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Porträt: Dieses Duo rettet die Belcanto-Oper

Gleichsam in letzter Minute mussten sie einspringen, um Bellinis „Norma“ am Frankfurter Opernhaus zu retten: Christof Loy und Raimund Orfeo Voigt bringen nach nur 16 Wochen das Meisterwerk auf die Bühne: Am Sonntag ist Premiere.
Helfer in der Not: Regisseur Christof Loy (links) und Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt haben Bellinis „Norma“ mit dem Team in nur 16 Wochen einstudiert. Helfer in der Not: Regisseur Christof Loy (links) und Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt haben Bellinis „Norma“ mit dem Team in nur 16 Wochen einstudiert.
Frankfurt. 

Diese „Norma“ an der Oper Frankfurt ist besonders. Nicht nur, weil Elza van den Heever ihr schweres Rollendebüt als gallische Seherin geben wird. Sondern auch, weil es in letzter Minute einen Wechsel des künstlerischen Teams gab. Und zwar einen hochkarätigen: Christof Loy und Bühnenbilder Raimund Orfeo Voigt fungieren als edle Einspringer. Ausgerechnet der Frankfurter Oper, die ihre Vorbereitungszeit üblicherweise in Jahren misst, sagte der Regie-Perfektionist Loy zu, Bellinis Krönungswerk des Belcanto in der knappen Zeit von nur vier Monaten zu realisieren.

Eigentlich war vorgesehen, eine Produktion der Osloer Nationaloper zu zeigen, die Mitte Januar in der norwegischen Hauptstadt Premiere hatte. Daraus wurde nichts. „Ohne die Gründe im Detail nennen zu wollen“, äußerte sich Intendant Bernd Loebe im April diplomatisch, „nach dem Besuch der Osloer Premiere schien uns die Disposition einer eigenen Produktion erforderlich“. Künstlerische Differenzen wird das oftmals genannt. Und mit eben diesen „künstlerischen Differenzen“ hatten auch Christof Loy und sein Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt zeitgleich bei einer anderen Inszenierung zu kämpfen: „Unsere Entscheidung, von der Planung zurückzutreten, fiel im Dezember. Und Bernd Loebe überlegte sich gerade, was macht er jetzt mit dieser ,Norma‘?“ Christof Loy erinnert sich an das Telefonat Ende Januar. Da habe ihn der Frankfurter Intendant gefragt: „Ich habe gehört, Du bist frei, wir brauchen Deine Hilfe. Hast Du die ,Norma‘ schon mal inszeniert? Und er sagte: „Nein“.

Großer Respekt

Christof Loy sitzt mit seinen unergründlichen Sphinx-Augen im siebten Stock der Oper Frankfurt am Arbeitstisch. Sein Blick fällt auf das „Norma“-Plakat. Dann verengen sich seine Augen zu schmalen Schlitzen, und er schmunzelt: „Bei zu heiligen Titeln zögere ich manchmal“. Gerade vor den gewaltigsten Opern-Giganten habe er Respekt, gerade, wenn sie einen „so direkt angucken wie das Plakat gegenüber“. Und orakelt: „Wenn wir drei Jahre Vorlaufzeit gehabt hätten, dann hätte ich wahrscheinlich gesagt: Ach, besser doch nicht.“ Denn der psychologische Deuter mit dem klaren Hang zur Perfektion tendiert dazu, sich zu viele Gedanken zu machen. Ungewöhnlich ist für Loy, der am liebsten mit ihm wohlbekannten Sängern arbeitet, dass er auch das Sänger-Team nicht kannte: „Das war mein Abenteuer. Diesmal habe ich gesagt: Ich riskier’ das jetzt einfach bei dieser Produktion.“

Schmerz bis zum Wahnsinn

Zum Inhalt der Oper: Die gallische Seherin Norma liebt heimlich den Römer Pollione und hat mit ihm zwei Kinder. Als Pollione sich in die jüngere Adalgisa verliebt, empfindet sie anfänglich

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Abenteuerlich ist vor allem die minimale Vorbereitungszeit für den Bühnenbildner. Üblicherweise beginnen 20 Monate vor der Premiere schon die Bauproben. War Raimund Orfeo Voigt in der Wahl der Materialien und in seiner Kreativität eingeschränkt? Was war in 16 Wochen bühnentechnisch überhaupt machbar? „Einiges“, versetzt der ruhige Kreative, der seine bedeutende Schauspiel- und Opernkarriere als Assistent von Erich Wonder begann. „Auch, weil sich das Frankfurter Haus sehr dafür eingesetzt hat, dass eine Neuproduktion stattfinden kann, die schnell gebaut und geplant wird, und dies in der Disposition der Werkstätten eigentlich so gar nicht vorkommt. Das war zwar knapp bis zum Schluss, aber wir sind insgesamt bestens zurechtgekommen.“ Loy ergänzt: „Wir hatten tatsächlich eine Carte Blanche. Wir haben gemacht, worauf wir Lust hatten, und tatsächlich konnte es auch genauso realisiert werden.“ Und überhaupt: Wie Bernd Loebe zusammen mit dem Technischen Direktor Olaf Winter und dem Chefkonstrukteur Robert Varga aktiv geworden sei, „das war schon großartig“. Beide nicken anerkennend.

Immerhin, das ursprünglich angedachte Sängerteam ist geblieben. Von Gaëlle Arquez als Adalgisa, Stefano La Colla in der Rolle des Prokonsuls Pollione und vor allem von der Sopranistin Elza van den Heever als Norma zeigt sich das kreative Doppel beeindruckt. „Elza hat für mich ideal geprobt, so, wie ich es am meisten liebe“, berichtet Loy. Sie habe in den ersten zweieinhalb Wochen auf der Probebühne, „immer mindestens 100 Prozent gegeben“, habe immer mit voller Intensität gesungen und sich vollkommen rückhaltlos in ihre Rolle geworfen. „Deshalb wusste ich auch genau, wie ich zu reagieren habe, wie ich sie lenken kann, und habe sie dadurch als ganze Künstlerin begriffen.“

Römische Besatzer

Viel will Loy von der Interpretation nicht verraten. Nur, dass er seinem Konzept „der kargen optisch-ästhetischen Information“ treu geblieben ist. Bei seiner Sicht auf „Norma“ geht es nicht um den historisch angedachten Druidenhain des Librettos von Felice Romani und um den zeitlich klar benannten Gallier-Aufstand unter der römischen Okkupation. Denn da denke man in der Fantasie immer schnell an Asterix, lässt Loy verschmitzt verlauten.

Vielmehr gehe es um Widerstandskämpfer und Partisanentum allgemein. Und vor allem um „das extreme Ausloten der Emotionen der drei Hauptfiguren, die erstmal überhaupt nicht zu kontrollieren sind“. Norma, die ein Doppelleben führt – einmal als Identifikationsfigur einer Rebellengruppe und gleichzeitig ein heimliches Eheleben mit dem Besatzer Pollione und den gemeinsamen Kindern –, reise „durch den Wahnsinn“, nachdem sie die Affäre ihres Mannes mit Adalgisa entdeckt habe, so Loy. „Das gibt hier sicher eine der raubtierhaftesten Normas, die man je gesehen hat. Sie ist eher eine Kreatur als ein Mensch. Elza hat durchblitzen lassen, dass sie dafür bereit ist“, verrät der Regisseur. Dadurch habe sie eine Norma geschaffen, die sehr viel mit ihrer eigenen Persönlichkeit zu tun habe, glaubt Loy.

Und für dieses extreme Wesen hat Raimund Orfeo Voigt einen seiner weiten, klaren Räume geschaffen. Eine Welt, die das Betrachten und das Beobachten der Bühnensituation ohne eine Fülle zusätzlicher Informationen ermöglicht. Das Betrachten des Raubtiers Norma.

Oper Frankfurt

Premiere 10. Juni, 18 Uhr.
Weitere Vorstellungen bis 27. Juni.
Karten von 19 bis 165 Euro
unter Telefon (069) 21 24 94 94.
Internet www.oper-frankfurt.de

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