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Fotografie: Die neue Ausstellung der DZ-Bank-Kunstsammlung fragt, wie wir künftig mit Bildern umgehen

Von Thomas Rietschel, der ehemalige Direktor der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, hat „Vom Umgang mit der Wirklichkeit“ kuratiert.
Wie nahe gehen uns die Kriegsgräuel? Montage aus Michael Schäfers Serie „Invasive Links“, 2016.  Fotografien: DZ-Bank Wie nahe gehen uns die Kriegsgräuel? Montage aus Michael Schäfers Serie „Invasive Links“, 2016. Fotografien: DZ-Bank
Frankfurt. 

Eine Fotografie ist nicht objektiv. Nie zeigt sie die Wirklichkeit, schon weil es „die Wirklichkeit“ nicht gibt. Alles hängt ab von der Perspektive. Das ist ein mittlerweile so alter Hut, dass man ihn sich eigentlich gar nicht mehr aufziehen möchte. Und dennoch ist das Thema unverändert aktuell. Denn der naive Glaube an das, was wir sehen, ist tief verwurzelt in unserer Sozialisation. Trotz Fake-News, trotz allem Wissen um die Möglichkeiten der Bildmanipulation im digitalen Zeitalter: Wir haben ein natürliches Urvertrauen in Fotos.

Viele Szenen, ein Augenblick: Barbara Probst, „Exposure #56“. Bild-Zoom
Viele Szenen, ein Augenblick: Barbara Probst, „Exposure #56“.

Mit diesem Urvertrauen spielt die Ausstellung im Artfoyer der DZ-Bank am Platz der Republik in Frankfurt auf manchmal perfide und zugleich vergnügliche Weise. Zuallererst sollte man womöglich den abgetrennten Raum ganz hinten betreten. Bilder von Barbara Probst hängen da, die farbige Nahaufnahme einer Frauenhand, die nach einem Apfel greift, die Aufsicht aus der Vogelperspektive auf eine Frau, die auf einem Sofa sitzt, ferner eine Fotografie von nach oben und unten geschobenen Fensterlamellen, die den Blick auf eine sitzende Frau freigeben, undsoweiter. Wer genau hinschaut, merkt bald: Jedes Bild zeigt exakt die gleiche Szene – allerdings aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln. Da ist er wieder, der alte Hut: Die eine Wirklichkeit gibt es nicht. Aber welcher sollen wir dann vertrauen?

Eine Szene, viele Stories

Wer versucht, sich einen Pfad durch den zehnteiligen Bilderdschungel mit dem Titel „Exposure #56“ zu bahnen, wird die Ansätze von vielen Geschichten, aber keine generell gültige erkennen. Ein Experiment mit didaktisch weitreichenden Folgen: Wer lernt, dass die Welt je nach Standpunkt anders aussieht und wesensmäßig nicht aus einer, sondern aus vielen Wahrheiten besteht, wird gefeit sein gegen jegliche autoritäre Doktrin.

David Hockney, „Roses for Mother“ (1995): gemalt, echt, fotografiert. Bild-Zoom
David Hockney, „Roses for Mother“ (1995): gemalt, echt, fotografiert.

Dass wir den Bildern dennoch immer wieder Beweiskraft einräumen, ist die Crux dabei. Wir entkommen dieser Gefahr nur, indem wir bewusst gegensteuern. Das kann man im Artfoyer lernen. Da sind zwei riesige Kriegsbilder von Michael Schäfer, eine Neuerwerbung der DZ-Bank-Sammlung, im Vordergrund große Figuren: einmal der Fotograf selber mit Ausstellungskatalog und Knipskamera traurig inmitten einer bombenverwüsteten Gegend, zum anderen ein junger Vater mit Kleinkind vor einer Straße, in der offenbar scharf geschossen sind. Erschütternd. Aber: Der Fotograf und der Vater sind jeweils hineinmontiert in eine Szene, die einem Augenzeugen-Video aus dem Internet entstammt.

Seitlich davon hängen Fotografien der langjährigen F.A.Z.-Fotografin Barbara Klemm, die als Zeugin großer politischer Momente zeitlebens nach jenem Moment fahndete, in dem sich eine Situation charakteristisch „verdichtete“, wie sie es selber nennt. Letzteres spricht für den Glauben an die, wenn auch subjektive, Wahrheit eines Bildes. Schäfers Position hingegen steht für ein nahezu unkontrolliertes Aufbrechen der Welt unter einer digitalen Bilderflut, in der das einzelne Werk nur noch als private Aussage verstanden werden kann.

Andere große Fotografen, die mit der Fiktion des Bildes und unserem Hunger nach Geschichten spielen, sind diesen Kernwerken hinzugefügt.

Wahre Bildmontagen?

Thomas Demand etwa, der in in „Büro“ wie stets reale Fotografien mit Pappe und Papier nachbaut und dann wiederum fotografiert; George Crewdson, der mit seinen inszenierten Panoramen fantastische Geschichten andeutet, die aus zahlreichen unlösbaren Rätseln bestehen, aber auch David Hockney, der den Blumenstrauß für den Geburtstag seiner Mutter neben einem gemalten Bild dieses Blumenstraußes fotografierte, oder Ville Lenkkeri, die die Wirklichkeit eines Fotos in der unwirklichen Wirklichkeit eines Wachsfigurenkabinetts in Frage stellt.

Eine Schau, die zeigt, wie wichtig es ist, mehrfach zu schauen – auch wenn wir dann noch immer nicht wissen, was die Wahrheit ist. Aber vielleicht bringt genau dieses Wissen uns der Wahrheit am nächsten. Ein lehrreicher Spaß.

DZ-Bank Kunstsammlung

Bis 6. Januar, Artfoyer, Platz der Republik, Frankfurt. Geöffnet Di–Sa 11 bis 19, Do bis 20 Uhr. Eintritt frei. Öffentliche Führungen jeden Donnerstag um 19 Uhr. Anmeldung unter Tel.: (069) 7 44 74 20 95 oder per E-Mail: kunst@dzbank.de

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