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Frankfurts Intendant Oliver Reese hört auf: Die Stunde der Komödianten

Von Bevor Anselm Weber die Leitung des Frankfurter Schauspiels übernimmt, verabschiedet sich Oliver Reese mit einem „Familien“-Stück“ und einem „Ödipus“ auf der Weseler Werft.
Frank Castorf in jener Zeit, da kein Begrüßungsgeld an DDR-Bürger mehr gezahlt wurde. Aus dem Bildband „Castorfs Volksbühne“ (Verlag Schwarzkopf). Bilder > Frank Castorf in jener Zeit, da kein Begrüßungsgeld an DDR-Bürger mehr gezahlt wurde. Aus dem Bildband „Castorfs Volksbühne“ (Verlag Schwarzkopf).

Landauf, landab wird es in den Theatern dieses Jahr wieder Premieren, Erstaufführungen, Uraufführungen geben, Stücke aller Art, von klassischen Schriftstellern oder allerjüngsten Autoren, von großen Geistern oder miserablen Schreibern – Alltag eben, für diejenigen, die das Theater machen, wie für diejenigen, die es ansehen, zwischen Flensburg und Konstanz ebenso wie in der Mitte Deutschlands, in Frankfurt, am Main. Doch ungeachtet dessen, was auf die Bühnen kommt, geht es in den nächsten 12 Monaten insbesondere darum, was hinter den Bühnen geschieht, in den Büros der künstlerischen Leiter. Denn es stehen markante Wechsel bevor, die mitunter einhergehen mit Wechseln einer ganzen Richtung, eines dramaturgischen Selbstverständnisses, inhaltlich wie formal. Wo ein Intendant geht, bleibt schließlich nicht nur ein Theater zurück. Sondern auch eine „Ära“, ein zeitlicher Abschnitt, in dem ein besonderer Inszenierungsstil oder auch Führungsstil geherrscht hat.

Komische Familie

Am Frankfurter Schauspiel steht nun das Ende der Intendanz Oliver Reese bevor. Mitte des Jahres geht der erfahrene Theatermacher dorthin zurück, wo er hergekommen ist: nach Berlin, in die größte und wichtigste Stadt des deutschen Sprechtheaters, und zwar ans Berliner Ensemble, die einstige Bühne von Bertolt Brecht, Zentrum des kritischen Aufklärungstheaters, bislang zumindest. Noch macht dort Claus Peymann den Vorhang auf und zu, aber bald wird es eben auch für ihn die letzte Vorstellung als Theatermacher sein, unverwechselbar wie er ist und war, als Direktor oder als Selbstdarsteller, der mit öffentlichen Meinungsäußerungen Aufmerksamkeit zu erregen sucht. Reeses letztes großes Vorhaben als Regisseur in Frankfurt hat am 13. Januar Premiere: „Eine Familie“. Das Stück der Amerikanerin Tracy Lett handelt von der Familie Weston, die durch Alkohol, Tabletten und Lügen zerrüttet ist. Zum Abschluss der Spielzeit lässt Reese dann im Juni die altgriechische „Ödipus“-Tragödie des Sophokles aufführen, und zwar an der Weseler Wert im Ostend. Mit einem Antikenprojekt hatte der Schauspielchef seinerzeit auch seine Intendanz begonnen. Regie führt beim „Ödipus“ allerdings Michael Thalheimer, den Reese aus Berlin kennt. Dem soliden Stadttheatermann Reese wird in Frankfurt zum 1. August ein ebensolcher folgen: Anselm Weber, noch Intendant in Bochum. Zwar haftet dessen bisheriger Arbeit mehr Ruhrgebiets-Kohlestaub als Hauptstadt-Flair an, doch kann sich das ändern. Immerhin hat Weber bereits des öfteren an Frankfurts Städtischen Bühnen inszeniert, im Schauspiel wie an der benachbarten Oper. Berufen wurde Weber noch vom früheren Kulturdezernenten Felix Semmelroth.

Während in Frankfurt also keine öffentlichen Diskussionen über den Chefwechsel geführt wurden, befindet sich die Berliner Theaterszene anhaltend in Erregung. Dass Reese dort auf Peymann folgt, scheint niemanden zu stören, aber dass Frank Castorf an der Volksbühne von Chris Dercon abgelöst wird, erzeugt zu Recht Unruhe. Denn es ist abzusehen, dass der neue Mann, der bislang die Tate Gallery of Modern Art in London geleitet hat, einen Theaterbegriff mitbringt, der weit in die Performance-Kunst hinreicht. Als Belgier steht er außerdem der neuen flämischen Theaterschule nahe, die in Frankfurt etwa unter Tom Stromberg in den 80er und 90er Jahren am TAT gepflegt wurde. Es handelte sich dabei um jene Postdramatik, die das Theater zum Großteil in die künstlerische Absurdität führt. Ohne eigenes Ensemble, mit einem internationalen Gastspielmodell.

Events statt Stücke

Castorf verabschiedet sich von der Volksbühne, die er nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm, am 3. März mit Goethes „Faust“. Warum ausgerechnet dieses Großwerk? „Ich dachte, bevor alle sagen: Goethe? Kenn ich doch aus dem Film ,Fack ju Göhte’, möchte ich den Berlinern gerne zeigen, dass das doch ein relativ bedeutender deutscher Denker und Literat war“, kommentierte der Theatermacher seine Wahl in der „Süddeutschen Zeitung“. Zum Spielzeitende wird sich das Schauspielerensemble der Volksbühne dann auflösen und jene „Eventbude“ einziehen, die Claus Peymann für diese Bühne so befürchtet.

An seinem eigenen Haus, dem Berliner Ensemble, tritt Peymann zur gleichen Zeit nur sehr widerwillig ab. Das mag vielleicht eine Verbesserung sein verglichen damit, dass sich lange niemand vorstellen konnte, dass der jetzt 79-Jährige überhaupt jemals von einer Bühne abtritt. Es ist aber schon ungewöhnlich, wie Peymann seinem Nachfolger Reese den roten Teppich einrollt statt ausrollt. „Reese ist Repräsentant einer Generation von gescheiten, gut informierten, aber handzahmen Verwaltern“, sagte er unlängst in der „Bild“-Zeitung und stellte auch klar, wie er Reeses Regiequalitäten einstuft: „Ich war immer der Meinung, dass das BE von einem Künstler erster Kategorie geführt werden muss“. Peymann inszeniert zu seinem Abschied Heinrich von Kleists Schauspiel „Prinz Friedrich von Homburg“. Der Premiere am 8. Februar geht am 7. Februar ein Abend voraus, an dem Bruno Ganz Novellen von Kleist liest.

Was auch immer Oliver Reese mit dem Berliner Ensemble vorhat: Soviele Stücke von Bert Brecht wie bisher wird es dort wahrscheinlich nicht mehr geben. In Frankfurt jedenfalls muss man Brecht schon suchen. Aber die Theaterachse Frankfurt–Berlin dürfte bleiben. Der oben genannte Regisseur Michael Thalheimer etwa bringt an der Berliner Schaubühne am 18. März die Charakterkomödie „Der eingebildete Kranke“ von Molière heraus.

Themen mit Grips

Am Deutschen Theater Berlin, wo Oliver Reese vor seiner Frankfurter Zeit wirkte, bringt Christian Schwochow, bekannt für seine Fernsehverfilmung „Der Turm“, Samuel Becketts „Glückliche Tage“ am 22. April auf die Bühne. Eher unglückliche Tage werden im bedeutendsten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands thematisiert, im Berliner Grips-Theater. Dort erzählt das Stück „Nasser #7Leben“ vom 14. März an die wahre Lebensgeschichte des jungen Nasser El-Ahmad aus Berlin-Neukölln. Es folgt am 17. Mai „Alle außer das Einhorn“, über Jugendliche und ihre digitale Welt.

 

Schauspiel Frankfurt, Willy-Brandt-Platz. Einzelkarten und Abonnements unter Telefon (069) 212-49 494. Internet www.schauspielfrankfurt.de

 

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