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Poetikdozentur: Durchschossen wie ein Käse-Igel

Von Michael Kleeberg hielt im Literaturhaus Frankfurt seine Schlusslesung als Poetikdozent. Ist die Erregung über seine Ideen zu Islam und Auschwitz eskaliert?
Michael Kleebergs Thesen füllten zu einem guten Teil die Schlussvorlesung seiner Poetikdozentur. Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild) Michael Kleebergs Thesen füllten zu einem guten Teil die Schlussvorlesung seiner Poetikdozentur.

„Besserem Verständnis“ hatte der Autor seinen Werkstattbericht an der Goethe-Universität betitelt. Ob seine flugs ausgeweitete Abschlusslesung mit Gespräch im Literaturhaus besserem Verständnis zugutekam, darf indes bezweifelt werden. Bevor die Islamwissenschaftlerin Armina Omerika und der Literaturwissenschaftler Heinz Drügh ernstlich an die Kontroverse anknüpften, die Kleeberg mit verfänglichen Äußerungen ausgelöst hatte, nahm sich die Veranstaltung eine Stunde lang aus, als stünde ein Elefant im Zimmer, den alle ignorierten. Ein überhitzter Saal erwartete klärende Worte, die aber blieben aus. Kleeberg verlas stattdessen brav Romanausschnitte aus „Vaterjahre“ und „Das amerikanische Hospital“, ohne dämonische Funken zu sprühen.

In der dritten Vorlesung hatte Kleeberg umrissen, wie er seinen unfertigen Roman über das geistige Ankommen des Islams im Westen literarisch angeht. Ins Schreiben spielten auch Aktualitäten hinein. Darum habe er von sich, dem Künstler, methodisch den Staatsbürger mit privaten Meinungen abgespalten, der sich im Auf und Ab der Tagespolitik von der Flüchtlingsmigration und einem vermeintlich gewaltbereiten Islam bedroht wähne, etwa durch Auflösung im „Multikulti“. Auschwitz, so legte Kleeberg dar und bruchlandete damit endgültig in der Mutter aller Fettnäpfe, habe unter den Deutschen eine ambivalente Wunsch-Angst vor solcher Wir-Auflösung begünstigt. Seine Äußerung vom „Nazi-Gen“ wurde als biologistisch missverstanden.

Neu am Skandal, den das auslöste, ist, dass Poetikdozenten fortan vor der Wahl stehen könnten, kontroverse Gehalte ihrer Werke auszusparen oder Leuten folgenreich auf die Füße zu treten. Neu ist ferner, dass Susanne Komfort-Hein von der Poetikdozentur eine distanzierende Stellungnahme zur „politisch sehr problematischen Rhetorik“ Kleebergs in die Vorlesung einschob: ein ungeheuerlicher Vorgang. Dürfen Dichter demnach nicht „problematisch“ sein?

Nun kennt der vielreisende Kleeberg den Nahen und Mittleren Osten. Seinen Meinungen über nahöstliche Dinge oder arabische Mentalität könnte man versucht sein, mehr Relevanz und Realismus beizumessen als privaten Meinungen ohne eigene Erfahrungsgrundlage. Gewisse Streitfragen aber scheinen so vermint und von widerstreitenden Claims durchschossen wie ein Käse-Igel. Dass Kleeberg es fertigbrachte, Schutzreflexe „pro Muslime“ und „pro singuläres Auschwitz“ zugleich auszulösen, spricht vielleicht für Ausgewogenheit.

Fragen zum Skandal

Interessant wurde es, als Omerika die drei Religionen gemeinsame Mittelmeerkultur und das große Mittelmeer-Buch Fernand Braudels ins Spiel brachte. Damit war indirekt von Mentalitäten die Rede, einem Konzept, das in unseren diskursiven Zeiten denkpolizeilich verdächtig ist, das die Islamforscherin aber nützlich zu finden scheint.

Drügh feuerte endlich Fragen zum Skandal ab. Kleeberg skizzierte daraufhin seine „Denkbewegung“, wog historische Vertreibungen ab und berief sich darauf, dem Thema sei beim Schreiben kaum zu entkommen gewesen, schon weil eine „überbordende Willkommenskultur“ zum „gefundenen Fressen für die Feinde der Demokratie“ werden könnte. Im Roman transzendiere er die Meinungsebene aber gerade. „Ein Roman baut sich nie auf Hass auf, oder er wäre ein unsägliches Werk.“

Omerika hob noch darauf ab, ein deutsches Selbstverständnis jenseits der „gesellschaftlichen Homogenität“ habe sich nur spät und langsam entwickelt, so dass erbrachte „Integrationsleistungen“ unbelohnt blieben. Woher komme die deutsche „Angst“ vor Heterogenität? Kleeberg erinnerte sich hierzu, wie schwer es noch Italiener und Jugoslawen damit hatten. Omerika beschloss den Abend mit dem Wunsch nach „neuen Formen von Wir-Gefühl, von Inklusivität“.

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