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Literaturgeschäft: Die Verlagsstadt Frankfurt profitiert vom wachsenden Handel mit Rechten

Von Rund 280 000 Besucher kommen jedes Jahr zur Buchmesse nach Frankfurt. Dann brummt die Stadt, nicht nur literarisch, sondern auch wirtschaftlich. Die Hotels machen ebenso gute Geschäfte wie das Taxigewerbe und das Bahnhofsviertel. Den Verlagen geht es zwar schlechter, die Buchumsätze sinken. Aber im Agentenzentrum auf dem Messegelände steigt der Verkauf von Rechten für Übersetzungen und Verfilmungen.
Allein die Frankfurter Verlage haben im vergangenen Jahr 1723 neue Titel herausgebracht. Doch die Zahl der gekauften und gelesenen Bücher sinkt. Ihr Geschäft macht die Frankfurter Buchmesse vor allem mit dem Handel von Lizenzen, der um 6 Prozent wächst. Foto: Boris Roessler (dpa) Allein die Frankfurter Verlage haben im vergangenen Jahr 1723 neue Titel herausgebracht. Doch die Zahl der gekauften und gelesenen Bücher sinkt. Ihr Geschäft macht die Frankfurter Buchmesse vor allem mit dem Handel von Lizenzen, der um 6 Prozent wächst.

Frankfurt ist Handelsstadt, Messestadt, Buchstadt. Seit rund 500 Jahren wird hier Literatur verkauft, das geschriebene Wort veräußert, an alle, die es haben wollen – und das ist die ganze Welt. Seit der Erfindung des Buchdrucks, seit Johannes Gutenberg rund 50 Kilometer entfernt in Mainz seine Holzkonstruktion für die beweglichen Buchstaben in Betrieb nahm, ist Frankfurt der wichtigste Umschlagplatz für das Buch – nur zwischendurch eine Zeit lang übertrumpft von Leipzig. Zum 70. Mal seit der Neugründung nach dem Krieg findet die Frankfurter Buchmesse jetzt wieder statt, mit 7500 Ausstellern aus rund 110 Ländern – mehr denn je.

Zahl der Besucher

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Die Zahl der Besucher kennt seit Jahren nur kleine Schwankungen. Etwa 280 000 kommen jeden Herbst (zwei Drittel beruflich, ein Drittel privat), so viele wie kürzlich zum Eröffnungswochenende der neuen Frankfurter Altstadt. Zum weiteren Vergleich: Die Fußballspiele der Eintracht ziehen pro Spielzeit eine knappe Million Besucher an, das Museumsuferfest verbucht allsommerlich zwischen zwei und drei Millionen.

Das Buch als solches freilich hat an publizistischem Wert verloren. Immer seltener werden Bücher überhaupt noch in die Hand genommen. Zeit und Interesse für Romane, Erzählbände, Sachbücher sind im Schwinden begriffen, aus verschiedensten Gründen: Verdichtung des Alltagslebens, Beanspruchung am Arbeitsplatz und in der Familie, Freizeitstress – wer soll und will sich da noch auf die Couch oder in eine stille Ecke setzen und stundenlang schmökern?

Smartphone und Netflix

Der größte Teil der früheren Liebe zum Buch aber ist wohl zum Computer, zum Smartphone und zu den Sozialen Medien gewechselt. Der Chat im Internetforum, der SMS-Kontakt mit Freunden und Bekannten, das Verschicken von Kurznachrichten, Bildern und Filmchen füllt heute jene Stunden, die einst den niedergeschriebenen Geschichten galten. Das Fernsehen mitsamt den langen Serien der neuen Streamingdienste frisst seinerseits ganze Abende. Anscheinend beharren nur noch die höchst Gebildeten oder die eingeübtesten Leser auf ihren Büchern. Ein erlesener Kreis von Geistesmenschen, der sich ein leeres Bücherregal im Zuhause nicht vorstellen kann und gerade das Lesen als Ausgleich für das Gehetztsein empfindet, als Insel der Ruhe in der allgemeinen Aufgeregtheit, als angenehme Entschleunigung der Beschleunigung, als Wellness fürs Gemüt.

Aber was bedeutet das Verschwinden des Bücherlesens für die Verlage? Was bedeutet es für Frankfurt? Die Buchmessestadt? Die Zahl der hier herausgegebenen Neuerscheinungen ist von 2669 im Jahr 2013 auf 1723 im Jahr 2017 gesunken. Deutschlandweit hat der Börsenverein des Buchhandels für 2017 erstmals seit Jahren einen Umsatzrückgang festgestellt, um 1,6 Prozent auf 9,13 Milliarden Euro (Bücher und Fachzeitschriften). Für 2018 liegt der Rückgang bislang bei 1,1 Prozent. Auch das elektronische Buch hat diese Entwicklung nicht aufhalten können, obwohl sein Absatz steigt. Wie der Börsenverein überdies vorrechnet, ist die Zahl der Buchkäufer auf dem deutschen Publikumsmarkt (ohne Schulbücher und Fachbücher) seit 2013 um 6,4 Millionen (17,8 Prozent) geschrumpft. Im vergangenen Jahr kauften nur noch 29,6 Millionen Bürger mindestens ein Buch. Insgesamt wurden 367 Millionen Werke veräußert, gut 30 Millionen weniger als noch vor fünf Jahren. Am stärksten fällt der Rückgang in der Gruppe der 40- bis 49-Jährigen aus.

Frankfurt steht in seiner Bedeutung als Verlagsstadt an fünfter Stelle hinter Berlin, München, Hamburg, Stuttgart. Die Zahl der hier ansässigen Verlage ist von 66 im Jahr 2013 auf 56 im Jahr 2017 gesunken, die Zahl der Buchhandlungen im selben Zeitraum von 76 auf 74, die Zahl der darin Arbeitenden von 450 auf 370 (von 2007 bis 2016). Es sind die kleinen Verlage, die aufgeben. So musste der aus der linksradikalen 68er-Szene hervorgegangene Verlag Stroemfeld (Franz Kafka, Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist) Anfang des Jahres Insolvenz anmelden, weil er die zurückgehenden Bestellungen der Universitätsbuchhandlungen nicht mehr verkraftete. Aber auch die großen Verlage haben zu knapsen. Der Wegzug von Suhrkamp nach Berlin, ein Abgang, der dem intellektuellen Frankfurt noch immer als Schreck in den Gliedern sitzt, erfolgte auch aus der Erwägung heraus, näher am größeren Geschäft der Verlagshauptstadt zu sein. Die in Frankfurt bleibenden Editionshäuser wiederum behalten ihre Wirtschaftspläne ganz genau im Blick. Der traditionsreiche Verlag S. Fischer (Aristoteles, Thomas Mann, Henning Mankell) lässt aus Kostengründen trotz eines Umsatzes von 81 Millionen Euro 2017 seinen diesjährigen Buchmesseempfang im Literaturhaus für Autoren und Kritiker ausfallen, ebenso wie der demnächst von Reinbek nach Hamburg ziehende Verlag Rowohlt (Hans Fallada, Kurt Tucholsky) den seinigen in der Schirn. Außerdem hat der Münchner Verlag Hanser seine Party abgesagt.

Sparen müssen die Verlage aber schon lange. Vor 15 Jahren war die Klage über hohe Frankfurter Messestandgebühren und Hotelkosten so vernehmlich, dass sogar ein Umzug der Buchmesse nach München zur Diskussion stand. Frankfurt konnte die Messe noch einmal halten. Doch sogar der große Schweizer Belletristik-Verlag Diogenes sagte 2015 seine Teilnahme ganz ab. Viele andere Verlage buchen heute nur noch kleinere Stände und schicken ihre Mitarbeiter nicht mehr für die gesamte Buchmessewoche, sondern lediglich für zwei oder drei Tage. Die Buchmesse selbst macht ihr Hauptgeschäft allerdings nicht mit den Ausstellungsständen der Verlage, sondern mit dem Rechtehandel für Übersetzungen und Verfilmungen, der für Besucher unsichtbar im Agentenzentrum stattfindet. Dieser Markt wächst beständig, derzeit um rund 6 Prozent. Außerdem bezieht die Buchmesse ihre Einkünfte zusehends aus anderen Inhalten (Contents), wie Hörbüchern, Computerspielen, Filmen, elektronische Lehrmittel.

Hotels und Gaststätten

Auch die Stadt Frankfurt muss bis jetzt keine nennenswerten finanziellen Einbußen durch das Schwinden der Leselust fürchten. Die Umwegrentabilität zeigt ihre Wirkung. Hotels, Gaststätten, Kaufhäuser, Boutiquen, die städtischen Verkehrsbetriebe, das Taxigewerbe sowie die örtliche Vergnügungsindustrie verdienen immer noch mit und erhöhen regelmäßig ihre Preise. Die Sorgenfalten über das langsame Büchersterben finden sich anderswo: auf den Stirnen der Verlagsleute. Sie fürchten die sinkende Nachfrage wie ein Gespenst, das alle gesehen haben, von dem aber niemand öffentlich spricht. „Je weniger Bücher verkauft werden, um so mehr muss man arbeiten“, seufzte dieser Tage der Lektor eines namhaften Frankfurter Verlags. Der kundige Fachmann mittleren Alters machte keinen fröhlichen Eindruck. Die Tage vor und während der Buchmesse gehören zu seinen härtesten. Für ihn persönlich hängen außerdem nicht nur seine Arbeit, sein Einkommen und seine Familie mit am Buchhandel. Bedroht ist eine komplette Lebensauffassung, das Selbstverständnis einer ganzen Branche, ja einer ganzen Gesellschaft. Zu beobachten ist der Niedergang des herkömmlichen Bildungsbürgertums mit seinen ledergebundenen Brockhausbänden oder nach Farben geordneten Suhrkamp-Bändchen, kurzum: der Wertschätzungsverlust abendländischen Wissens.

Agenten und Journalisten

Wie gewinnen wir Buchkäufer zurück?, fragt deshalb der Börsenverein. Immer beliebter werden Lesungen und Diskussionen mit Schriftstellern. Insgesamt 3700 Veranstaltungen fürs Publikum mit Romanciers und Sachbuchverfassern in der ganzen Stadt gibt es deshalb diesmal während der Buchmesse. Sie tragen bei zu folgendem Schluss: Auch der Frankfurter trifft sich nicht mehr so häufig mit einem Buch. Doch hat er bis einschließlich Sonntag die gute Gelegenheit, auf jemanden zu treffen, der sich mit einem Buch trifft – darunter 10 000 angereiste Journalisten und 800 Agenten.

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