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In Frankreich sind die großen Romane des 19. Jahrhunderts entstanden: Ehebruch und Börsenkrach

Von Das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse im Oktober ist Frankreich. Aus diesem Anlass bringen wir vorab eine Serie über die „Grande Nation“, die neben Weltpolitik und Weltwirtschaft auch eine lange, äußerst reiche Kulturgeschichte besitzt. Die heutige Serienfolge 2 heißt: „Frankreich – Land der Literatur“.
Isabelle Huppert in "Madame Bovary" Isabelle Huppert in "Madame Bovary"
Frankfurt. 

Im Herbst 1856 wehte ein schwüler Skandal durchs literarische Paris. Gustave Flaubert, dieser junge Schriftsteller, der in den Salons gebildeter Damen Feinsinn entfachte, hatte einen Roman über eine Ehebrecherin verfasst. Und das war noch nicht alles. In diesem Roman, „Madame Bovary“, ließ der Autor die Ehefrau eines Landarztes mit ihrem Geliebten in einer Kutsche am hellichten Tag durch die Stadt Rouen holpern. Ewig lang – bei geschlossenen Vorhängen.

Balzac verfasste die Romanreihe „Die menschliche Komödie“. Bild-Zoom Foto: Röhnert (dpa)
Balzac verfasste die Romanreihe „Die menschliche Komödie“.

Mit keinem Wort erwähnt der Schriftsteller in seinem Buch, was in dieser Kutsche zwischen den Liebenden passiert. Aber jeder französische Leser konnte es sich denken. Die Fantasie waltete von selbst. Und dann wurde sie entfesselt, erfasste die Rechtspfleger in Frankreichs Hauptstadt und rief den Sittenverstoß aus. Ganz Paris glühte und eiferte nun. Muss Flaubert vor Gericht? Droht ihm anhaltend Zensur? Der Schriftsteller windet sich. Als erstes versucht er es mit Selbstbezichtigung: „Madame Bovary, das bin ich“, sagt er und hofft, sein persönlicher Einfluss möge über die Empörung triumphieren. Als zweites setzt der Autor mit Fremdbezichtigung nach: Wer auch immer bei den geschlossenen Vorhängen an liederliches Treiben dahinter denke, sei der Lüsternheit überführt. Es folgt der Freispruch. Flauberts Verteidiger hatte argumentiert, Emma Bovarys Lasterhaftigkeit ende ja doch abschreckend im Selbstmord.

Drei Musketiere

Der Skandal um „Madame Bovary“ ist nicht nur eine Anekdote, die aus heutiger Sicht lächerlich scheinen mag. Der Skandal bekräftigt vor allem, welche Stimmung ein Roman, der nichts anderes anstrebt als Wirklichkeitsbeschreibung, erzeugen kann. Es war ja keine künstlerische Vulgarität, die so fürchterlich aufregte. Der Chirurgensohn Flaubert hatte nichts enthüllt, nur alles angedeutet, frei nach den Erlebnissen eines Arzt-Ehepaars aus seinem Bekanntenkreis. Es war die reine Wahrheit, die entsetzte. Und eben solche Wahrheitsschilderungen sollten bald für die gesamte französische Literatur des 19. Jahrhunderts stehen. Es war die Zeit, in der Romane über ganze Familien, Gesellschaften und Zeitalter entstanden, ausgedacht von Frankreichs Schriftstellern, die so als Granden ihrer Gattung bis heute auf die Literatur nachwirken. Vier große Namen stehen neben dem von Flaubert. Zunächst Alexandre Dumas, dessen Mantel-und-Degen-Epos „Die drei Musketiere“ als erster Fortsetzungsroman der Zeitungsgeschichte erschien – denn seinerzeit entwickelte sich auch das „Feuilleton“, als schöngeistiges „Blättchen“ neben den Ressorts für Politik und Wirtschaft.

Gina Lollobrigida (Esmeralda) und Anthony Quinn als buckliger Glöckner von Notre Dame in der Verfilmung des Romans von Victor Hugo (1956). Bild-Zoom Foto: 90061 (kpa)
Gina Lollobrigida (Esmeralda) und Anthony Quinn als buckliger Glöckner von Notre Dame in der Verfilmung des Romans von Victor Hugo (1956).

Der bedeutendste Romancier seiner Zeit aber war Honoré de Balzac. Insgesamt 88 Romane umfasst allein seine Jahrhundertreihe „Die menschliche Komödie“. Unvergleichliche Charakterbilder und Landschaftsschilderungen hat der Autor darin geschaffen, grandiose Schicksale zu einem Welttheater zusammengefügt, zu einem bitteren Lustspiel, inszeniert vom Allmächtigen, der die himmlische Regie führt. Die Koffeinsucht, die Balzac beim Abfassen der Bücher entwickelte, war sogar der Anlass für zwei Hamburgerinnen, ihre 1998 gegründete Kaffeebar-Kette, die auch in Frankfurt Niederlassungen hat, „Balzac Coffee“ zu nennen.

Autor Michel Houellebecq kommt zur Frankfurter Buchmesse. Bild-Zoom Foto: Andreu Dalmau (EFE / EPA FILE)
Autor Michel Houellebecq kommt zur Frankfurter Buchmesse.

Fast jeder von Balzacs Romantiteln wurde zum geflügelten Wort: „Verlorene Illusionen“, „Die Lilie im Tal“, „Die verlassene Frau“, „Der Landarzt“, „Die Bauern“, „Die Geächteten“. Das gilt auch für die Werke seines Bewunderers Emile Zola. Dessen 20-teilige Romanserie über mehrere Generationen der Familie Rougon umfasst „Die Bestie im Menschen“, „Der Bauch von Paris“ und „Das Geld“. Letzteres ist ein Meisterwerk, das jeden Frankfurter Börsianer faszinieren muss. Beschreibt es doch, wie schon vor rund 200 Jahren die Aktienspekulation zu Glanz und Glorie führte, aber auch Werte und Existenzen vernichtete. Die Begriffe „Hausse“ (Höhe) und „Baisse“ (Tiefe) entstammen nicht von ungefähr der französischen Sprache.

Abstieg des Adels

Der heftigste Sozialkritiker unter den Gesellschaftsromanautoren aber war Victor Hugo. Er dachte an die Armen, Kranken und Entrechteten im Schatten der wohlhabenden Adeligen und Bürger und bedichtete ihr Dasein in „Die Elenden“ sowie in „Der Glöckner von Notre-Dame“.

Christophe Braouet ist Bankdirektor bei der Helaba und kam 1997 nach Frankfurt.
„Emmanuel Macron stärkt die Würde des Amtes“

Christophe Braouet ist Präsident der Deutsch-Französischen Gesellschaft Frankfurt, die ihren Sitz in Königstein hat und die Beziehungen zwischen den beiden Ländern verbessern möchte.

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Derart umfassend, wie all diese Romane das 19. Jahrhundert mit seinem Drang nach Macht und Besitz erfassen, den Abstieg des Adels und den Aufstieg des Bürgertums beschreiben, waren sie Vorläufer der heutigen Fernsehserien. In einer Zeit ohne Radio und TV diente das Romanlesen neben dem Geschichtenerzählen der häuslichen Unterhaltung. Gerade die Brisanz und unmittelbare Alltagsbezogenheit einer Literatur, die sich nicht auf die beständigen Grundthemen Leben, Liebe, Tod zurückzog, ist unerreicht geblieben. Welcher Schriftsteller würde dies heute bieten? In Frankreich allenfalls noch Michel Houellebecq, mit Büchern wie „Elementarteilchen“, einem Abriss der Einsamkeiten und seelischen Störungen heutiger Individuen, gepaart mit der Wohlstandsgier nach Sex und Konsum. Im Roman „Unterwerfung“ skizziert der Pariser Autor zudem eine westliche Gesellschaft, die vor dem Islam zurückweicht – geradezu eine politische Prophetie. Sein jüngerer Kollege Olivier Adam immerhin beschreibt die Lebensverhältnisse in den arabisierten Vorstädten Frankreichs („Keine Sorge, mir geht’s gut“).

Und in Deutschland? Die verstorbenen großen Nachkriegsliteraten Heinrich Böll, Siegfried Lenz und Günter Grass waren der Vergangenheit verhaftet. Nun gibt es noch Martin Walser, der mehr den Ich-Roman pflegt, oder Dieter Wellershoff („Der Sieger nimmt alles“). Und sonst? Helmut Krausser? Christian Kracht?

Fegefeuer der Eitelkeiten

Schon muss man wieder nach Amerika schauen, will man den Balzac der Gegenwart finden. Der bereits verstorbene John Updike kam ihm mit seiner Romanreihe um den Autoverkäufer Harry Angstrom („Bessere Verhältnisse“) mit am nächsten. Auch die New Yorker Schriftsteller Tom Wolfe („Fegefeuer der Eitelkeiten“) und Bret Easton Ellis („American Psycho“) haben ein ähnliches Format. Frankreich wartet unterdessen wie Deutschland auf einen neuen, hellsichtigen Chronisten unserer Zeit. Vielleicht findet er sich auf der Buchmesse. Unscheinbar an einem Verlagsstand sitzend und bei einem Glas Rotwein darauf wartend, entdeckt zu werden.

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