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Die göttliche Anna brilliert in altbackener „Aida”

Die neue Salzburger „Aida” ist mehr ein gesellschaftliches als ein künstlerisches Ereignis. Doch Anna Netrebko enttäuscht die Erwartungen nicht.
Anna Netrebko in der Rolle der Aida (l) und Ekaterina Semenchuk als Amneris im Großen Festspielhaus in Salzburg. Bilder > Foto: Barbara Gindl Anna Netrebko in der Rolle der Aida (l) und Ekaterina Semenchuk als Amneris im Großen Festspielhaus in Salzburg.
Salzburg. 

Ein bisschen kam man sich vor wie in der Arena von Verona. Die Trompeten schmetterten beim allbekannten Triumphmarsch, dass es eine Freude war, die Menschenmassen wallten hin und her, und die Sänger verausgabten sich an der Rampe. Fehlten nur noch die Elefanten.

Doch dies war nicht Verona, sondern das Große Festspielhaus zu Salzburg. Und auf der Bühne stand nicht irgendwer, sondern die derzeit wohl beste (und teuerste) Sopranistin der Welt: Anna Netrebko. Die Russin gab am Sonntagabend vor illustrem Publikum ihr mit Spannung erwartetes Debüt als Aida in Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper. Es war DAS gesellschaftliche Ereignis der diesjährigen Salzburger Festspiele, aber kein Meilenstein des Musiktheaters.

Der neue Intendant der Festspiele, Markus Hinterhäuser, hatte die iranische Regisseurin Shirin Neshat, provokative Multikünstlerin und Frauenrechtlerin, mit dem großen Maestro Riccardo Muti am Pult der Wiener Philharmoniker zusammengespannt. Und mit der göttlichen Diva. Ein Erfolg schien programmiert. Doch der aus dem Iran emigrierten, jetzt in New York lebenden Opernnovizin fiel wenig ein zu Verdis Klassiker.

Dabei hatte sie zuvor in Interviews und im Programmbuch alles so schön erklärt: die Rolle der Frauen im Islam, die Macht der Männer im Gottesstaat, den derzeit grassierenden religiösen Fundamentalismus, die Flüchtlingskrise, ihre eigene Nähe zur Figur der Aida, die als äthiopische Sklavin an den Hof der ägyptischen Pharaos kommt, sich dort in den Feldherren Radames verliebt, der kurz danach in den Kampf zieht, gegen das Heer ihres eigenen Vaters.

Leider sah man davon wenig bis nichts in ihrer Inszenierung. Personenregie, Chorregie? Fehlanzeige. Auch ein schlüssiges, mitreißendes Konzept suchte man vergebens. Außer diffuser Religionskritik und ein bisschen Flüchtlingskitsch hatte Neshat nichts zu bieten. Dafür hatte sie in Wien eine Gruppe leibhaftiger Flüchtlinge abfilmen lassen, die als Riesenvideo auf die Bühne projiziert wurden. Sie blickten, wie man es von ihren Fotos und Videos kennt, stumm in eine ungewisse Zukunft und waren, wie auch Aida, mit senkrechten, weißen Strichen im Gesicht gleichsam gezeichnet.

Hinter dieser der Aktualität geschuldeten Garnitur verbarg sich freilich eine ziemlich altbackene „Aida”-Deutung, gravitätisch bis zum Stillstand. In diesem Setting drohte der pompöse Triumphmarsch, dessen Pathos eigentlich eine Brechung erfordert, ins unfreiwillig Komische abzudriften.

Freilich gab es auch ein paar eindrucksvolle Bilder. Die waren weniger Neshat als Bühnenbildner Christian Schmidt zu verdanken, der einen wandelbaren, an iranische Revolutionsarchitektur erinnernden Bühnenkasten konstruiert hat. Die blendend weiße Konstruktion in Sichtbeton-Optik diente mal als Pharaonenpalast, mal als Tribüne, und verwandelt sich zum Schluss, wenn der vermeintliche Verräter Radames in einem Verlies lebendig begraben wird, in einen hermetisch abgeschlossenen Bunker. Darin sterben er und Aida, die sich heimlich in das Grab geschlichen hat, programmgemäß den Liebestod, während draußen die ägyptische Königstochter Amneris, eigentlich Rivalin der Aida um die Gunst des Radames, verzweifelt zurückbleibt und das „gottlose Gesindel” der Priester verdammt, die Radames auf dem Gewissen haben.

Zumindest Anna Netrebko enttäuschte die Erwartungen nicht. Vor allem im letzten Akt, dem dramatischen Zentrum der Oper, lief sie zu großer Form auf. In allen Registern überzeugte die Diva mit kräftigem Fundament und sicherer Intonation. Ihre berühmte Arie „Patria mia” machte eine längere Jubelunterbrechung notwendig. Selbst in den Massenszenen übertönt sie das von Muti zu edel-opulentem XXL-Breitbandsound angefachte Orchester mühelos, ohne zu schreien. Der Tenor Francesco Meli als Radames war ihr ein ebenbürtiger Partner, wenngleich er in der Höhe etwas belegt klang. Auch die großartige Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk als Amneris ließ keine vokalen Wünsche offen.

Am Ende gab es einen Beifallsorkan für Netrebko, Muti und Co., während beim Erscheinen von Shirin Neshat und ihrem Team ein paar hartnäckige Buhrufe zu vernehmen waren, die jedoch von der übergroßen Mehrheit der Begeisterten entschlossen niedergeklatscht und -getrampelt wurden.

(Von Georg Etscheit, dpa)
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