da geht noch was.

Kuschelige Fürsorglichkeit

Ganz kuschelig wird es am Ende mit Whitney Houstons „One Moment In Time“, ein letztes verschmitztes Lächeln, ein letzter Silberblick, ein umsorgendes „Kommt gut nach Hause“. Dann ist wirklich Schluss, um Punkt 23.21 Uhr. Nadine Thebes seufzt. Wie soll sie nur die Zeit überbrücken bis zum nächsten Auftritt von ihrem David?

 

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