Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 17°C

Theater: Die Wahrheit? Eine Frage des Maßstabs!

Von Tief gedacht und fein gedrechselt: „Die Verwandlung“ im Schauspiel Frankfurt von Regisseur Jan-Christoph Gockel.
Nils Kreutinger erwacht im viel zu kleinen Bettchen. Foto: Diana Küster Nils Kreutinger erwacht im viel zu kleinen Bettchen.

Ein Wust an Kommentaren begräbt die Prager Käfer-Mär. Regisseur Gockel und sein Ensemble zeigen Ehrgeiz, sich davon zu lösen. Ihr Befreiungsschlag bricht die Fixierung auf Gregor Samsa, der eines Morgens als Käfer erwacht. Auch bei Gockel erwacht er in einem Albtraum, doch steht er nicht allein.

Den multiperspektivischen Blick auf die andern spiegeln Julia Kurzwegs Bühnenbild und Michael Pietschs Puppen. Sie gleichen den Darstellern (Kostüme: Amit Epstein) genau. Gregor (Nils Kreutinger) gibt’s in einer Größenskala bis zum imaginierten Püppchen, das er zum Schluss wegpusten wird.

Die Szene: Tische in zwei Größen fürs Frühstück mit Puppen, eine Bodenluke als Kaninchenloch ins Wunderland „Verwandlung“. Im Zentrum die Drehbühne: drei Räume mit Mensch- und Puppenmöbeln, ein Geheimgang zum Spionieren. Das erinnert an Tapetenwände à la „Hamlet“ oder skurrile Filme wie „Delicatessen“, wo der Metzger durchs Haus schleicht und Leute schlachtet. Gregor als Schabe im Blick der andern? Im Bodenverlies, sehr unter-bewusst, besteigt Puppen-Gregor Puppen-Grete.

Die Erzähler wechseln, zischeln im Chor, füttern Text zu. Betont sind die Ausbeutung Gregors durch die Familie und die revuekomische Putzfrau. Drückende Enge. Menschen mit Puppengriff am Kopf rotieren leblos. Auch den häuslichen Frieden ohne Gregor spielt das Ensemble, bis alles dissonant zum Teufel geht. Im Nu tauschen Groß und Klein den Platz. Titel dritteln das Spiel, das mehrfach anfängt.

Textgemäß: Erwachen Gregors im viel zu kleinen Puppenbett. Der erste Popsong: Luana Velis als Grete-Girlie im Kleidchen mit Schleifchen am Pferdeschwanz singt „Little Person“ und wirft unser genormtes Dasein (little life, little job) auf den Spieltisch. Dann: Gregor schleicht vorüber, findet die Bühne. In Teil III, nach seiner Flucht in andere Dimensionen, wiederholt er das und schließt den Kreis.

Gockels „Verwandlung“ kräht Kikeriki vor Lebenslust. Kurzweil und Livesongs bis „I’m Only Sleeping“ von den „Beatles“ überlagern den Text, der ins gemeine „Gregor muss weg!“ mündet. Da liegt Samsa jr. schon apathisch im Eck. Seine Wunde schwärt, weil der Vater (Uwe Zerwer: blüht in Frankfurt auf) Püppchen-Gregor wutrasend den Apfel der Vertreibung in den gedachten Panzer pfefferte.

Wie frisch Gockel Kafka durchbohrt, bleibt hängen. Hundert Minuten im Herbst lassen sich sehr viel unlustiger zubringen.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse