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Tocotronic: Die hinreißende Poesie von Hass, Zorn und Wut

„Tocotronic“ präsentieren ihr aktuelles Album „Die Unendlichkeit“ in Wiesbaden. Gewinner des Konzerts sind jedoch die älteren, die wütenden Songs.
Dirk von Lowtzow, der Frontmann von „Tocotronic“, singt voller Inbrunst im Wiesbadener „Schlachthof“. Foto: Boguslaw Sajak Dirk von Lowtzow, der Frontmann von „Tocotronic“, singt voller Inbrunst im Wiesbadener „Schlachthof“.

Der Abend stand unter keinen guten Vorzeichen. Ein in Musik-Dingen sehr stilsicherer und belesener Freund schrieb über das neue Album von „Tocotronic“: „Soll das eine Parodie auf Krautrock sein? Das ist ja grauenhaft – aber wirklich alles: Gesang, Texte, Musik.“ Puh, das sitzt. Doch, tatsächlich, vor dem Wiesbadener „Schlachthof“, wo sich Parka tragende Männer und hornbebrillte Frauen im Nieselregen mit Dosenbier in Stimmung trinken, herrscht eine ganz andere Meinung.

„Die Unendlichkeit“ also, das aktuelle Werk, mit dem die Gruppe „Tocotronic“ zurzeit durch Deutschland tourt, gilt vielen als Zäsur: autobiografische Texte voller explizitem Zorn. Auch musikalisch einigermaßen neues Terrain: komplexe Kompositionen, düstere Instrumente im Nebelmeer. Ein Kritiker will gar eine Verbeugung vor Franz Schubert herausgehört haben. „Bestes Toco-Album“, sagen jedenfalls die Fans. Und auch manche Kritiker. Daher die Frage aller Fragen an diesem kühlen Frühfrühlingsabend, 20 Minuten vor Konzertbeginn: Funktioniert dieses irre Düster-Werk denn auch auf der „Schlachthof“-Bühne?

Krass randalierend

Jubelstürme und Sprechchöre hallen durch den Saal, kaum hat die Band mit in die Höhe gestreckter Faust die Bühne betreten. Bisschen Feedback, bisschen lachen, dann geht’s nach vorne: „Die Unendlichkeit“, der titelgebende Programm-Song zur Stunde, wabert durch die Halle. Der Bass schiebt alles zur Seite, das Publikum schaukelt beseelt. Klingt wie „Sonic Youth“, die mit Bertolt Brecht gemeinsame Sache machen. Toller Anfang. Und wie Sänger Dirk von Lowtzow da seine nagelneue Trainingsjacke im grellen Bühnenlicht präsentiert – ob man will oder nicht: Seltsame Nostalgie-Gefühle brechen da aus, auch wenn man sich vor 25 Jahren noch eher für Benjamin Blümchen als für die sogenannte Hamburger Schule interessiert hat. Kann man ja auch mal zulassen.

Seit 25 Jahren zieht die Band also mit ihrer manchmal distinguierten, manchmal krass randalierenden Gitarrenmusik um die Häuser. Und seit diesen 25 Jahren wird die Gruppe wahlweise als „intelligenteste“, „verkopfteste“, „beste“, „anstrengendste“, „belesenste“, „gescheiteste“ (und so weiter und so fort) deutschsprachige Band bezeichnet. Doch wird dabei immer vergessen, was für eine grandiose Rock-’n’-Roll-Band das Quartett in der Hauptsache ist.

Der erste Höhepunkt des Konzerts kommt bereits kurz nach Beginn: Die Band holt zur 20 Jahre alten Soziologie-Studenten-Hymne „Let There Be Rock“ aus, und alles schreit laut im hellen Schein des flackernden Stroboskoplichts: „Die Ausbeutung des Menschen / Erreicht eine neue Qualität“. Jetzt sind hier alle on fire ! Und weiter geht es mit den frühen, den wilden Krach-Orgien: „Drüben auf dem Hügel“ vom Debüt-Album „Digital ist besser“ (1995). Das Publikum springt vor Freude durch den Saal, Fäuste werden geballt. Das sind Grüße aus einer Zeit, in der noch Gitarren-Songs im Musikfernsehen gespielt wurden und Bands wie „Blumfeld“, „Die Sterne“ und eben auch „Tocotronic“ identifikationsstiftend waren. Irre Zeiten, heute kaum mehr vorstellbar.

Stadt-Beschimpfung

Und tatsächlich gelingen die sogenannten frühen Songs, zu der generell die Lieder bis zur Veröffentlichung des Albums „Tocotronic“ (2002) gezählt werden, besser als die Lieder der vergangenen fünf, sechs Jahre: Allein mit der Wucht des unschlagbaren Slacker-Faustschlags „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“ (1997) können die komplex gebauten neuen Songs wie „Alles was ich immer wollte war alles“ nicht mithalten. Und dann auch hier wieder einer dieser hinreißenden Slogans, die mit geballter Faus und heiserer Stimme gebrüllt werden: „Ihr habt mir viel zu oft / Auf die Schulter geklopft / Und ich glaub nicht daran / Dass ich ohne das Klopfen noch kann.“

Zum großen Finale nach rund zweistündiger Attacke kommt die Band unverhofft zur krawalligsten, zur schönsten vertonten Stadt-Beschimpfung noch einmal auf die Bühne: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse / Fahrradfahrer dieser Stadt / Ich bin alleine und ich weiß es / Und ich find es sogar cool / Und ihr demonstriert Verbrüderung“, kreischt Dirk von Lowtzow in „Freiburg“. Dazu: Gewitter-Feedback und Becken-Tohuwabohu. Diese schöne Wut der Band, und das ist das pure Glück, stimmt die Besucher irre fröhlich.

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