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Schriftsteller, Philosoph und Aussteiger Henry David Thoreau: Du musst dein Leben ändern!

Von Seine Bücher sind eine Provokation – bis heute. In seinem Kultbuch „Walden“ beschreibt Thoreau, wie er sich zurückzieht in die Einsamkeit der Natur.
Das ist der Blick, den schon Thoreau selbst auf den Waldensee hatte: „Ich stand sehr früh auf und badete im See. Das war eine religiöse Übung.“ Foto: Elise Amendola (AP) Das ist der Blick, den schon Thoreau selbst auf den Waldensee hatte: „Ich stand sehr früh auf und badete im See. Das war eine religiöse Übung.“

Haben Sie auch die Nase voll? Überall Vorschriften, Bürokratie, Rücksichten. Ihr ganzes Leben ist reglementiert, Verpflichtung, Zwang. Sie gehen arbeiten, um das Smartphone zu bezahlen, das Netflix-Abo, die Windeln, die Miete, die Kfz-Steuer, die Krankenkasse, den Urlaub, die Kleider für die Geschäftstermine und das Designer-Sofa fürs Wohnzimmer: Eigentlich kommt Ihnen das alles sinnlos vor. Sie fühlen sich gehetzt, ausgebrannt, erschöpft, resigniert. Als Sie jung waren, haben Sie von der großen Freiheit geträumt. Jetzt merken Sie: Sie leben in einem Käfig. Und kommen nicht raus. Sie wissen: Sie müssten Ihr Leben ändern. Denn so, wie es ist, kann es nicht bleiben. Sie sind nicht glücklich. Aber wie fängt man das an?

Zurück zum Einfachen

Manche machen eine Therapie. Andere gehen zum Yoga, leisten sich einen Coach, gehen ins Fitness-Studio, meditieren im Kloster oder flüchten sich in die Ratgeber-Literatur: „Simplify your Life“, „Sorge dich nicht – Lebe!“, „Einen Scheiß muss ich“. Sie könnten natürlich Philosophie studieren oder asiatische Weisheitslehren . . .

Sie können aber auch einfach Henry David Thoreau lesen: „Walden“ (dtv, 9,90 Euro). Heute vor 200 Jahren, am 12. Juli 1817, wurde er in Concord, US-Bundesstaat Massachusetts, geboren. Nie gehört? Macht nichts. Jetzt ist es soweit.

„Morgen kann alles falsch sein“ – ...

„Was heute alle Welt als wahr anpreist oder stillschweigend dafür gelten lässt, kann morgen falsch sein, sich in Rauch auflösen.“

clearing

Die wichtigsten Daten können Sie bei Wikipedia finden: Thoreau wurde geboren, studierte in Harvard, arbeitete als Lehrer, gründete aus Protest gegen die Prügelstrafe eine Privatschule, lebte zwei Jahre im Wald und starb 1862, mit nur 44 Jahren, an Lungentuberkulose.

Vor seinem Selbstexperiment arbeitete er als Lehrer. Bild-Zoom Foto: (Newscom)
Vor seinem Selbstexperiment arbeitete er als Lehrer.

Das können Sie aber gleich wieder vergessen. Belasten Sie sich nicht mit Überflüssigem. Wichtig ist sein Aufenthalt am Waldensee, denn darüber schrieb er sein berühmtestes Buch: „Walden“. Dass er Gandhi beeinflusste, Tolstoi, Martin Luther King, die 68er und die Hippies, die Öko-Bewegung und die Globalisierungsgegner? Auch das ist nicht wichtig. Denn schließlich wollen Sie Ihr Leben ändern. Oder doch nicht? Thoreau tat es. Er hatte die Nase voll vom „stählernen Gehäuse“ (Max Weber) der Zivilisation. 1845 zog er in den Wald und baute sich eine Blockhütte am See. Bretter, Nägel, Schrauben, Türangeln usw. kosteten ihn rund 28 Dollar. Dazu kamen noch einmal 8,71 Dollar für Werkzeug und Saatgut. Das war sein Startkapital. Zwei Jahre lebte und arbeitete er dort – ein Selbstexperiment auf Zeit.

Jeden Morgen ein Bad

„Jeder Morgen war eine freundliche Einladung, mein Leben so einfach, ja ich möchte sagen, so unschuldig wie die Natur selbst zu gestalten. Ich stand sehr früh auf und badete im See. Das war eine religiöse Übung und eine meiner besten Handlungen“, schreibt Thoreau. Glauben Sie jetzt bloß nicht, dieses Leben sei die reine Poesie des schönen Müßiggangs gewesen. Das will Thoreau seinen Lesern gar nicht erst weismachen. Es ist auch Maloche und schmerzende Knochen. Nur im Schlaraffenland wachsen dem Menschen die Früchte in den Mund. Aber der Wald ist kein Schlaraffenland. Also, was sucht Thoreau dort eigentlich, wenn er doch gar kein Paradies erwartet?

Die Blockhütte, in der er wohnte, zimmerte Thoreau sich selbst. Das Material kostete nur ungefähr 28 Dollar. Bild-Zoom Foto: Frank C. Curtin (AP Images)
Die Blockhütte, in der er wohnte, zimmerte Thoreau sich selbst. Das Material kostete nur ungefähr 28 Dollar.

„Ich bin in den Wald gegangen, weil mir daran lag, bewusst zu leben, es nur mit den wesentlichen Tatsachen des Daseins zu tun zu haben. Ich wollte sehen, ob ich nicht lernen könnte, was es zu lernen gibt, um nicht, wenn es ans Sterben ging, die Entdeckung machen zu müssen, nicht gelebt zu haben. Ich wollte kein Leben führen, das eigentlich kein Leben ist, dazu war es mir zu kostbar. Ich wollte intensiv leben, dem Leben alles Mark aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles die Flucht ergreifen würde, was nicht Leben war“, notiert der Aussteiger. „Einfachheit, Einfachheit, Einfachheit!“, ruft er uns zu. Verzetteln Sie Ihr Leben nicht mit Kleinigkeiten und Nichtswürdigkeiten: „Die Beschaffenheit des Tages zu beeinflussen, das ist die größte Kunst. Jeder Mensch hat die Aufgabe, sein Leben auch in allen Einzelheiten so zu gestalten, dass es seiner Betrachtung in der erhabensten und entscheidendsten Stunde standhalten kann.“ Dann nämlich, wenn das letzte Stündlein schlägt.

Keine Steuern mehr

Und so überprüft Thoreau alles, ganz praktisch – von der Kleidung bis zum Kamin. Was brauche ich? Was muss ich wissen? Was will ich wirklich? Und was wird mir eingeflüstert, das ich wollen soll? Übersetzen wir es in die Gegenwart: Muss ich alles von Apple haben? Brauche ich einen SUV? Muss ich diese Schuhmarke tragen? Warum unterhalte ich mich mit diesem Menschen überhaupt? Was bringt es mir, wenn ich weiß, was irgendwer gerade twittert? Warum soll ich da mitmachen? Und muss ich wirklich einmal im Leben auf den Seychellen gewesen sein? Sie merken schon: Thoreau macht es Ihnen nicht leicht. Er verlangt, dass Sie sich selbst befragen. Und zwar ehrlich und gründlich. Er verlangt, dass Sie eine andere Perspektive einnehmen: auf sich selbst und darauf, wie Sie sich eingerichtet haben im Leben. Und auch, wie andere Ihr Leben zu dem gemacht haben, was es ist: Ihr Partner, Ihre Familie, Ihre Freunde, der Staat, die Tradition, die Politik, die Moden und Ideologien. Thoreau verlangt von Ihnen, sich frei zu machen. Oder zu bekennen. Jedenfalls sich zu entscheiden: „Wir wollen einmal mit uns selbst ins Reine kommen und uns den Weg bahnen durch den Schlamm der Anschauungen, Vorurteile und Traditionen, der Täuschung und des Scheins, durch die Ablagerungen, die den Erdball überziehen; durch Paris und London, durch New York, Boston und Concord; durch Kirche und Staat, durch Dichtung, Philosophie und Religion, bis wir auf den harten, felsigen Grund stoßen, den wir Wirklichkeit nennen können“, schreibt Thoreau.

Sie ahnen: Da steckt auch viel anarchisches Potenzial drin, eine Skepsis, die gefährlich werden und eine Gesellschaft verunsichern, vielleicht sogar aus den Angeln heben kann. Tatsächlich schrieb Thoreau einen Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat“. Er weigerte sich später, Steuern zu bezahlen: „Ich finde, wir sollten erst Menschen sein, und danach Untertanen. Man sollte nicht Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit“.

In „Walden“ freilich geht es weniger um den Untertan als um den Menschen. Um die Fragen, die man sich stellen kann, auch wenn man nicht in den Wald zieht und jeden Morgen im See badet. Wenn man aber dennoch das Gefühl hat, beengt zu sein, wie in einem Käfig zu leben. Wenn man ausgebrannt ist und erschöpft. Und weiß: Du musst dein Leben ändern.

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