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Auftritt: Die karge Welt des Yann Tiersen

Wenn an einem lauen Sommerabend sanfte Pianoklänge durch die Zitadelle in Mainz wehen, dann macht der bretonische Musiker Yann Tiersen Werbung für das wild-romantische Eiland Ouessant im Atlantik.
Sparsam die Ausstattung, ruhig die Klänge: Yann Tiersen in der Zitadelle in Mainz. Foto: Sven-Sebastian Sajak Sparsam die Ausstattung, ruhig die Klänge: Yann Tiersen in der Zitadelle in Mainz.

Wer hat sich nicht auf Anhieb in die französische Schauspielerin Audrey Tautou verliebt, als sie als charmante Außenseiterin so schüchtern wie neugierig durch „Die fabelhafte Welt der Amélie“ streifte? Die Musik zu diesem Kinohit kam vom Komponisten Yann Tiersen und verhalf dem Bretonen zu reichlich Aufmerksamkeit. Seine ebenso verträumten wie verspielten, auch melancholischen Klänge trafen den Nerv aller verkappten Romantiker. Das ist sechzehn Jahre her, Vergangenheit für Tiersen. Überhaupt habe er sich nie als Filmkomponist verstanden, meinte er jüngst im Interview. Basta.

Sein neuestes Projekt heißt „Eusa“. Das ist der bretonische Name für die kleine Insel Quessant in der Keltischen See. Da lebt der in Brest geborene Tiersen als einer von 862 Einwohnern, Stand: Anfang 2014. Und die fünfzehn Quadratkilometer (so groß wie Nordend, Bornheim und Ostend zusammen) üben auf den 47-Jährigen so viel Reiz aus, dass er all den Orten ein Stückchen Musik widmete.

Karg wie das Eiland ist, passt da natürlich keine Band- oder gar opulente Orchestermusik. Piano solo heißt das Zauberwort. Eine neue Herausforderung für den Multiinstrumentalisten. Und so steht er auch beim Open Air auf der Zitadelle in Mainz vor gut 1700 Besuchern ganz allein auf der Riesenbühne. Ein Flügel, zwei Toy Pianos, eine Geige und ein Tonbandgerät. Laptops und Sampler benutzen nur Hipster.

Auf dem Album hat er die einzelnen Stücke mit Zwischenspielen namens „Hent“ (Weg) verbunden. Ähnlich der „Promenade“ bei Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“. Diese „Field Recordings“, sprich Naturgeräusche von der Insel, laufen im ersten Teil des Konzertes im Hintergrund mit. Man vermag Wind- und Wellengeräusche, wenn auch eher abstrakt als ganz konkret, zu vernehmen. Auch Vogelstimmen. Nur: Sind das bretonische Krähen, oder sitzen die im Baum auf dem Festungsgelände? Ganz real sind die Schwalben und die Flugzeuge im Landeanflug. Alles mischt sich. Die Musik bleibt simpel, erinnert an Minimalisten wie Glass und Reich, auch an den Briten Michael Nyman. Etüden üben kommt einem in den Sinn. Tiersen ist mitunter Chopin näher als etwa den Impressionisten Satie und Debussy.

Um allzu offensichtlichen Wiederholungen zu entgehen, greift Tiersen auch mal zur Geige, gibt den Paganini ultralight, spielt kurz Melodica oder setzt sich an zwei Kinderklaviere. Das klingt dann wie Spieldosenmusik. So viel Mut zum Nonkonformismus wird belohnt. Die Fans lieben den chilligen Auftritt. Auch wenn nur ein kleines „Amélie“-Motiv ganz am Ende anklingt.

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