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"Der Hauptmann": Die Uniform macht den Befehlshaber

Von Max Hubacher verkörpert einen jungen Gefreiten, der sich von seiner Truppe entfernt hat und hochstaplerisch zum Offizier aufschwingt.
Der angebliche Hauptmann Willi Herold (Max Hubacher, mit Dienstmütze) hat in Begleitung seiner Gefolgsleute Kipinski (Frederick Lau, links außen) und Freytag (Milan Peschel, rechts außen) die Stadt Oldenburg erreicht. Foto: - (Alfama Films Stars) Der angebliche Hauptmann Willi Herold (Max Hubacher, mit Dienstmütze) hat in Begleitung seiner Gefolgsleute Kipinski (Frederick Lau, links außen) und Freytag (Milan Peschel, rechts außen) die Stadt Oldenburg erreicht.

April 1945. Der Zweite Weltkrieg liegt in den letzten Zügen. Dass der „Endsieg“ nur noch eine Halluzination ist, hat sich unter den Soldaten der Wehrmacht herumgesprochen. Die Armee des „Führers“ ist in Auflösung begriffen. Fahnenflüchtige verlassen ihre Truppen. Befehlsverweigerer nutzen die schwindende Autorität ihrer Vorgesetzten, um sich von der Front zu entfernen und in die Heimat durchzuschlagen.

Der Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) ist einer von ihnen. Durch den Wald gehetzt von seinem Offizier (Alexander Fehling), gelingt es dem 19-Jährigen schließlich, sich zu verstecken und zu entkommen.

Hunger und Kälte

Hunger und Kälte quälen ihn, als er in einem am Weg abgestellten Jeep Lebensmittel und eine Hauptmanns-Uniform entdeckt. Sie wird zu seinem Tarnanzug werden. Und ihn dazu verleiten, sich als eine Respektsperson auszugeben, die er nicht ist. Dabei wird er wie manch anderer Hochstapler vor ihm feststellen: Je selbstsicherer er sich als Mann höheren militärischen Ranges ausgibt, desto fragloser wird er als solcher anerkannt. Bald kann Willi sich aus marodierenden Soldaten eine „Kampftruppe Herold“ zusammenstellen und im vermeintlichen Auftrag „von ganz oben“ ungehindert durch die Gegend um Oldenburg bewegen.

Es ist eine wahre Geschichte, die Robert Schwentke hier verfilmt hat. Es ist sogar eine Farce, die entfernt an die Uniform-Groteske „Der Hauptmann von Köpenick“ erinnert und durch hohe Ernsthaftigkeit überzeugt. Denn es geht ihr darum, wie rasch bei einer außer Kraft gesetzten Ordnung die Wirklichkeit in Gaukelei kippen kann – und umgekehrt. Ein Befehl, ausgesprochen ohne Uniform, ist kein Befehl mehr, nur eine Nichtigkeit, die niemand befolgen muss. Mit den nötigen Schulterklappen wiederum kann sich eine ausgesprochen geringfügige Idiotie leicht zu einer bedeutenden Maßgabe steigern, bis hin zur Anordnung von Mord. Denn ein Soldat, der ohne Befehl nach eigener Willkür tötet, ist ein Verbrecher. Auf diesem schwankenden Grund muss der Einzelne seinen moralischen Halt in sich selbst und seinem Gewissen finden. Dann wird sich zeigen, welches Ehrgefühl, welche Anständigkeit und Mitmenschlichkeit noch in ihm stecken.

Der Charakter zählt

Robert Schwentke hat mehrere „Tatort“-Krimis inszeniert, bevor er längere Zeit in Hollywood arbeitete, etwa mit den Schauspielern Helen Mirren, Bruce Willis, John Malkovich und Morgan Freeman („R.E.D. – Älter, härter, besser“). Nun ist er nach Deutschland zurückgekehrt. Dass der Regisseur seinen „Hauptmann“-Film in Schwarz-Weiß gedreht hat, verstärkt den Anschein von Echtheit der Ereignisse. Als handele es sich um eine geschichtliche Dokumentation. Dazu passt die Genauigkeit der Beobachtungen und persönlichen Kennzeichnungen, die Schwentke ebenso bei den Soldaten (Frederick Lau, Milan Peschel) vornimmt wie bei den zwei listigen Komödianten eines Sammellagers (Wolfram Koch, Samuel Finzi).

Der Schweizer Schauspieler Max Hubacher in der Rolle des Hauptmanns wirkt wie ein Junge, dem der Uniformmantel etwas zu groß ist. Doch auch das bekommt hier einen Hintersinn. Wurden nicht kurz vor Kriegsende noch halbe Kinder rekrutiert? Vor allem eines aber bleibt im Gedächtnis von diesem Film über die letzten Tage vor dem Untergang: Die Uniform ist bei allen Soldaten gleich. Den entscheidenden Unterschied macht der jeweilige Charakter, der sie trägt. Sehenswert

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