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Politrevue: "Dreigroschenoper" feiert am Staatstheater Darmstadt Premiere

In der Inszenierung von Philip Tiedemann spielt Martin Bruchmann den Mackie Messer, der die Gründung einer Bank für bedenklicher hält als den Einbruch.
Mackie Messer (Martin Bruchmann) hat was mit Polly Peachum (Louisa von Spies), und das nicht zu knapp. Mackie Messer (Martin Bruchmann) hat was mit Polly Peachum (Louisa von Spies), und das nicht zu knapp.
Darmstadt. 

Grundelemente seiner Neuinszenierung der „Dreigroschenoper“ in Darmstadt erarbeitete der Regisseur Philip Tiedemann bereits in Chemnitz (2011) und Leipzig (2013). Über die Bühne verteilt stehen mannsgroße Buchstaben, die das Wort „Dreigroschenoper“ bilden. Die Lettern sind beweglich und ergeben später die Kulisse. Im hinteren Teil der Bühne formieren sich Mitglieder des Staatsorchesters mit ihren opernuntypischen Instrumenten zu einer Bigband. Am Proszenium prangt der Name Brecht, darunter schnarren drei Lautsprecher, die auch aus einem Umerziehungslager stammen könnten.

Profis der Bettelei

Aus dem abgedeckten Orchestergraben kommen die Schauspieler gekrochen, schwächliche Gestalten, mit weichen, unsicheren, zombiehaften Bewegungen. Alle stecken in Nackt-Kostümen, alle sind gleich in ihren grundlegenden Bedürfnissen und Schwächen. Gesellschaftliche Hierarchie und Körperspannung entsteht durch das Anlegen vorgefundener Kleidung. Kleider machen Leute. Zum Beispiel den mafiösen Geschäftsmann Peachum, der Herr über die straff organisierten Bettlerbanden Londons ist. Oder sein Gegenspieler Mackie, der darüber philosophiert, ob es unanständiger sei, eine Bank zu gründen als eine Bank auszurauben. Die 1928 uraufgeführte „Dreigroschenoper“ mit ihrer unwiderstehlichen Musik von Kurt Weill und den bissigen Texten von Bert Brecht ist längst ein moderner Klassiker und somit, Ironie der Geschichte, in ihrer politischen Agitation in etwa so abgenutzt und wirkungsmächtig wie eine brave Sonntagspredigt über die biblische Lehre „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr. . .“.

Duell der Zicken

So ist die Inszenierung über weite Strecken ein handwerklich gut gemachter, harmloser Spaß. Der Messerstecher Mackie (Martin Bruchmann) wie auch der korrupte Polizeichef Brown (Béla Milan Uhrlau) werden zu jämmerlichen Schwächlingen verharmlost, die dem zynischen Bettlerkönig Peachum (Hubert Schlemmer) und auch den starken Frauenrollen nicht viel entgegenzusetzen haben. Eindringlich und ohne aufgesetzten Slapstick geriet die Ballade der „Seeräuber-Jenny“ (Anna Böger). Wenn sie singt „Meine Herren, heute seh’n Sie mich Gläser abwaschen, und ich mache das Bett für jeden“, kann es einen schon frösteln, was freilich auch in der kaltblütigen Mordlüsternheit jener „Rache-Arie“ begründet liegt. Gleiches gilt für die bedrückende Einforderung „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ der Geknechteten.

Aus dem spartanischen Buchstabensalat der Bühnenausstattung wurden reizvolle Bilder gestaltet, etwa das als Mond über Soho aufgehende „O“. Ein unvergesslicher Anblick auch, für welche Akrobatik das „C“ Verwendung findet. Am Ende rettet nicht etwa der wundertätige ukrainische Geheimdienst Mackie vor dem sicheren Tod, sondern es schwebt nach dem Vorbild der Barockoper der reitende Bote des Königs ein.

Die „Dreigroschenoper“, zurückgehend auf „The Beggar’s Opera“ (1728), ist in ihrer Rezeptionsgeschichte eher Revue oder Theater mit Musik und so entstammen auch in Darmstadt die Sänger-Schauspieler weitgehend der Theatersparte des Hauses. Dementsprechend sind hier keine ausgebildeten Opernstimmen zu hören, was trotz unterschiedlicher Gesangsqualitäten dem Gesamteindruck keineswegs schadet. Bei der elektronischen Unterstützung der Singstimmen gab es kleinere technische Pannen. Das ungewohnt vom Bühnenende her spielende Orchester unter der Leitung von Michael Nündel legte ein vortreffliches und reaktionsschnelles Fundament, das den Sängern eine sichere Begleitung bietet und ihnen auch rhythmische Normabweichungen gestattet. Hubert Schlemmer gestaltet seinen abgeklärten Peachum in durchaus idealer Weise, vom zynischen Morgenchoral bis zum Schlussbild. Ihm zur Seite Katharina Abt, die als Frau Peachum ebenso starke Szenen hat. Louisa von Spies gestaltet die Rolle der Polly Peachum als aufmüpfige Tochter und Gangsterbraut angemessen vielschichtig, gipfelnd im witzigen Zickenduell-Duett mit Yana Robin la Baume (Lucy). Von der Regie weniger überzeugend angelegt ist die zentrale Rolle des Mackie Messer, der sich zum Ende hin sogar noch die Clowns-Fratze des Jokers (aus dem Kinofilm „Batman“) ins Gesicht pinselt, ein mittlerweile schon inflationär verwendetes Filmzitat. Der Sprecher aus dem Off ist Hans-Joachim Heist, der mit seinen Schmipfreden als „Hassknecht“ einige Bekanntheit erlangte. Das Premierenpublikum nahm die Inszenierung mit freundlichem bis begeistertem Applaus auf.

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