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Doppel-Produktion mit Honegger und Debussy: Die ganze Welt steht in Flammen

Der Regisseur Àlex Ollé kombinierte an der Oper Frankfurt Debussys lyrische Kantate „La damoiselle élue“ mit Arthur Honeggers dramatischem Oratorium „Jeanne d’Arc“.
Jeanne d’Arc (Johanna Wokalek) auf dem Scheiterhaufen. Sie muss tödliche Qualen erleiden. Jeanne d’Arc (Johanna Wokalek) auf dem Scheiterhaufen. Sie muss tödliche Qualen erleiden.

Bühnen-Magier Àlex Ollé entfacht in Arthur Honeggers „Jeanne d’Arc au bûcher“ infernalische Todesqualen für die Lichtgestalt des Abends: Schauspielerin Johanna Wokalek. Als französische Nationalheilige beteuert sie mit klarer Stimme ihre Unschuld und fordert das Recht auf freie Rede ein. Anderthalb Stunden lang wird sie in einer barbarischen Messe von rohen Volksmassen, halb Mensch, halb Tier, zu Tode gebracht.

Bereits in Debussys anfänglicher Kantate „La damoiselle élue“ verdüstern bühnenbreite Wolkenmassen die paradiesischen Lüfte; noch bevor Àlex Ollé in Honeggers Scheiterhaufen-Oratorium alle Urgewalten der Unterwelt auf die Bühne strömen lässt. Golden schimmern in dieser Welt nur noch die Rettungsplanen, in die sich die himmlischen Heiligen hüllen. Nicht nur der Scheiterhaufen Johannas, in Wahrheit steht bald die ganze Welt in Flammen. Das glaubt jedenfalls der katalanische Regisseur, Gründungsmitglied von „La Fura dels Baus“, und zitiert Umberto Ecos düstere Vision eines neu aufziehenden Mittelalters. Mit schrecklicher Liebe zum Detail beschreibt Ollé die nahe Zukunft als Sumpf aus geldgeilen Dealern, Sado-Maso-Dominas und einer rauen Volksmeute, die zu halbnackten Tieren mutiert ist.

Oben aufgeknöpftes Hemd und Schlips, untenrum Plastikpenisse und offen zur Schau getragene weibliche Scham. So kraftvoll diese Sicht zu den wuchtigen Chornummern von Honeggers Musik passt, so schnell entsteht beim Betrachter ein (gewollter?) Überdruss. Irgendwann mag man sie nicht mehr sehen, die baumelnden Gemächte des Männerchores und den glänzenden Speckbauch des schweinischen Richters, sprich: den ganzen brodelnden Hexenkessel, in dem schon mal halbnackte Frauen mit Seilen an Füßen hochgezogen und blutig geschlagen werden. Fest steht: Nicht nur Johanna Wokalek als Jungfrau muss hier Todesängste erdulden, einige drastische Quälereien dürften auch bei manchem die Belastungsgrenze überschreiten.

Dabei ist das Oratorium Arthur Honeggers, uraufgeführt 1938, auch voll absurder Komik und schrillem Humor. Davon allerdings lässt das spanische Künstlerkollektiv keinen Funken übrig. Gute Gründe hat es. Denn bereits zur Entstehungszeit verdüsterte sich die weltpolitische Lage.

Die sinnstiftende Frankfurter Idee, Arthur Honeggers Oratorium Debussys Poème lyrique aus dem Jahr 1893 voranzustellen, dürfte Nachahmer finden. Denn während in Debussys impressionistisch anmutendem Himmelssäuseln eine Auserwählte (Elizabeth Reiter) auf die Ankunft ihres Liebsten und damit auf eine sinnliche Wiedervereinigung hofft, könnte auch am Ende die Seele Jeanne d’Arcs im Jenseits Frieden finden. Nur kurz währt allerdings die zarte Idylle der spektakulären Wolkentürme von Alfons Flores, dann verdüstert sich die Atmosphäre samt schwarzen Gewitterwolken, während Katharina Magiera als Erzählerin in einer Pietà mit einer Toten hockt (vielleicht die spätere Jeanne?).

Rhythmisch fordernd

Musikalisch immer hellwach und mutig in ihrer entblößten Darstellung singen sich Chor und Extra-Chor durch ihren rhythmisch fordernden Part, dabei bestens präpariert von Tilman Michael und Markus Ehmann (Kinderchor). Johanna Wokalek als hochdramatische Jeanne d’Arc leidet glaubhaft an ihrer existenziell bedrohlichen Lage. Eindrücklich versucht Schauspieler Sébastien Dutrieux, ihr – als Vision Bruder Dominiques – die Situation zu erklären. Ein Großteil der übrigen expressiven Gesangsrollen sind mit Debütanten des Frankfurter Ensembles besetzt.

Die musikalische Leitung liegt in den kundigen Händen von Marc Soustrot, den im Verein mit dem Frankfurter Museumsorchester trotz wildem Bühnenspektakel nie die Souveränität verlässt. Trotz der provokanten Nacktszenen am Ende großer Jubel, besonders für die überragende Johanna Wokalek und die Chöre.

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