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Ausstellung im Museum Wiesbaden: Die wundersame Vielfalt des Apfels

Von Passend zum Start der Apfelsaison widmet das Museum Wiesbaden drei hervorragenden Pomologen aus der Region eine winzig kleine, aber beglückende Kabinettausstellung.
Da liegen sie schön aufgereiht im Museum: die verschiedensten Apfelsorten, darunter auch viele fast vergessene. Foto: Bernd Fickert Da liegen sie schön aufgereiht im Museum: die verschiedensten Apfelsorten, darunter auch viele fast vergessene.
Wiesbaden. 

Der eine, Johann Ludwig Christ (1739–1819), war Pfarrer in Kronberg, der andere, August Friedrich Adrian Diel (1756–1839), war Badearzt in Diez an der Lahn. Richard Zorn aus Hofheim-Diedenbergen schließlich (1860–1945) lernte das Gärtnerhandwerk, zeigte aber, wie Wikipedia nicht sehr charmanterweise zu vermelden weiß, schon während seiner Lehre „wenig Interesse für die Gartenkultur“, umso mehr aber für Obstanbau. Diese Begeisterung für die Pomologie einte ihn mit seinen beiden Vorgängern. Lebenslang betrieben alle drei sie mit gewaltigem Enthusiasmus, praktisch und wissenschaftlich.

Fantastischer Reichtum

Ausgehend von den drei Begeisterten hat das Museum Wiesbaden eine kleine und sehr feine Schau rund um die wundersame Vielfalt des Apfels komponiert. Wundersam, weil sie den Blick öffnet für den fantastischen Reichtum der Natur: Zwar hat es sich selbst unter blutigen Apfellaien längst herumgesprochen, dass das halbe Dutzend Sorten, die gängigerweise im Supermarktregal liegen, nur eine dürre Auswahl dessen ist, was man in der freien Natur finden kann – doch dass weltweit mehr als 20 000 (!) Sorten bekannt sind, weiß dennoch kaum jemand.

Die drei Herren aus der Region des Herzogtums Nassau haben, jeder auf seine Weise, deren Klassifizierung mächtig vorangetrieben. Der Kronberger Pfarrer Christ, der übrigens auch Goethe in Weimar belieferte, betrieb nicht nur eigene Obstplantagen, von ihm stammen auch kolorierte Kupfertafeln mit beschreibendem Text. Da die Erben des Obstpfarrers nach seinem Tod alles Papier in seinem Haus an eine nahegelegene Bäckerei verkauften, die es in ihrem Backofen verfeuerte, darf es als kleine Sensation gelten, dass im Zug der Ausstellungsvorbereitungen drei originale Briefhandschriften von Christ auftauchten, von denen eine nun ausgestellt ist.

Gar mächtig aufregen konnte sich Dr. Diel, der Badearzt, wenn es um seine geliebten Äpfel ging: Dass manche Baumschulinhaber fähig seien, „einen Revalischen Birnapfel an Landstraßen abzugeben“ – so etwas erfüllte ihn mit Abscheu: „Exempla sunt odiosa!“

Solcherlei Exaltationen findet man heute in seinem (längst digitalisierten) „Systematischen Verzeichniß der vorzüglichsten in Deutschland vorhandenen Obstsorten mit Bemerkungen über Auswahl, Güte und Reifzeit für Liebhaber bei Obstanpflanzungen“. Vor allem aber ist diese Schrift eine akribische Auflistung von Obstsorten, bei der ihn ganz praktische Gütekriterien leiteten: Wofür ist das Obst nütze – soll es gegessen, zu Wein, Essig verarbeitet oder als „dürre Schnitze“ dargereicht werden?

Lebensecht modelliert

Der Diedenberger Richard Zorn schließlich, der geboren wurde, als Diel schon zwanzig Jahre tot war, hatte erhebliches künstlerisches Talent. Er stellte es ganz und gar in den Dienst der Apfelkunde, denn er beschrieb Äpfel nicht nur, sondern zeichnete sie – mit einer naturalistischen Meisterschaft, die bis heute entzückt. Die 20 Tafeln, die jetzt im Kabinettraum des Museums zu sehen sind, sind nur ein kleiner Auszug seines Werks, an dem er akribisch und lebenslang schuf. Nicht alles brachte er zu Ende, etliches revidierte er, wovon durchgestrichene Namen oder geänderte Beschreibungen zeugen, und manches zeichnete er, wie er eigens vermerkte, „kunstlos“ – das heißt ohne eigene leibhaftige Anschauung, allein nach einer Beschreibung seines Vorgängers Diel: ein phänomenales Mappenwerk von einem Mann der Tat und des liebend-präzisen Apfelblicks.

Gebaut ist die Schau rund um ein gutes Hundert lebensecht modellierter Äpfel, vom Boskoop mit seiner grauen Bereifung bis zum Kloppenheimer Streifling und vom schlichten Holzapfel bis zur Goldparmäne. Hinzu kommen Äpfel und Kerne – ja, selbst diese unterscheiden sich auf vielerlei Art! – aus der Schausammlung der auf Weinbau spezialisierten Hochschule Geisenheim: Bis in die 70er Jahre wurden sie zur landwirtschaftlichen Beratung verwendet. Wer all diese Schätze nicht nur anschauen, sondern auch schmecken möchte, der muss bei regionalen Anbietern fragen. Aus dem Kabinettraum tretend, weiß man: Es gibt viele Schätze zu entdecken!

Museum Wiesbaden

Naturhistorische Sammlungen,
Kabinettraum. Bis 28. Januar 2018.
Geöffnet Di–So 10 bis 17 Uhr,
Di/Do 10 bis 20 Uhr.
Telefon (06 11) 3 35 22 50. Internet www.museum-wiesbaden.de

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