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Kontert: Dunja Rajter: Nicht nur Schlager und Herzschmerz im Repertoire

Von Die 72 jahre alte Sängerin werkelt derzeit an ihrer Spätkarriere und trat jetzt mit dem „Otti Bauer Orchester“ auf die Bühne der Burgfestspiele.
Dunja Rajter. Foto: Daniel Reinhardt (dpa) Dunja Rajter.

Selbst dem Teufel gewährt die Sprache einen Anwalt: den Advocatus diaboli. Also darf ausnahmsweise auch der Schlager einen Hauch von Nachsicht reklamieren, mit Dunja Rajter als Probe aufs Exempel. 1964 kam sie aus Kroatien und lebt seither in Deutschland. Mit 72 hat sie kürzlich ihre Autobiografie vorgelegt und werkelt an einer Spätkarriere, was ihr in der Burgruine (rund 900 Sitze) immerhin halbvolle Reihen einbrachte.

Klar ist das begleitende „Otti Bauer Orchester“ eine pure Schlager-Kombo, die auf ihrem Feld aber doch einen Namen hat, da sie seit Jahrzehnten in populär-gewöhnungsbedürftigen TV-Formaten wie den „Lustigen Musikanten“ auftritt. Auch schlechte Musik will ja gut gemacht sein. Ottis Mannen an Gitarre, Bassgitarre, Drums und Keys lieferten das, nachdem der schleppende Anfang mit wackligen Anschlüssen bewältigt war. Den besten Eindruck machten Kim Bauer (Geige) und die zweite Sängerin Kerstin Schneider. Dazu noch ein Backgroundchor.

Mit Niveau

Schlager also – aber wirklich von A bis Z? Zugegeben, man könnte es merkwürdig finden, wenn ein Schlagersternchen so überraschende Titel einstreut wie „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“, Leonard Cohens „Halleluiah“ oder „Donna, Donna“. „Donna“ kennt man sonst vom Folksänger Donovan, der ein altes jüdisches Volkslied aufgriff, und den Sklavensong „Motherless Child“ haben Leute, die richtige Musik mögen, vom legendären Auftritt Richie Havens’ in Woodstock im Ohr. Man könnte einwenden, die Einbettung solch hochrespektabler Lieder zwischen Rajter-Schlagern von „Nur nicht aus Liebe weinen“ bis „Was ist schon dabei“ tue ihnen Gewalt an.

Könnte man. Muss man aber nicht. Ist Rajters Auswahl mehr als ein lächerlicher Akt der Anmaßung? Mit 72, und ihrer Autobiografie im Rücken, mögen sich ernstere Rückblicke aufdrängen. Selbst einer Vertreterin des bisweilen heiklen Genres „deutscher Schlager“. Das Prinzip Rückblick strukturierte denn auch das Konzert. Niemand wird ja als Schlagersänger geboren. Rajter sang als Schulmädchen im Kinderchor ihres Vaters in Zagreb, studierte da um 1960 Schauspiel und trat auf der Bühne auf. Weil sie am besten singen konnte und Bert Brecht en vogue war, sang sie etwa die Seeräuber-Jenny aus Brecht/Weills „Dreigroschenoper“, deren Lied sie nun, in Dreieichenhain, mitsamt dem Mackie-Messer-Song zum Besten gab.

Auf Schauspielbrettern

Ein Blick auf ihr weiteres Leben lehrt, dass der legendäre Konzertveranstalter Horst Lippmann sie im jugoslawischen Fernsehen sah und für die Musik entdeckte. Ersten Ruhm hatte sie von 1964 an als Schauspielerin in der Halb- und Viertelkunst von „Winnetou“ bis „Traumschiff“ eingeheimst. 1966 agierte sie, noch so ein künstlerischer Ausreißer, in Peter Lilienthals „Der Beginn“ (Grimmepreis 1967). Noch bevor sie in den 1970ern mit Liedern zwischen Schlager und Chanson reüssierte, wechselte sie mit Alben voller Balkan-Folklore über den sympathischen Nichtsnutz Joschi, die jetzt ihren Burgruinen-Auftritt mitprägten, zur Musik über. Der Ungeschmack der Zeit auf Fernseh- und Hitparaden-Bühnen verlangte Schlager von ihr, was sie etwa auch in den 1980ern nicht hindern sollte, neben Georg Danzer, Klaus Hoffmann und Konstantin Wecker auf den Bühnen zu stehen.

Ein sympathisches Lachen hat sie und weiß selbst, wie ihre Ansagen verraten, genau um die Grenzen des Genres, das sich eher sie suchte als umgekehrt. Kurios plakativ auch, wie sie die sieben Kriegsjahre, die der serbische Kriegshetzer Slobodan Miloševic dem Balkan aufzwang, bevor Amerika endlich aushalf, mit dem „Sieben Brücken“-Schlager garnierte und noch Gloria Gaynors Discohit „I Will Survive“ nachschob. Israels Volkslied „Hava Nagila“ besiegelte die Zugaben und Rajters Erinnerung an die 2017 verstorbene Freundin Daliah Lavi.

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