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Portrait: Die junge Schauspielerin Luana Velis ist auf dem Weg nach oben

Aktuell probt Luana Velis die Rolle der verwöhnten Mildred für die Eröffnungspremiere von Eugene O’Neills Stück „Der haarige Affe“ am nächsten Freitag im Schauspiel Frankfurt.
Luana Velis kommt vom Tanz und hat ein ausgeprägtes soziales Gewissen. Foto: Michael Faust Luana Velis kommt vom Tanz und hat ein ausgeprägtes soziales Gewissen.
Frankfurt. 

Selbstvergessen tanzt sie, dreht sich immer schneller im Kreis, während ihr kurzer Kleidsaum höher und höher fliegt. Dafür braucht man Körperbeherrschung. Kein Problem für Luana Velis. Immer weiter kreiselt sie – bis ihr schwindelig wird, sie mehr tapst als tanzt, mit den Augen Halt am Boden sucht. Mit dieser Szene in Bernhard-Marie Koltès’ „Kampf des Negers und der Hunde“ hat sie sich in der letzten Spielzeit ins Gedächtnis von Zuschauern und Kritikern getanzt. Und ihren Teil dazu beigetragen, dass Vontobel-Produktion aus Bochum einer der Höhepunkte der letzten Saison in Frankfurt war.

Zuerst war der Tanz

Tanzen kann Luana Velis, das hat sie als Kind mit eiserner Disziplin gelernt. Aufrecht sitzt sie während des Interviews in der Panorama-Bar, das Kinn erhoben, die Augen warm, aber kritisch. All das deutet auf ihre gymnasiale Ballettausbildung hin. „Den Wunsch, Schauspielerin zu werden, hatte ich schon sehr früh“, bekennt sie mit ihrer überraschend dunklen Stimme. „Meine Ballettlehrer haben mir aber damals gesagt: Eine Balletttänzerin kann nie Schauspielerin werden, weil der Schauspieler einen neutralen Körper braucht. Als junges Mädchen glaubt man das.“

Bekannt geworden in Frankfurt

Eine Unbekannte ist die samtäugige 29-Jährige Luana Velis schon lange nicht mehr. Sie hat nicht nur ein facettenreiches erstes Jahr in Frankfurt gezeigt.

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Zumindest, bis man 16 Jahre alt ist und sich in Chile Hals über Kopf verliebt und statt drei Monaten ein ganzes Jahr bleibt. Wieder zurück in Deutschland, musste sie zwar die Spitzenschuhe an den Nagel hängen, konnte aber noch ihren Abschluss machen, indem sie auf freie Tanzformen umsattelte. Heute versucht sie, „immer wieder die Schnittstelle zwischen Tanz und Theater zu finden“. Als Koltès’ „Léone“ hat sie am meisten gelitten und am liebsten gespielt. Auch, weil sie mit Jana Schulz und Roger Vontobel zusammenarbeiten konnte. „Ich fand schon im Studium in Bochum großartig, was die machen.“ Überhaupt: „Die beiden waren der Grund, warum ich bei Intendant Anselm Weber vorgesprochen habe.“

Im Unterdeck

Mit Beginn der neuen Spielzeit steht der amerikanische Expressionist Eugene O’Neill auf dem Probenplan. „King Kong trifft Fräulein Amerika“ hat Urs Jenny den Inhalt der sozialkritischen Komödie „Der haarige Affe“ von 1921 zusammengefasst. Luana Velis schlüpft in die Rolle der Stahlmagnaten-Enkelin Mildred, die aus Abenteuerlust erleben will, wie die Heizer eines Luxusdampfers unter Deck mit ihrem elenden Dasein kämpfen. Dabei schauen sich der hünenhafte Yank und das verwöhnte Industriellen-Püppchen tief in die Augen. Erst ihr Upperclass-Blick macht ihm sein Underdog-Dasein bewusst.

Gerade kommt Luana Velis von den Proben und wirkt nachdenklich. Die neue Textfassung von Clemens Meyer „unterscheidet sich stark vom ursprünglichen Stück. Die Sprache ist verknappt und die Szene zwischen Mildred und ihrer Tante sehr sexualisiert“. Sie überlegt kurz: „Es wirkt fast wie Poetry Slam, sehr rhythmisch und performativ.“ Meyer habe versucht, sprachlich das Milieu der unteren Schichten zu treffen. Mildred stehe stellvertretend für eine gutsituierte Schicht. „Gerade für unsere Stadt“ – sie meint tatsächlich Frankfurt – sei das „total wichtig und wahr“. Wie sie Frankfurt findet? „Wir Schauspieler werden oft zu Veranstaltungen wohlhabender Bürger eingeladen. Das kannte ich aus Bochum nicht.“

In der Bürgergesellschaft

Da habe das Theater der Stadt gehört, fertig. In Frankfurt bemerkt sie die Schere zwischen Arm und Reich. Die Kinder der Eliten und die Ärmsten der Armen bewegten sich nicht mehr in derselben Welt. „Daher finde ich das Stück sehr heutig, sehr real.“ Und sie selbst? Jetzt verschwindet ihr feines Lächeln. „Ich zahle die Hälfte meines Gehalts für ein 15-Quadratmeter-WG-Zimmer. In einer eigenen Wohnung zu leben kann ich mir nicht leisten.“ Es mache sie kaputt, täglich die krassen Gegensätze wahrzunehmen. „Da liegen nackte, fertige Menschen auf der Straße oder prostituieren sich, und ein Banker läuft einfach vorbei.“

Ihre Stimme wird kräftig, als sie betont: „Wenn die Elite nicht versteht, dass sie auch verantwortlich ist für den sozialen Zusammenhalt, kann etwas wie die AfD entstehen.“

Hat sie das Kämpferische von ihrem chilenischen Vater Marcelo Velis? Der war mit seiner Gruppe „Ortiga“ unter Salvador Allende ein berühmter Musiker und hatte unter Diktator Pinochet Auftrittsverbot.

Frankfurt war für Luana Velis schon früher ein emotionaler Sehnsuchtsort, das Tor nach Südamerika. Vom Flughafen holten sie chilenische Verwandte ab oder flogen selbst in die Heimat des Vaters. Heute lebt sie hier, im äußersten Multi-Kulti-Ende von Bockenheim. „Da ist alles sehr bunt, aber da fühle ich mich wohl.“ Diese Spielzeit soll es mit dem Vater und seiner Gruppe ein Wiedersehen auf der Bühne des Frankfurter Schauspiels geben, in der Box im Rahmen der „Freiraum“-Reihe. Aber erstmal spielt sie Miss Amerika.

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