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Bundeskunsthalle Bonn: Die Zeit hinterlässt ihre Spuren

Die Hamburger Konzeptkünstlerin hat sich mit dem Festhalten und dem Loslassen der Dinge und des Lebens beschäftigt. Vor allem mit Figuren und Datumsbildern.
Hanne Darbovens Figurengruppe »Kinder dieser Welt« enstand in den Jahren 1990 bis 1996. Die Kindheit als wichtigste, weil prägendste Zeit des Lebens hat die Künstlerin fasziniert. 	Abbildungen: Darboven-Stiftung, VG Wort Hanne Darbovens Figurengruppe »Kinder dieser Welt« enstand in den Jahren 1990 bis 1996. Die Kindheit als wichtigste, weil prägendste Zeit des Lebens hat die Künstlerin fasziniert. Abbildungen: Darboven-Stiftung, VG Wort

Wo ist die Zeit geblieben? Die vielen Stunden, Tage und Monate vergangener Jahre, sie sind unsichtbar. Nicht so für Hanne Darboven (1941–2009). Sie widmete ihr Künstlerleben dem Versuch, Zeit greifbar zu machen. Die körperliche Erfahrung verflossener Jahre bietet nun bis zum 17. Januar die Ausstellung mit dem Titel „Hanne Darboven. Zeitgeschichten“ in der Bonner Bundeskunsthalle. Zu sehen sind 50 Werke, die insgesamt aus 11 800 einzelnen Teilen bestehen. Der zweite Abschnitt der Retrospektive ist bis 14. Februar im Münchner Haus der Kunst zu sehen, das die Schau gemeinsam mit der Bundeskunsthalle erarbeitet hat.

Zahlen und Kalender

Hanne Darboven, fotografiert 1987 in ihrem Atelier in Hamburg. Bild-Zoom
Hanne Darboven, fotografiert 1987 in ihrem Atelier in Hamburg.

Eine Ausstellungshalle alleine reiche nicht für eine Künstlerin, bei der die Quantität auch die Qualität ausmache, erklärt der Leiter der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs. Darbovens Werke bestehen oft aus Hunderten gerahmter Blätter. Bis zu neun Meter hoch sind die Wände der Bundeskunsthalle mit den eng beschriebenen Bögen behängt. Die Monumentalität von Hanne Darbovens Werk mag ein Grund dafür sein, warum es mit der laut Wolfs „längst überfälligen“ Retrospektive so lange dauerte. Nicht allzu viele Ausstellungshäuser bieten die räumlichen Voraussetzungen, Darbovens Kunst gerecht zu werden.

Darboven entwickelte abstrakte Aufschreibesysteme, die sich aus Kalenderdaten und deren Quersummen zusammensetzen. Sie schuf auf diese Art und Weise serielle Werke aus Zahlenkolonnen, die bestimmte Zeitabschnitte abbilden. So etwa ihre „Weltansichten 00-99“, die zwischen 1975 und 1980 entstanden und das ganze 19. Jahrhundert mit seinen Ereignissen abbilden sollen. Auf der Biennale von Venedig, wo die Arbeit 1982 erstmals gezeigt wurde, füllte sie nahezu lückenlos die Wände zweier Räume des Deutschen Pavillons.

Halt und Zerstörung

Das Werk besteht aus 5300 Einzelblättern, die auf 1400 Tafeln gruppiert sind. Jedem Jahr sind insgesamt 14 Tafeln zugeordnet. Jeder einzelne Tag ist durch eine Datumsrechnung dargestellt. Ergänzt werden die Zahlenkolonnen durch eine Postkartenserie aus dem 19. Jahrhundert, die berühmte Bauwerke, berühmte Landschaften und andere Sehenswürdigkeiten zeigt.

Darboven, die der namhaften Hamburger Kaufmannsfamilie Darboven entstammt, die eine Kaffeerösterei betrieb, wuchs zweisprachig auf. Ihre Mutter war Dänin, ihr Großvater, ein Kunstsammler und Arzt, war Mitentdecker des Arzneimittels Insulin. Schon früh fand Hanne Darboven zu ihrem Arbeitssystem. Die Zerstörung der elterlichen Firma unter dem NS-Regime wurde für sie zum prägenden Kindheitserlebnis. Nachdem sie zunächst in ihrer Heimatstadt Kunst studiert hatte, ging sie 1966 für zwei Jahre nach New York. Dort lernte sie den Künstler Sol LeWitt und den Minimalismus kennen und verschrieb sich fortan der Konzeptkunst. Die Künstlerin, deren Arbeiten auch auf der Kasseler Documenta zu sehen waren, lebte bis zu ihrem Tod abgeschieden in einem Backstein-Gutshaus ihrer Familie am Stadtrand in Hamburg-Rönneburg. Hier starb sie im Alter von 67 Jahren am 9. März 2009 an Lymphdrüsenkrebs.

Darboven, die einen strengen Kurzhaarschnitt trug und sich stets in Männerhemden und Anzügen zeigte, soll täglich bereits um fünf Uhr morgens an ihrem Schreibtisch gesessen haben. Dieses mit Kuriositäten überhäufte Pult wurde eigens für die Ausstellung aus dem Atelierhaus in Hamburg in die Bundeskunsthalle gebracht. Nachdem die Künstlerin in den 60er Jahren ihr kalendarisches Ordnungssystem entwickelt hatte, arbeitete sie seit den 70er Jahren Abschriften literarischer Texte und Beiträge aus Enzyklopädien ein. Sie begann auch, mit ihren Arbeiten Bezug auf historische Personen und die Geschichte zu nehmen. So etwa in der Arbeit „Bismarckzeit“ (1979). Darin verknüpft sie die Epoche des Reichskanzlers Otto von Bismarck mit der Gegenwart ein Jahrhundert später: Abschnitten einer Bismarck-Biografie stellt sie einen Aufsatz des Bundeskanzlers Willy Brandt über Bismarcks „Anti-Sozialistengesetze“ gegenüber.

In den 80er Jahren erweiterte Darboven ihr Werk um eine zusätzliche Dimension. Sie übertrug die Struktur ihrer Datumsrechnungen in Noten. Dabei ordnete sie Zahlen bestimmte Töne zu. Die jeweiligen Partituren ließ sie von Musikern einspielen. Den Klang dieser in Musik transformierten Zeit können die Besucher der Ausstellung an Hörstationen erleben. Die Schau berücksichtigt auch Darbovens bildhauerisches Werk, das zum einen aus streng geometrischen Holzkonstruktionen besteht. Zum anderen wird auch der Werkkomplex „Kinder dieser Welt“ gezeigt, zu dem Spielzeug, Puppen und Stofftiere, Bücher mit Zeitrechnungen, Zeichnungen und Kollagen gehören.

Darboven verlangt dem Betrachter ein hohes Maß abstrakten Denkens ab. Sie selbst fand ihr Werk wenig rätselhaft: „Mein Geheimnis ist, dass ich keins habe“, sagte sie einmal. Die Bundeskunsthalle bemüht sich in dieser Schau dennoch, den Besuchern diese strenge, mathematische Welt der Künstlerin zu erschließen.

 

Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn. Bis 17. Januar 2016, Di und Mi 10–21 Uhr, Do bis So 10–19 Uhr. Eintritt 10 Euro. Telefon (0228) 91 71-200. Internet www.bundeskunsthalle.de
Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, München. Bis 14. Febreuar 2016, Mo bis So 10–20 Uhr, Do 10–22 Uhr. Eintritt 12 Euro. Telefon (089) 21 127-113. Internet www.hausderkunst.de

 

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