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Frankfurter Buchmesse: Ehrengast-Pavillon: Strandgut im Backsteinboden

Was wäre die Buchmesse ohne den Ehrengast-Pavillon? Flandern und Holland laden im Forum in eine Sehnsuchtswelt mit vielen Attraktionen ein.
Wie am endlosen Strand der holländisch-flämischen Küste fühlt sich der Besucher des Gastland-Pavillons. Bilder > Wie am endlosen Strand der holländisch-flämischen Küste fühlt sich der Besucher des Gastland-Pavillons.
Frankfurt. 

Wow, dieser Pavillon ist wirklich gelungen. Der Raum ist nur wenig beleuchtet, das Licht wirkt im Grund wie draußen der Frankfurter Wolkenhimmel: fahl und neblig. Der Besucher muss an dicken Stellwänden aus geschichtetem Plexiglas vorbei und blickt sodann auf eine schier endlose Meereslandschaft. Diese verläuft an der Längs- und Querwand: Sandstrand, Meer und weiter Himmel sind auf einen Vorhang projiziert, der sich leicht bewegt, so dass das Bild verschwimmt. Hinter dem Vorhang schimmert ein langes Bücherregal hindurch. 770 Bücher aus und über Flandern und die Niederlande, vom Sachbuch über die Graphic Novel bis zum Kunstband, sind dort zu finden.

Auf der weiten Bodenfläche aus Backsteinen stehen einzelne Stühle, gar Liegestühle, und in Erhebungen aus Backsteinklötzen, wie Sandberge, liegen Gegenstände in Glaskästen – wie angespültes Strandgut. Zum Beispiel ein kleiner Betonfuß. Daneben steht ein Zitat der flämischen Autorin und Illustratorin Gerda Dendooven: „Es ist der Fuß von Stella, die Hauptfigur meines jüngsten Buchs. Stella ist eine kleine Ertrinkende, die man aus dem Wasser fischt und die im Grunde eine Riesin ist.“

Spätestens jetzt ist es um den Pavillonbesucher geschehen. Hier möchte er bleiben und weiterlesen. Eintauchen in eine neue Bücherwelt – die flämische und holländische. Obwohl beide keine gemeinsame Literatur teilen, teilen sie doch die Sprache – und eine Meeresküste. Das ist es, was hinter dem diesjährigen Gastland-Motto steckt: „Dies ist, was wir teilen.“ Überall im Pavillon ist das zu lesen. Zum Beispiel an den Plexiglaswänden, die die Nebelschwaden imitieren, die dem Spaziergänger an der Nordseeküste so oft um die Nase wabern.

Flämischer Dialekt

Beim Gastlandauftritt geht es um das, was Flandern und die Niederlande miteinander verbindet, aber auch um das, was sie unterscheidet. Seit 1830, als die Belgische Revolution Flandern von den Niederlanden abspaltete, hat sich einiges verändert, auch sprachlich: Ein Holländer erkennt sofort den flämischen Dialekt und macht sich nicht selten darüber lustig.

Das umfassende und alles andere als langweilige Programm auf der Lesebühne „bietet die Chance zur Verständigung und zum Teilen“, freut sich die Organisatorin Judith Uyterlinde, selbst eine bekannte niederländische Autorin. Lesungen, Performance und Theater wechseln einander ab. „Inspired“ heißt die morgendliche Reihe, in der bekannte Autoren wie Cees Nooteboom vorlesen (heute 10.30 Uhr). Bei „This is what we share“ teilen sich zwei Autoren eines Genres die Bühne, oder es treffen zwei sich ergänzende Künstler aufeinander: wie der Flame Benjamin Leroy und sein holländischer Compagnon Jaap Robben, der dessen Bilderbuch „De Zuurtjes“/„Die Sauerdropse“ (2016) illustriert hat (Freitag, 11 Uhr). Und beim Format „Changed“ präsentieren jeweils um 11.30 Uhr Autoren in der Tradition der TED-Talks ihre Interpretation des Worts „Veränderung“. Am Samstag spricht hier Bibi Dumon Tak, bekannt von ihrem Kinderbuch „Kuckuck, Krake, Kakerlake“.

454 Titel aus Holland und Flandern sind allein in diesem Jahr auf Deutsch erschienen. Im Pavillon-Shop bietet die Frankfurter Buchhandlung „Land in Sicht“ eine Auswahl zum Kauf an. Am Autogrammtisch können Gäste die Schriftsteller treffen, die gerade aufgetreten sind.

Nicht zu kurz kommt die reiche Comic- und Graphic-Novel-Tradition der Flamen, die übergeht in die franco-belgische Großtradition der Comics. Auch die Niederländer haben eine Comictradition vorzuweisen. Und so wurden in einer Abteilung des Pavillons ein Illustrations-Atelier errichtet, in dem von morgens bis abends namhafte Illustratoren beider Länder zusammensitzen und ein kleines Heft mit einem spontan entstandenen Überthema produzieren, zum Beispiel „Die Buchstaben des Alphabets“. Wer Glück hat, kann ein Heftchen ergattern. Dort sitzt auch Nix, Erfinder der quirligen Schwestern „Kinky & Cosy“, die auch schon als Fernsehserie liefen und zurzeit regelmäßig als Dreibild-Comic in „Le Monde“ zu sehen sind. Gerade erstellt er ein wüstes Bild aus Fratzen zum Buchstaben „D“. „Kinky & Cosy“ sind übrigens prominent im Atrium des Messegeländes in einem Container untergebracht: „Auf eigene Gefahr geht man hinein, aber es ist nur 80 Prozent gefährlich“, sagt Nix grinsend.

Denn heraus aus dem Container komme der Gast verwandelt – in einen der beiden Charaktere. Bei der „Graphic Novel Battle“ treten am Samstag (12 und 16 Uhr) die Gastland-Illustratoren gegen ihre deutsche Kollegen an. Das kann heiter werden.

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