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Frankfurter Schauspiel: Die drei „Stimmen einer Stadt“

Von Wilhelm Genazino, Olga Grjasnowa und Teresa Präauer haben kurze Stücke für die Kammerspiele geschrieben – Miniaturen aus dem Leben einer Großstadt.
Friederike Becht als Mitarbeiterin einer Airline in Olga Grjasnowas „Absturz“. Ihre eigene Geschichte verknüpft sich mit denen der Opfer einer Flugzeugkatastrophe. Fotos: Felix Grünschloß Foto: Felix Grünschloß Friederike Becht als Mitarbeiterin einer Airline in Olga Grjasnowas „Absturz“. Ihre eigene Geschichte verknüpft sich mit denen der Opfer einer Flugzeugkatastrophe. Fotos: Felix Grünschloß
Frankfurt. 

Es gibt Menschen, die finden ihren Frieden mit Wilhelm Genazino (75) nicht. Trotz aller Büchner-Preise. Jahraus, jahrein lesen sie die Romane dieses Schriftstellers, der mit der Gewissenhaftigkeit eines Literaturangestellten durch Frankfurt flaniert und in den Straßen der Stadt seine kleinteiligen Beobachtungen zusammenträgt, um sie zu Hause als Mikrogrübeleien seinen unbeholfenen, stets ein bisschen wirklichkeitsfremden Romanexistenzen ins Gehirn zu pflanzen. Jahraus, jahrein also lesen diese Menschen pflichtbewusst Genazinos Bücher und werden nicht froh: Jedes Mal stellt sich bei diesen Getreuen nämlich eine eigentümliche Ungeduld ein, die dazu führt, dass sie die Lektüre ungebührlich beschleunigen oder gar vorzeitig abbrechen. Woran liegt das? Im Frankfurter Kammerspiel ist nun Gelegenheit, der Sache nachzuforschen.

Unter der neuen Intendanz von Anselm Weber ist man auf die schöne Idee gekommen, „Stimmen einer Stadt“ einzufangen. Insgesamt neun „Autor_innen“, wie es heißt, die sich bislang nicht als Dramatiker hervorgetan haben, sind gebeten, in den Lebens- und Daseinsraum dieses komplexen Gemeinwesens hineinzuhorchen, um zu erfahren, wie darin gefühlt, gedacht, gelitten, gelacht und geweint werde. Wer sind die Menschen dieser Stadt? Welche Leben führen sie? Was treibt, was bewegt, was beschäftigt sie? In drei je rund einstündigen „Monodramen“ werden die Ergebnisse dann auf der Theaterbühne präsentiert. Die erste Serie unter Anselm Webers Regie begann nun im Kammerspiel. Am Anfang steht „Im Dickicht der Einzelheiten“ von Wilhelm Genazino, dem streunenden Lokalgott der kleinen Dinge.

Flugzeugkatastrophe

Der Schauspieler Matthias Redlhammer ist in einen nach hinten zu sich klaustrophobisch verengenden weißen Raum hineingestellt. Er trommelt, als habe er wichtige Nachrichten. Er trägt Fliege, Hosen, die länger sein könnten, und ein ältliches Jackett. Kurzum: Er ist eine dieser gestrig wirkenden, kauzig-verschrobenen Genazino-Gestalten, die in der Welt herumstehen und auf ihren Augenblick warten, der jedoch verlässlich folgenlos vorübergeht. Redlhammer besitzt die komödiantische Gabe, dem, was er bisweilen ein wenig oberlehrerhaft vorzutragen hat, etwas Ironisches beizumischen, den vielen Einzelheiten ihre humoristische Note abzulauschen und sie noch zu verstärken. Das macht den Text kurzweiliger, als er womöglich wäre, wenn man ihn nur läse.

Es handelt sich ja abermals um diese oft erprobten Bewusstseinsminiaturen, die an jeden Papierschnipsel, jede mürbe Melonenschale auf dem Asphalt, jeden dahergewehten Pizzakarton aphoristisch zugespitzte, mitunter auch umständlich herbeigesuchte Weltweisheiten knüpfen, hinter denen sich gelegentlich sprachlich überorchestrierte Allerweltsweisheiten verbergen. Thematisch geht es um Heimat, Glück, Vergänglichkeit, Blicke, Essen in der Öffentlichkeit, deformierte Gesichter, ICE- und U-Bahnfahrten, das Eheleben und die Last der Schriftstellerei. Also um alles, was Zeitgenossen in Frankfurt so umtreibt. Am einprägsamsten ist die Geschichte jenes beklagenswerten Mannes, der aus einer Hungerhütte in Indien den Weg in eine Frankfurter Wurstbude fand. Und ermordet wurde. Das Glück kam ihm zu nahe.

Ist Genazino eine Art Romantiker, der dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein verleiht? Der im Unbedeutenden das Bedeutende sieht? Oder will man das so genau alles gar nicht wissen? Sind das am Ende doch nur hochtönende Trivialitäten, zu verstreuten Gedanken sublimierte Weltfremdheit? Auch im Theater stellt sich dieser Schwebezustand zwischen matter Langeweile und geistesblitzartiger Erregung ein, den man wohl den Genazino-Zustand nennen muss. Der Fall dieses Autors bleibt weiter ungelöst.

Olga Grjasnowa (33), geboren in Aserbaidschan. Sie hat als junge Frau einige Jahre in der Frankfurter Zeilgalerie Turnschuhe verkauft. Inzwischen lebt sie in Berlin. Mit ihren Romanen „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ und zuletzt „Gott ist nicht schüchtern“ hat sie viel Anerkennung gefunden. „Absturz“ heißt ihr „Monodrama“, das sie aus einem Gespräch mit der Mitarbeiterin einer Airline entwickelt hat.

Es erzählt von einer jungen Frau, der nach einem Flugzeugunglück die schwierige Aufgabe übertragen wird, die Angehörigen am Gate zu empfangen, zu informieren und ersten Beistand zu leisten. Unter den Opfern ist ihr ehemaliger, viel älterer Liebhaber, mit dem sie sich jahrelang ein gemeinsames Kind gewünscht hat, zu dem es aber nie gekommen ist. Sie ist nun 30 und hat ein Baby verloren. Sie ist allein.

In ihrem inneren Monolog überblenden sich ihr Auftrag im Dienst der Airline und ihr persönliches Geschick. Man merkt der Komposition des Textes die Absicht an. Bisweilen wünscht man sich, er könnte das Gemachte und Konstruierte besser verbergen. Und doch nimmt er den Zuschauer gefangen. Das hat sicherlich mit der geschilderten Ausnahmesituation zu tun. Noch mehr aber mit Friederike Becht.

Glücksritter mit Pomade

Auch sie steht in diesem klaustrophobischen Bühnenraum (Philip Bußmann), packt eine Kiste mit Habseligkeiten aus, schminkt sich, kleidet sich in die Uniform der Airline. An den Seitenwänden sind Aktenordner aufgereiht. Sie enthalten Daten und Informationen über die 228 Toten. Es wären Geschichten, Gesichter, Lebensläufe, könnte man sie erzählen. Die junge Frau aber verfügt nur über Ausschnitte, Fragmente. Und über ihre eigene Geschichte, einer Einsamen, Heimatlosen, die sich verloren hat in den Hotelzimmern der modernen Welt, irgendwann in den Augenblicken zwischen Rio und New York, die an ihr ebenso vorübergegangen sind wie an dem lebensuntüchtigen Grübler von Genazino.

Friederike Becht leiht ihrer Figur eine zerrissene, verletzte Seele, glaubwürdig und sehr natürlich. Sie trägt Grjasnowas „Monodrama“ selbst über seine formalen Hürden hinweg. Von den drei Uraufführungen ist „Absturz“ gewiss die, die den Zuschauer am meisten packt.

Denn „Ein Hund namens Dollar“ der Österreicherin Teresa Präauer (39), der wir den schönen Künstlerroman „Johnny und Jean“ verdanken, zielt vor allem ins Komische, Grotesk-Absurde. Felix Rech führt auf der Schachtbühne einen präpotenten Emporkömmling, Schwadroneur, Hochstapler und Glücksritter auf, einen bonzenhaften Gernegroß und räudigen Wichtigtuer – Pomade im Haar, Sonnenbrille auf der Nase, Golduhr am Handgelenk. Sein trostloser Köter mit dem lasch herabhängenden linken Lid, den er auf einer Messe ersteigert und Dollar genannt hat, erleichtert sich gegen eine Euro-Skulptur und klettert dann auf ihr herum, bis die Polizei einschreitet.

Das Stück wirbelt Klischees und Image-Siglen des Finanzplatzes Frankfurt spöttisch und entlarvend durcheinander. Es ist ein zum Teil hochvirtuoses, hintersinniges und vergnügliches, manchmal klamaukiges Sprachspiel, dem Rech streckenweise rasanten Rap-Drive gibt. Leider gehen Text und Schauspieler zwischendurch auch mal die Puste aus, so dass Spaß und Erkenntnisgewinn nur halb so groß sind, wie sie vielleicht sein könnten.

Dennoch: Die „Stimmen einer Stadt“ sind ein originelles, erquickliches Theater-Experiment, an dem man seine helle Freude haben kann. Intensität und Temperatur sind so schwankend und unbeständig wie die Welt zwischen Berkersheim, Nordend und Sachsenhausen. Aber das schönste Glück, das man in Frankfurt haben kann, ist, wie im Theater, eh die Vorfreude.

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